26.06.20: Dummy, Dummy, Dummy!

Nachdem der letzte Ambulanztermin wegen Corona nur telefonisch stattgefunden hat, steht nun endlich wieder ein persönliches Gespräch mit Konstantins Diabetologin an. Familie Fabian hat viele Fragen. Der Sohnemann will nur eins: eine Pumpe

von Isabelle Fabian, 26.06.2020

Als sich die Tür des Behandlungszimmers hinter uns schließt, falle ich in mich zusammen. Ich fühle mich, als hätte mir jemand mit dem Hammer auf den Kopf gehauen. Meinem Mann scheint es ähnlich zu gehen, das sehe ich ihm an. Nur Konstantin ist energiegeladen und drängelt: "Können wir jetzt endlich die Pumpe holen?" Ein Blick auf die Uhr. Wir müssen die Beine in die Hand nehmen, um es noch vor Ladenschluss ins Diabetesgeschäft zu schaffen. Wie ich es hasse, hetzen zu müssen.

Eine ganze Stunde hat der Ambulanztermin mit unserer Diabetologin gedauert. Das Gespräch war sehr aufschlussreich, aber anstrengend. Zwar hatten wir uns eine To-do-Liste geschrieben, beim Abarbeiten sind wir allerdings vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. Konstantin war vielleicht die ersten fünf Minuten geistig anwesend, sobald es aber um Berechnungsformeln und technische Details ging, schaltete er ab. Seufz. Dabei ist es doch sein Diabetes.

Zuvor, im Wartezimmer, saß eine Mutter mit ihrem Sohn, der wie unser Kind eine Bauchtasche mit sich trug. Die Vermutung lag nahe, dass er auch Typ 1 hat. Neugierig, wie ich eben bin, habe ich die beiden einfach angesprochen. Wann hat man sonst die Chance für einen Austausch? Das Diabetes-Sommercamp fällt leider wegen der Corona-Pandemie aus, und für Selbsthilfegruppen fehlte mir bislang die Zeit. Der Junge wusste bestens Bescheid und warf mit Fachbegriffen um sich. Mein Mann und ich staunten nicht schlecht. Allerdings muss man dazu sagen, dass der Bursche vier Jahre älter war als Konstantin.

Als wir nach seiner Therapie fragten, erklärte er uns seine schlauchlose Insulinpumpe und den dazugehörigen Sensor. Genau die Kombination, die wir gemeinsam mit Konstantin recherchiert und für passend empfunden hatten. "Bist du zufrieden?", wollte mein Mann wissen. "Nee, ich will wechseln." Autsch. Falsche Antwort. Wie sich dann aber herausstellte, hatte der Junge einen viel höheren Insulinbedarf als unser Kind, weshalb die Pumpe häufiger als vorgesehen getauscht werden muss. Nur deshalb wollte er nun auf ein anderes System umstellen. Das klang schon besser.

Die Unterhaltung mit dem Jungen machte Konstantin Mut, und er erzählte seiner Ärztin, dass er sich ganz dringend so eine Insulinpumpe wünscht. Die Spritzerei und die ständigen Probleme mit seinem CGM, das entweder falsch hohe Werte anzeigt, die Verbindung verliert und nur einen statt mehrerer Alarme abgibt, würden ihm gegen den Strich gehen. Die Diabetologin war sofort mit einem Wechsel einverstanden, wollte sich aber noch einmal mit der Oberärztin besprechen.

Gemeinsam mit der Diabetologin nahmen wir dann noch Konstantins Tagebuch auseinander: Wann wurde welche Korrektur gespritzt? Wie hat sie angeschlagen? Und vor allem, wie können die Achterbahnwerte der vergangenen Tage wieder ins Lot gebracht werden? Die Ärztin stimmte mir zu, dass davon auszugehen sei, dass die Remission zu Ende ist. Neue Faktoren zur Berechnung des Mahlzeiteninsulins seien notwendig. Zwar hatte ich mich schon an einer Anpassung versucht, aber weil man ja vorsichtig und in kleinen Schritten vorgehen soll, war ich bis zum Tag des Ambulanztermins noch nicht dort angekommen, wohin wir wollten – zurück in den Zielbereich. Als die Ärztin mir dann eine Formel zur Berechnung neuer Korrekturfaktoren aufschrieb, stieg ich komplett aus. "Ich brauche eine Nachschulung", stöhnte ich. Beruhigend meinte die Diabetologin: "Die bekommen Sie sowieso, wenn wir auf die Pumpe umstellen." Da war Konstantin plötzlich wieder ganz Ohr: "Wann kriege ich die Pumpe?" Diese Frage konnte die Ärztin meinem Sohn leider nicht beantworten.

Und so heißt es: abwarten. Nicht gerade die größte Stärke unseres Sohnes. Zum Glück hat mein Mann mitgedacht und im Diabetesgeschäft einen Dummy für eine schlauchlose Pumpe zurücklegen lassen. Für einen Tragetest. (Insulin gibt der Dummy logischerweise nicht ab.)

Ganz knapp vor der Schließung erreichen wir das Geschäft. Die Verkäuferin nimmt sich trotzdem Zeit für uns und demonstriert, wie und wo Konstantin das Teil anbringen muss. Am liebsten würde Konstantin die Packung sofort aufreißen. Ich kann ihn gerade noch davon abhalten. Daheim gibt es kein Halten mehr. Stolz wie Bolle dreht er sich mit dem Dummy vorm Spiegel. "Das sieht aus wie die Hülle von meinem MP3-Player", erklärt er uns freudig. Nun ist mir auch klar, warum er die Pumpe so cool findet. Nur Musik hören kann man damit leider nicht. Dabei fällt mir ein ABBA-Song ein, den ich mal eben schnell umdichte: "Dummy, Dummy, Dummy, must be funny, in a pumpy world! Dummy, Dummy, Dummy, always sunny, in a pumpy world!"