Diabetes und die Gene: Die Macht des Schicksals

Diabetes ist erblich. Sind Angehörige erkrankt, steigt das eigene Risiko. Doch wie viel Einfluss haben die Gene wirklich?

von Dr. Sabine Haaß, 03.08.2020

Seit Kurzem wissen Sie es von Ihrem Arzt: Sie haben Typ-2-Dia­betes. Keine gute Nachricht, aber vielleicht nicht völlig überraschend, schließlich liegt die Krankheit in der Familie. Ihre Mutter hatte Typ 2, der Opa ebenfalls, und Ihre Schwester kämpft schon seit einiger Zeit mit erhöhten Blutzuckerwerten. Sind eben die Gene, da kann man nichts machen – oder?

Bis zu 400 Gene für Typ 2

Tatsächlich steigt die Wahrscheinlichkeit einer Diabetes-Diagnose, wenn vor allem nahe Verwandte Typ 2 haben: Ist ein Elternteil, Bruder oder Schwester betroffen, um bis zu 60 Prozent, sind Vater und Mutter erkrankt, um bis zu 80 Prozent. Das heißt: Von zehn Personen mit dieser Familiengeschichte bekommen sechs bzw. acht irgendwann in ihrem Leben Diabetes.

"Wir schätzen die Zahl der Gene, die an der Entstehung von Typ 2 beteiligt sind, derzeit auf etwa 200 bis 400", sagt Professor Dr. Johannes Beckers vom Institut für Experimentelle Genetik am Helmholtz Zentrum München/Deutsches Zentrum für Diabetesforschung. Diese Gene — oder vielmehr die Eiweiße, deren Bauplan aus den Genen abgelesen wird — greifen an vielen verschiedenen Stellen in den Stoffwechsel ein.

Jedes Gen dreht sozusagen an einem Rädchen, das auf irgendeine Weise den Blutzuckerspiegel steuert. Es gibt Gene, die bestimmen, wie viel Insulin die Beta­zellen in der Bauchspeicheldrüse ausschütten oder wie empfindlich zum Beispiel Leber- und Muskelzellen auf das Hormon reagieren. Je schlechter Insulin wirkt, desto weniger Zucker aus dem Blut gelangt in die Zellen. Andere Gene beeinflussen die Wirkung von Hormonen, die dem Gehirn Hunger oder Sättigung signalisieren. Wer ständig Appetit verspürt, isst mehr und wird übergewichtig — ein Risikofaktor für erhöhte Zuckerwerte und Diabetes.

Die Rolle der Ernährung

Vererbt wird dabei nicht der Typ-2-­Diabetes selbst, sondern die Ver­­anlagung zu erkranken. In den allermeisten Fällen müssen dazu mehrere Genveränderungen zusammenkommen, so Experte Beckers. Aber auch wenn ein Mensch etliche solcher Erbanlagen besitzt: Für sein Diabetesrisiko sind sie nur zu höchstens zehn bis 15 Prozent verantwortlich. Warum ist dann die Erkrankungswahrscheinlichkeit innerhalb von Familien so hoch?

Zum Teil liegt es an den Lebensgewohnheiten, die wir von unseren Eltern erlernen. Etwa eine ungesunde, kalorienreiche Ernährung oder ein sehr gering ausgeprägter Bewegungsdrang. Beides begünstigt Übergewicht und Diabetes. Gene und übernommene Verhaltensweisen reichen aber noch nicht aus, um das gehäufte Auftreten von Typ 2 in Familien und auch den rasanten Anstieg der Erkrankungsfälle in den vergangenen Jahrzehnten zu erklären. "Da muss also noch etwas sein, das von einer Generation an die nächste vererbt wird", sagt Johannes Beckers. Aber was?

95 % der an Diabetes Erkrankten in Deutschland haben Typ 2,
5 % haben Typ 1 (ungefähre, gerundete Zahlen). Typ 1 ist nicht nur wesentlich seltener als Typ 2, er wird auch seltener vererbt

Quelle: www.diabinfo.de

Das haben Beckers und seine Kollegen inzwischen durch Studien mit Mäusen herausgefunden. Sie gaben gesunden Tieren sechs Wochen lang fett- und kohlenhydratreiches Futter. Die Folgen: Übergewicht und ein Anstieg der Blutzuckerwerte. Den dicken Mäusen wurden Samen- und Eizellen zur künstlichen Befruchtung entnommen, die befruchteten Eizellen ließ man von gesunden Leihmüttern austragen, um weitere elterliche Einflüsse auszuschließen. Die Mäusekinder hatten trotzdem Übergewicht und hohe Zuckerwerte.

Beim Essen ans Erbe denken

Schuld war die Ernährung der Mäuse­eltern: Sie hatte zwar nicht die Erbanlagen verändert, aber dazu geführt, dass bei der Zellteilung die Informationen vieler Hundert oder Tausend Gene vermehrt oder vermindert abgelesen wurden. Fachleute sprechen von "epigenetischen" Veränderungen, die genauso erblich sind wie die Gene selbst. Nicht nur bei Mäusen: "Wir haben erste Hinweise darauf, dass es diesen Mechanismus auch bei Menschen gibt", sagt Experte Beckers. "Das heißt: Erworbene, also nicht in den Genen angelegte Stoffwechsel-Krankheiten wie Typ-2-Diabetes können von Eltern an Kinder weitervererbt werden." Passieren kann das etwa durch falsche Ernährung, möglicherweise auch durch Stress und andere Umweltfaktoren.

Wie lange es dauert, bis sich zu viel Zucker und Fett, zu wenig Gemüse und Ballaststoffe epigenetisch niederschlagen, und ob sich diese Effekte rückgängig machen lassen, wenn man sich gesünder ernährt, wird derzeit noch erforscht. Klar ist aber: Ein gesunder Lebensstil ist nicht nur wichtig für die eigene Gesundheit, sondern auch für die der Nachkommen. "Auch hier trägt man Verantwortung für seine Kinder", sagt Beckers. Wer die Veranlagung zu Typ-2-Diabetes — ob genetisch, epigenetisch oder beides — von seinen Eltern geerbt hat, muss trotzdem nicht zwangsläufig Probleme mit dem Blutzucker bekommen. Der Macht des Schicksals lässt sich gezielt entgegenwirken: vor allem, indem man sich gesund ernährt und viel bewegt.

Typ-1-Diabetes: Seltenes Erbe

Auch Typ-1-Diabetes kann Familien­sache sein. Die Neigung zu erkranken wird jedoch wesentlich seltener vererbt als bei Typ 2. Haben Vater, Mutter oder Geschwister Typ 1, bedeutet das für Kinder ein Erkrankungsrisiko von drei bis acht Prozent. Sind beide Elternteile erkrankt, steigt die Wahrscheinlichkeit auf 25 Prozent — doch drei Viertel der betroffenen Kinder bekommen trotz vorhandener Erbanlagen keinen Diabetes. Bei etwa 90 Prozent der Erkrankten ist kein Diabetes in der Familie bekannt. Die Veranlagung steckt trotzdem in ihren Genen.

Etwa 60 solche Gene kennt man derzeit. Die meisten sind zuständig für die Funktion des Immunsystems. "Ein Teil der Gene beeinflusst, wie das Immunsystem auf Viren rea­giert", sagt Professor Ezio Bonifacio, Forscher am Zentrum für Regenerative Therapien der TU Dresden. Andere Gene begünstigen, dass das Immunsystem sich gegen körper­eigene Strukturen wie die insulinproduzierenden Betazellen richtet.

"Das Typ-1-Risiko bestimmen aber in der Regel nur zu etwa 50 Prozent die Gene", erklärt Bonifacio. "Damit man erkrankt, müssen weitere ­Faktoren hinzukommen." Welche das sind, daran rätseln die Forscher noch. Ein Auslöser scheinen Atemwegsinfekte durch bestimmte Viren im Säuglingsalter zu sein. Möglicherweise bewirken die Viren, dass das Immunsystem plötzlich die körper­eigenen Betazellen angreift und ganz langsam zerstört.