Weniger Stress – bessere Werte

Gegen Stress lässt sich viel tun. Wenn Sie den Alltag gelassener angehen, profitieren Ihre Nerven und auch Ihre Blutzuckerwerte

von Andrea Grill, 05.08.2019

Als ein Arzt ihn vor 25 Jahren zum ersten Mal auf seine erhöhten Blutzuckerwerte hinwies, nahm Detlef P. das zur Kenntnis, aber nicht weiter ernst. "Ich werde also vermutlich irgendwann Diabetes bekommen, ist ja toll!", dachte er sich. Damals erst Mitte 30, hatte er in seinem Leben keinen Platz für Gedanken an die eigene Gesundheit. "Ich war für einen Energiekonzern tätig, hatte große Projekte zu verantworten", erzählt er. Ein Vollzeitjob, der viele Kilometer auf der Autobahn, Überstunden und mitunter schwierige Verhandlungen bedeutete. "Das war oft sehr belastend", sagt Detlef P., der heute 62 Jahre alt ist. "Ich musste im Beruf Leistung bringen, war Alleinverdiener für eine Familie mit zwei kleinen Kindern."

Atemlos durch die Lebensmitte

"Rushhour of Life" nennen Ärzte den mittleren Lebensabschnitt im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie. Für viele Menschen bedeutet das: Dauerstress! Drei Viertel aller Erwerbstätigen gaben in einer Studie der Techniker Krankenkasse an, unter hohem Druck zu stehen und gestresst zu sein. Viele sehen sich im digitalisierten Arbeitsleben Tag für Tag neuen Anforderungen, Terminen und Zeitdruck ausgesetzt. Negative Gedanken wie "Ich schaffe es nicht" und "Ich habe zu wenig Zeit" machen sich dann breit.

Die Hamburger Diabetes-Psycholo­gin und Psychotherapeutin Dr. Rita Trettin, die Neurologin und Psychiaterin ist, erlebt bei ihren Patienten die Folgen: "Selbst wenn der Arbeitstag vorüber ist, können viele Menschen nicht mehr abschalten, und ihr Adrena­linspiegel bleibt erhöht."

Das Hormon Adrenalin spielt bei Stressreaktionen nämlich eine Schlüsselrolle. Wenn jemand zum Bahnsteig spurtet, um den bald abfahrenden Zug noch zu erwischen, mobilisiert Adrenalin im Körper die Energie für diese Leistung. Herz und Muskeln arbeiten auf Hochtouren. Hat sich die Anstrengung gelohnt, lässt sich der Reisende außer Atem in den Sitz sinken — und ist schon an der nächsten Haltestelle wieder entspannt. Auf Anspannung folgt Entspannung: "So läuft eine biologisch sinnvolle Stressreaktion ab", sagt Rita Trettin.

Wer aber unter Dauerbelastung steht, dem gelingt es nicht mehr, das Adrenalin abzubauen. Dann ist der Körper in einem permanenten Alarmzustand. Diese Art von Stress ist nicht nützlich, sondern macht krank. Betroffene leiden häufig unter Magenbeschwerden, Nackenverspannungen oder Kopfschmerzen. Oder sie sind fahrig, können sich schlecht konzentrieren. Auch Schlafstörungen belasten viele.

Für Diabetiker ist Dauerstress besonders ungesund. Er treibt den Blutzucker in die Höhe, weil die Stresshormone Adrenalin und Cortisol im Körper laufend Zucker freisetzen, um Energie bereitzustellen.

Bei Detlef P. passierte genau das. Seine Blutzuckerwerte kletterten innerhalb weniger Jahre so hoch, dass es ohne Diabetes-Medikamente nicht mehr ging. Erst 38 Jahre war er damals alt. Der Hausarzt verschrieb ihm Metformin und Tabletten gegen den Bluthochdruck. "Das reichte eine Weile aus, aber fünf Jahre nach der Diagnose brauchte ich Insulin", erzählt P. Er akzeptierte das, ohne groß darüber nachzudenken.

Stress als Schlafräuber

Viel wichtiger war die Familie. Weil seine Tochter mit einer schweren geistigen Behinderung zur Welt gekommen war, brauchte sie intensive Betreuung. "Ihre gesundheitlichen Probleme begannen mit der Geburt und wurden seither nicht kleiner", erzählt der Vater. Oft nahm er den Stress mit in den Schlaf, lag in der Nacht stundenlang wach im Bett und hing sorgenvollen Gedanken nach.

Hätten sie nur ihren Diabetes zu managen, kämen viele Patienten gut zurecht, sagt Professor Dr. Bernhard Kulzer, leitender Psychologe am Diabetes Zentrum Mergentheim. Wenn aber wie bei Detlef Pack noch andere Belastungen dazukommen, wird manchmal alles zu viel, betont der Psychologe. "Wer gerade Probleme in der Beziehung oder Familie hat, dem fehlt womöglich die Kraft, auch noch auf den Zucker zu achten."

Detlef P. verdrängte seinen ­Diabetes, machte einfach weiter, als ob nichts wäre. Er legte an Gewicht zu. Für Sport blieb keine Zeit. Der Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c-Wert) war häufig erhöht — das zeigten die vierteljährlichen Untersuchungen beim Arzt.

Nach vielen Gesprächen mit seinem Hausarzt begann er schließlich doch, sich mit der Erkrankung zu beschäftigen. "Dadurch habe ich allmählich eine Haltung zu meinem Diabetes entwickelt." Der ehemals "blöde Zucker" gehörte jetzt dazu. Und — er stresste.

In einem ohnehin schon schwierigen Alltag sei Diabetes eine zusätzliche Stressquelle, meint Psychologe Kulzer. "Man muss sich um die Erkrankung Tag für Tag aufs Neue kümmern, und dabei läuft nicht immer alles glatt." Denn Dia­betes sei nie perfekt planbar. Für Detlef Pack brachte die Auseinandersetzung mit der Krankheit neue Zukunftssorgen. "Je mehr ich erfuhr, umso besser wusste ich auch über die gefährlichen Folgen von Diabetes Bescheid."

Schulung brachte die Wende

Ängste vor Folgekrankheiten seien für viele Diabetes-Patienten ein Stressfaktor, sagt Psychologe Bernhard Kulzer. Um damit besser klarzukommen, empfiehlt er Schulungen. "Wer gut geschult ist, fühlt sich der Erkrankung nicht ausgeliefert, sondern weiß, dass und wie er sie beeinflussen kann."

Den gleichen Rat bekam Detlef P. von seinem Arzt, als er beschloss, sich künftig besser um seine Gesundheit zu kümmern. Der Doktor regte eine Schulungswoche in einer Diabetesklinik an. Das war 2007 für seinen Patienten der Auftakt zu einem neuen Umgang mit der Krankheit. Detlef P. hat seither von 103 Kilogramm auf 90 abgespeckt, achtet auf seine Ernährung und geht regelmäßig zu Vorsorgeterminen. Dazu kamen mehrere Aufenthalte im Diabetes Zentrum Mergentheim in den letzten Jahren. Sein Blutzucker wurde dort mithilfe moderner Medikamente besser eingestellt. "Außerdem habe ich das volle Programm mitgemacht", erzählt er. Das heißt: Ernährungsberatung, Bewegungskurse und stressmindernde Entspannungsangebote.

"Arbeitsbelastung ist zwar heute kein Thema mehr für mich, da ich 2013 in den Ruhestand getreten bin", so P., "aber die seelischen Belastungen durch inzwischen 30 Jahre Leben mit einem behinderten Kind sind geblieben." Bei der Stressbewältigung haben ihm auch viele Gespräche mit den Psychologen in der Klinik geholfen.

Entspannt zu besseren Werten

Wenn er die Diabetesklinik verlasse, sei er jedes Mal neu motiviert, sagt Detlef P. "Ich lerne immer noch dazu, nehme jedes Mal etwas Positives mit." Sein "kleiner Freund", wie er den Blutzucker-Langzeitwert HbA1c nennt, verbessere sich danach stets messbar.

"Mit dem seelischen Gleichgewicht kommt oft auch der Zucker wieder ins Lot", weiß Expertin Rita Trettin. Wer sich gestresst fühle und seinen Diabetes nicht gut in den Griff bekomme, solle sich an den Arzt seines Vertrauens wenden, rät sie. Manchen Patienten würden Entspannungskurse gut helfen, die von den Krankenkassen bezuschusst oder im Rahmen der Prävention sogar kostenfrei angeboten werden. Für andere komme vielleicht ein Stressbewältigungstraining infrage.

Sei das Problem gravierender, könne psychologische Beratung — entweder ambulant oder in einer Dia­betesklinik — aus der Stressfalle heraushelfen.

Sehr hilfreich: Bewegung

"Extrem hilfreich zur Stressbewältigung ist auch Bewegung", ergänzt die Ärztin. Denn körperliche Aktivität senke den Adrenalinspiegel. "Man kann beim Sport regelrecht spüren, wie die Anspannung abfällt." Detlef P. bekam von seinen Ärzten als Ansporn für mehr Bewegung einen Schrittzähler. Und stellte erstaunt fest, dass er offenbar einen sehr bewegten Alltag hat. An manchen Tagen kommen 15.000 Schritte oder sogar mehr zusammen.

Sein bevorzugtes Mittel zum "Runterkommen" sind jedoch angeregte Gespräche mit guten Freunden, dazu ein Gläschen Wein. "Zum Sport bin ich einfach zu bequem, aber beim ‚Dummschwätzen‘, wie wir hier im Bergischen Land sagen, da kann ich mich wunderbar entspannen."

Den Stress wegatmen

Lokomotive: Langsam durch die Nase ein-, durch den Mund ausatmen. Tempo steigern wie bei einer Dampflok, die beschleunigt. Dann das Ganze rückwärts

Zahlenspiel: Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen. Dabei gleichmäßig zählen, zum Beispiel jeweils bis vier. Geübte zählen weiter