30.03.2020: Äußerst blutige Angelegenheit

Isabelle Fabian ist Mutter von drei Kindern. Eines davon hat seit Sommer 2019 Diabetes Typ 1. Ab sofort erzählt sie hier regelmäßig, wie es ihrer Familie in Zeiten von Corona geht

von Isabelle Fabian, 30.03.2020

"Mama, ich brauche einen Teststreifen." Mit fettem Blutstropfen am kleinen Finger sitzt Konstantin am gedeckten Tisch. Weit und breit kein Streifen in Sicht. Ich hechte los in sein Zimmer zur "Diabetes-Ecke". Doch dort, wo die Streifen sein sollten, steht lediglich eine leere Packung.

Also weitersprinten, ins Badezimmer, zum Medizinschrank. Mein Sohn soll nicht umsonst bluten! Beim Laufen rufe ich Konstantin zu: "Finger stillhalten, bloß nicht bewegen. Hast du noch Blut?" "Beeil dich, Mama!", ist alles, was ich zur Antwort bekomme. Dass wir das Problem nicht hätten, wenn mein werter Herr Sohn seinen Vorrat immer selbst nachfüllen würde, werfe ich ihm jetzt nicht an den Kopf.

Abgehetzt erreiche ich den Medizinschrank, dort lächeln mir noch zwei volle Packungen entgegen. Besonders viele Streifen sind das auch nicht mehr... Während ich zurück zum Esstisch renne, reiße ich die Folie des Streifens auf, übersehe dabei Mathildas Kuschelschaf, das mitten im Flur liegt, stolpere und stürze schließlich Konstantin entgegen. Stäbchen rein ins Blutzuckermessgerät. Und los. Völlig außer Atem beobachte ich, wie sich der Streifen mit Konstantins Blut vollsaugt und... "Fehler!" "Da bist du jetzt aber schuld, Mama. Ich hatte genug Blut." Und ich habe Blutdruck! Dieses blöde Teil...

In den vergangenen Tagen ist es uns schon öfter passiert, dass das Ding "Fehler" meldet. Bisher hat mich das nicht gestört, dann musste Konstantin zur Not seinen Finger eben noch mal melken, und wir haben die Messung wiederholt. Mit Corona-Krise und nur noch zwei Packungen im Schrank sehe ich das etwas anders. Wir kommen zwar noch rund zwei Wochen hin, bis zum Ambulanztermin. Aber vielleicht sind in 14 Tagen Teststreifen aus?

Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten gibt es ja schon seit Längerem, und das Virus tut sein Übriges. Vielleicht werden demnächst Blutzuckerteststreifen gehamstert statt Toilettenpapier. Wenn wegen der Ausgangssperre keiner mehr das Haus verlässt, sich folglich alle weniger bewegen und dafür lieber essend und fernsehend auf der Couch hocken, ist es doch durchaus denkbar, dass die Diabetes-Erkrankungen zunehmen, oder?

Meine Rezeptwünsche habe ich jedenfalls sofort an die Klinik geschickt. Und lieber in der Apotheke noch ein paar Packungen Messstreifen mehr geordert. Ob die Krankenkasse die Kosten übernimmt bei unserem Verschleiß und bei gleichzeitiger Anwendung des kontinuierlichen Glukosemessgeräts (CGM)? Keine Ahnung! Würde das CGM einwandfrei laufen, müssten wir ja nicht ständig parallel blutig messen.

Konstantin hasst es sowieso. Wenn er mich vorm Essen aus der Küche flöten hört: "Schaaaahatz, Hände waschen und blutig messen!", kommt er garantiert mit einem Flunsch und ungewaschen an den Tisch gewackelt. Warum muss das auch so übel klingen, "blutig messen"? Kann man für diesen Akt der Selbstverstümmelung nicht etwas Wohlklingenderes finden? Etwa: "Schaaahatz, bitte verwöhne einen deiner Finger mit einer Express-Akupunktur"?

Durch die Corona-Krise und das damit verbundene permanente Aufeinanderhocken hat sich Konstantins Hass auf die Blutzuckermessungen zudem verstärkt. Während der regulären Schulzeit kann Mama nicht ständig kontrollieren, da schlampt der Sohnemann und kommt auch schon mal mit einem viel zu niedrigen Wert heim. Jetzt, da wir gemeinsam zu Hause sind, lege ich aber Wert darauf und liege ihm von früh bis spät damit in den Ohren – und das die ganze Woche lang.

Dass Konstantin das nervt, kann ich verstehen. Ich geh mir ja schon selber auf den Keks. Und auch Julius, dem großen Bruder, geht's gehörig gegen den Strich, wenn Konstantin sich wegen des Piks so querstellt: "Mann, Alter, hast du's bald mal?! Kannst du nicht mal random messen?" – Hähhh? "'Random' heißt doch zufällig und passt an der Stelle gar nicht", belehre ich meinen Ältesten. Der knurrt: "Orrr, du bist so lame." Langweilig? Lahm? Na, herzlichen Dank auch. "Von Langeweile kann bei unserem Programm zu Hause wohl keine Rede sein", kontere ich. "Und lahm, das trifft auch nicht auf mich zu, solange ich noch nach den Blutzuckermessstreifen sprinten kann. Das nächste Mal holst du einen. Dann werden wir ja sehen, wer hier 'lame' ist. Ich stoppe die Zeit."