Ein Jahr Pandemie – Chancen und Risiken für Menschen mit Diabetes

Menschen mit Diabetes zählen zur Risikogruppe für einen schwereren Verlauf im Fall einer Erkrankung an Covid-19. Ein Jahr nach dem Beginn der Pandemie wird deutlich: Die Angst vor der Pandemie bringt für Diabetiker zahlreiche Probleme mit sich

von Andrea Mayer-Halm, 08.03.2021

Menschen mit Diabetes sind weiterhin eine besonders von Covid-19 betroffene Bevölkerungsgruppe.  "Wir wissen, dass sich Diabetes und Covid-19 gegenseitig beeinflussen können", erklärt Professor Dr. med. Wolfgang Rathmann, MSPH (USA), stellvertretender Direktor des Instituts für Biometrie und Epidemiologie am Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ) in Düsseldorf.

Auf der einen Seite verläuft eine Covid-19-Erkrankung bei Menschen mit Diabetes häufiger schwer. Umgekehrt gibt es erste Hinweise, dass eine Infektion mit dem Coronavirus die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse schädigen und so einen Diabetes verursachen kann. Bisher sind allerdings nur einzelne Fälle aufgetreten.

Aber nicht jeder Mensch mit Diabetes hat im Falle einer Erkrankung an Covid-19 einen schweren Verlauf.

Risikofaktoren

Riskant wird eine Infektion besonders dann, wenn der Blutzucker nicht gut eingestellt ist. Hat ein Mensch mit Diabetes stabile oder leicht erhöhte Zuckerwerte, ist sein Risiko für einen schweren Verlauf geringer als bei einem Diabetiker mit schlechten Werten. Internationale Studien zeigen, dass sich bei vielen Diabetikern gerade während des ersten Lockdowns die Werte stark verschlechterten. Vor allem bei einem Langzeit-Blutzuckerwert (Hba1c-Wert) über 7,5 Prozent steige das Sterberisiko deutlich an, so Rathmann. Um einen schweren Verlauf zu verhindern, sollte die Diabetestherapie frühzeitig optimiert werden.

Hinzu kommt, dass viele Typ-2-Diabetiker zusätzlich unter Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Herz- und Nierenproblemen leiden, was das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf weiter erhöht – ebenso wie starkes Übergewicht. Außerdem spielt das Alter eine Rolle, das bei vielen Menschen mit Typ-2-Diabetes schon fortgeschritten ist.

Abgesagte Arzttermine und die Folgen

Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 mussten Arztpraxen die Zahl der vergebenen Termine wegen der Infektionsgefahr zunächst verringern. Gleichzeitig sagten viele Patienten Vorsorgeuntersuchungen ab, weil sie sich vor einer Ansteckung fürchteten. Weniger Menschen mit Diabetes kamen in die Arztpraxen. Die Folgen: Bei vielen verschlechterten sich die Blutzuckerwerte. Und bei anderen, die in der Zeit des Lockdowns neu an Typ-2-Diabetes erkrankten, wurde die Krankheit nicht erkannt.

Keine Angst vor Praxisbesuchen

Wer erfährt, dass er zu einer Hochrisikogruppe gehört, muss mit diesem Wissen erst einmal umgehen lernen. Dazu kam offensichtlich die Sorge, dass infolge der Pandemie Medikamente und Insulin ausgehen könnten. Das schließen Experten aus der Tatsache, dass viele Menschen mit Diabetes sich im März 2020 einen Vorrat an zuckersenkenden Tabletten und Insulin beschafften. Für Rathmann ein klares Zeichen psychischer Belastung und absolut verständlich. "Wir Menschen können unsere Gesundheitsrisiken schlecht einschätzen. Deswegen brauchen wir einen Arzt, der uns gründlich untersucht – gerade in Pandemiezeiten."

Der Appell der Mediziner: Insbesondere Menschen mit Diabetes sollten ihre Arzttermine unbedingt wahrnehmen, nicht nur wenn es um akute Beschwerden geht. Genauso wichtig sind die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. Wer eine Therapie oder Reha begonnen hat, sollte diese unbedingt fortsetzen. Arztpraxen und Kliniken haben mittlerweile effektive Hygienekonzepte entwickelt, die das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus vermindern. Immer mehr Hausärzte und Diabetologen bieten ihren Patienten zudem Videosprechstunden an. Gerade Fragen zur Diabetestherapie lassen sich auf diese Weise gut besprechen.

Auch der Bundesverband der niedergelassenen Kardiologen weist darauf hin, dass viele Menschen, die im Lockdown Termine abgesagt hatten, später als Notfälle behandelt werden mussten. Nach einem Jahr Pandemie wird immer deutlicher: Folgeschäden, die durch Versäumnisse entstehen, wiegen letztendlich schwerer als die Ansteckungsgefahr in einer Praxis oder Klinik.