Diabetes-Beratung aus der Ferne

Wegen der Corona-Pandemie bieten viele Hausärzte und Diabetologen im Moment nur Akut- bzw. Notfallsprechstunden an. Wie Betroffene jetzt kompetente Antworten auf ihre Fragen bekommen

von Dr. Caroline Mayer, 21.04.2020

Viele Menschen mit Diabetes haben ihre Erkrankung gut im Griff. Patienten, bei denen erst kürzlich ein Diabetes festgestellt wurde, oder Betroffene mit Begleiterkrankungen sind dagegen auf Schulungen und ärztlichen Rat besonders angewiesen. Die meisten Hausärzte und Diabetologen sind natürlich weiterhin für ihre Patienten da. Aber manche Fragen lassen sich auch ohne Praxis-Besuch klären. Hilfe kommt übers Telefon oder aus dem Internet: Videosprechstunden, Online-Angebote oder Apps – wir zeigen Ihnen, wie Sie trotz Corona-Einschränkungen gut informiert und gut beraten bleiben.

Eine wichtige Information vorneweg: Medizinisch notwendige Arztbesuche, etwa weil der Blutdruck plötzlich ansteigt, sind selbstverständlich weiterhin wichtig. Bei akuten Problemen, wie etwa einer Wunde bei einem diabetischen Fuß, sollten Sie nicht aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus auf einen Arztbesuch verzichten, sondern schnellstmöglich Hilfe suchen. Rufen Sie aber vorher unbedingt in der Praxis an, um sich über geänderte Abläufe und besondere Schutzmaßnahmen zu informieren. Bei Notfällen, wie etwa Anzeichen für einen Herzinfarkt, müssen Sie den Notarzt unter der Nummer 112 holen.

Nützliche Webseiten rund ums Thema Diabetes

Im Internet finden Menschen mit Diabetes Antworten auf praktisch alle Fragen. Doch hier ist Vorsicht geboten. Wissenschaftlich geprüfte Informationen sind nur einen Klick entfernt von fragwürdigen Tipps oder Werbung für vermeintliche Wundermittel, die meist nichts nutzen und sogar schaden können. "Man sollte bei der Suche im Internet immer auf die Quelle der Information achten", sagt Katrin Hertrampf von der Stiftung DHD (Der herzkranke Diabetiker) und Mitarbeiterin am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen.

Sie empfiehlt, nur Seiten zu vertrauen, die erstens industrieunabhängig sind und zweitens mit einer medizinischen Fachredaktion oder einem wissenschaftlichen Gremium zusammenarbeiten. Solche Hinweise finden sich beispielsweise im Impressum. Es sollte zudem auf der Webseite klar ersichtlich sein, ob und welche Experten mitgewirkt haben.

Alle Artikel, die auf dem Online-Portal des Diabetes Ratgeber erscheinen, werden vor der Veröffentlichung von einer medizinischen Fachredaktion geprüft. Hier gibt es eine eigene Rubrik Diabetes-Wissen , aktuelle Informationen und viele praktische Tipps, z.B. zu Ernährung, Sport sowie Psyche, und übrigens auch wichtige Hinweise zum Thema Coronavirus.

Für Patienten verständlich aufbereitete Informationen geben Organisationen, die sich in ihrer Aufklärungsarbeit gezielt an Betroffene richten. Die Seiten der Deutschen Diabetes Stiftung/Deutschen Diabetes Gesellschaft, der Stiftung DHD (Der herzkranke Diabetiker), oder auch die Diabetes-Seite der Deutschen Herzstiftung beantworten vor allem allgemeine Fragen rund um das Thema Diabetes.

Auch die Internetseiten von Fachgesellschaften wie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) fassen aktuelle Informationen und Forschungsergebnisse zusammen. Da sich speziell diese Seiten an Ärzte richten, sind sie aber häufig schwerer zu verstehen.

Telefonberatung und Videosprechstunden

Viele Ärzte bieten jetzt vermehrt Beratungen am Telefon an. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie wurden Videosprechstunden in Deutschland sehr wenig genutzt. Das lag vor allem daran, dass Ärzte nur eine bestimmte Menge davon pro Quartal abrechnen konnten. Diese Mengenbegrenzung ist vorerst bis Ende Juni aufgehoben. Daher hat sich das Angebot in den vergangenen Wochen deutlich verbessert.

Wer eine dringende Frage hat oder wegen bestimmter Beschwerden besorgt ist, sollte beim Hausarzt oder Diabetologen anrufen. Im Gespräch können der Arzt oder die Praxis-Mitarbeiter entscheiden, ob das akute Problem so schwerwiegend ist, dass man doch in die Sprechstunde kommen sollte.

In manchen Praxen und Kliniken gibt es derzeit sogar regelmäßig Hotlines. "Unsere Schulungskräfte und Ernährungswissenschaftler etwa beraten Patienten, die bei uns eingeschrieben sind, telefonisch zu allen Fragen rund um das Thema Diabetes oder speziell zum Thema Ernährung", sagt Katrin Hertrampf. "Außerdem haben wir eine psychologische Hotline für Patienten und Angehörige eingerichtet." So etwas gebe es gelegentlich auch im niedergelassenen Bereich. Menschen mit Diabetes können nachfragen, welche neuen Angebote ihre Ärzte in Zeiten von Corona machen. "Ich kenne zwar im Moment keinen zentralen Hotline-Anbieter", sagt Katrin Hertrampf. "Bei der Stiftung DHD können herzkranke Diabetes-Patienten aber zum Beispiel schriftlich Fragen zu den Themen Prävention, Behandlung und Nachsorge stellen, auch wenn sie nicht Mitglied sind."

Noch mehr Möglichkeiten als ein Telefongespräch bieten Videosprechstunden per Internet. Dort können Patienten z.B. Laborbefunde oder Fotos einer offenen Wunde, die vorab über verschlüsselte E-Mails ausgetauscht wurden, im Video-Chat mit ihren Ärzten besprechen. Das funktioniert so: Die Patienten erhalten von der Praxis oder Klinikambulanz eine E-Mail mit einem Termin und einem Einwahl-Link. Wenn sie zur angegebenen Uhrzeit auf diesen Link klicken, kommen sie in ein virtuelles Wartezimmer. Sobald sich der Arzt zuschaltet, sehen die Patienten auf ihrem Bildschirm zwei Fenster. In einem spricht der Arzt per Videoübertragung zu ihnen, im anderen zeigt er die Dokumente, die er erklären möchte. Dazu benötigen Patienten nur ein Smartphone, ein Tablet oder einen Computer mit Kamera, Mikrofon und Internetanschluss.

Telemedizin und onlinebasierte Schulungen

Telefon- und Videosprechstunden gehören in den Bereich der sogenannten Telemedizin. Telemedizin bedeutet, dass Behandler und Patient nicht zur gleichen Zeit im gleichen Raum sind, sondern über technische Hilfsmittel miteinander kommunizieren, um etwa eine Diagnose zu besprechen oder um Therapie-, Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen durchzuführen.

Weitere Beispiele für telematische Anwendungen sind Geräte bzw. Computerprogramme, mit denen man seine Blutzucker-Messergebnisse verschlüsselt an den Arzt übermitteln kann, Gesundheitsschulungen über das Internet oder Apps, die Tipps für einen gesunden Lebensstil geben.

In Deutschland sind solche Angebote – mit Ausnahme von Apps – noch nicht besonders weit verbreitet. Das könnte sich durch die Coronakrise aber ändern. Viele Entwickler bieten interessierten Arztpraxen ihre Software-Lösungen derzeit kostenlos an. Daher rüsten jetzt immer mehr Praxen und Ambulanzen auf – und haben für ihre Patienten neuerdings zum Beispiel onlinebasierte Diabetes-Schulungen im Programm. Der Haken: Die Programme können in der Regel nur von den Patienten kostenfrei genutzt werden, die bereits eine Anbindung an die Praxis oder Klinik haben.

Für alle anderen hat Katrin Hertrampf einen Tipp: das Schulungsprogramm my-diabetes.de, das auch an ihrer Klinik genutzt wird. Wenn man sich dieses Programm privat anschafft, werden die Kosten zwar nicht von der Kasse übernommen, die Hersteller gewähren aber derzeit einen Rabatt von 95 Prozent.

Diabetes-Apps

Sehr viele digitale Gesundheitsangebote findet man im App-Store seines Smartphones. Das Angebot ist fast unüberschaubar. Menschen mit Diabetes können die digitalen Helfer z.B. als Diabetes-Tagebuch nutzen, sich über Push-Nachrichten an Blutzuckermessungen erinnern lassen oder mittels Fotoanalyse die Nährwerte ihres Essens berechnen. Zukünftig wird es Apps sogar auf Rezept geben. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erstellt derzeit eine Liste von verordnungsfähigen Apps, die 2021 erscheinen soll.

Wer eine Diabetes-App installiert und nutzt, sollte unbedingt darauf achten, dass die Daten geschützt sind. Wählen Sie daher ein möglichst kompliziertes Passwort, dass nicht so einfach zu erraten ist. Tipps, wie man sichere Passwörter erstellt, gibt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.

Wichtig ist auch, dass Daten nicht an Dritte weitergegeben werden. Leider sind die Datenschutzbestimmungen der Apps häufig sehr umfangreich und schwer zu verstehen. Wer sich unsicher ist, sollte lieber nur Apps verwenden, die etwa das DiaDigital-Siegel der Diabetesverbände DDG, diabetesDE und VDBD erhalten haben.

Auch der Digital Ratgeber des Wort & Bild Verlags hat einige Diabetes-Apps getestet und empfiehlt zum Beispiel die Erinnerungshilfe Lumind, die Dokumentations-Apps Diabetes Tagebuch + Companion und meinDiabetes sowie den Krankheitsmanager MyTherapy.