Morbus Menière: Nur nicht den Halt verlieren!

Unerklärlicher Schwindel, dazu Hörprobleme: Wer an Morbus Menière erkrankt, wartet oft lange auf die richtige Diagnose

von Andrea Grill, 12.04.2019

Das Handy muss kaputt sein! Das war Edith S. erster Gedanke, als beim Telefonieren auf einmal lautes Brummen an ihr Ohr drang. Doch mit dem Telefon am anderen Ohr funktionierte alles. Ein Hörsturz, vermutete ihr Arzt. Heute, zwölf Jahre später, ist sich die 64-Jährige sicher: "Das war ein Morbus-Menière-Anfall." Bis zur Diagnose vergingen drei Jahre, in denen Hörprobleme und Schwindelattacken sie immer wieder heimsuchten.

Die meisten Menschen dürften von der eher seltenen Erkrankung noch nie gehört haben, und auch Ärzte tun sich mitunter mit der Diagnose schwer. Etwa einer von 10.000 Deutschen ist betroffen. Diabetiker haben zwar kein höheres Risiko für Morbus Menière, aber die Krankheit kann bei ihnen schwerer verlaufen. Manche Fälle werden, wie bei Edith S., erst sehr spät erkannt. Einige Patienten mit Schwindel leben in jahrelanger Angst, weil man bei ihnen fälschlicherweise einen Morbus Menière vermutet.

Ohr unter Druck

Dr. Helmut Schaaf, Oberarzt der Tinnitus-Klinik Dr. Hesse in Bad Arolsen und Autor eines Buches zu Morbus Menière, beschreibt das Leiden als eine Erkrankung des Innenohrs, wo sowohl das Hörorgan als auch das Gleichgewichtsor­gan sitzt: "Vereinfacht gesagt, setzt der Morbus Menière das Ohr unter Druck." Das Hörorgan (Hörschnecke) ähnelt einem aufgewickelten, feinen Schlauch, der mit einer winzigen Menge Flüssigkeit gefüllt ist. Sie wird laufend produziert, fließt aber bei manchen Menschen nicht richtig ab und staut sich — warum, weiß bis heute niemand.

Die Folge: Die Sinneszellen im Ohr können nicht mehr richtig arbeiten. Betroffene erleben dann heftige Anfälle, die ganz plötzlich einsetzen. "Von einer Minute auf die andere dreht sich alles, und ein anhaltender, heftiger Brechreiz setzt ein", beschreibt Schaaf solche Episoden. Dazu komme einseitiger Tinnitus, typischerweise ein tiefes und extrem lautes Brummen. "Wer so etwas erlebt, kann oft über Stunden nicht mehr aufstehen und fühlt sich hundeelend", sagt der Experte.

Morbus Menière: Stau im Innenohr

Durch das Innenohr verlaufen kleine, mit verschiedenen Flüssigkeiten gefüllte Kanäle.
Bei Morbus Menière kommt es darin zu einem Stau. Folge: Der Druck steigt. Das kann zu Schwindel und Hörverlust führen.

Wirksame Therapie

Zu Beginn der Erkrankung zeigen sich meist noch nicht alle Symptome, was den ärztlichen Verdacht oft auf andere Ursachen lenkt. "Wer immer wieder plötzliche Hörprobleme hat oder starke Schwindel­anfälle erlebt, sollte einen HNO-Arzt oder eine Schwindelambulanz aufsuchen", sagt Schaaf. Dort könne die Ursache mit speziellen Untersuchungen geklärt werden.

Bestätigt sich ein Verdacht auf Morbus Menière, ist das kein Grund zu verzweifeln: Zwar ist die Erkrankung nicht heilbar, und im schlechtesten Fall kann das Hörvermögen zumindest auf einer Seite verloren gehen. Aber das Leiden ist nicht lebensbedrohlich. Und es gibt für Patienten mit sehr häufigen Anfällen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten.

Eine davon: spezielle Antibiotika-Injektionen ins Mittelohr. Das soll den Schwindel mindern. Als wirksam haben sich in Studien auch Kortison-Injektionen herausgestellt. Sie werden aber von den gesetzlichen Krankenkassen noch nicht erstattet.

Weil die Schwindelanfälle nicht vorhersehbar sind, sollten Menière-Patienten im Alltag darauf vorbereitet sein. "Ich habe in jeder Handtasche eine Notfall-Grundausstattung", erzählt Edith S. Sie besteht aus einer Spucktüte und Zäpfchen gegen Übelkeit und Erbrechen. Auch das Handy ist immer an Bord, um im Notfall Hilfe rufen zu können. Alle Freunde wissen über die Erkrankung Bescheid.

Helmut Schaaf rät seinen Patienten, ihr Gleichgewicht zu trainieren. Dazu gibt es je nach Fitness viele Möglichkeiten, von Sport über Physiotherapie bis Rolla­tortraining. Für Diabetiker sei das besonders wichtig. Denn "mit diabetischen Schäden an Augen oder Nerven ist es schwieriger, Gleichgewichtsausfälle zu kompensieren". Auch eine stabile Blutzuckereinstellung helfe, mit der Schwindelerkrankung besser zurechtzukommen.

Angst als Begleiter

Wogegen aber weder Medikamente noch Training helfen können, das ist die Angst. Viele Betroffene erleben die wie aus dem Nichts heraus wiederkehrenden Anfälle als lebensbedrohlich. Sie ziehen sich immer mehr zurück, unternehmen nichts mehr und verkriechen sich zu Hause, aus Angst, dass "es" wieder passieren könnte.

Experte Schaaf rät, frühzeitig gegenzusteuern: mithilfe von Psychotherapeuten oder Menière-Selbsthilfegruppen, die es bundesweit gibt (Informationen und Kontakt unter www.kimm-ev.de).

Edith S. hat der Kontakt zu anderen Betroffenen in der Zeit nach ihrer Diagnose sehr geholfen. "Bei einem der Treffen habe ich eine Frau kennengelernt, bei der alles noch viel dramatischer verlief als bei mir", erzählt sie. "Sie hat mir gezeigt, wie man trotz aller Einschränkungen die Freude am Leben behalten kann." Aus der Begegnung entstand eine bis heute andauernde Freundschaft.