"Abnehmen ist wie Klavierspielen"

Übergewicht abzubauen ist vor allem Kopfsache, sagt die Hirnforscherin Dr. Iris Zachenhofer. Und sie muss es wissen: Sie hat ihre Methode selbst ausprobiert. Ein Interview
von Simone Herzner, 28.09.2016

Süßes oder Gesundes: Das Gehirn entscheidet, wonach uns ist

W&B/Martina Ibelherr

Wo wohnen eigentlich all die Teufelchen, die uns einflüstern, auf dem Weg zur Arbeit ein Schokocroissant zu kaufen, und die uns nach dem Mittagessen zwei Handvoll Gummibärchen aufschwatzen? Die Wiener Neurochirurgin, Psychiaterin und Buchautorin Dr. Iris Zachenhofer ("Kopfsache schlank") weiß die Antwort. Zu- und auch Abnehmen beginnt im Kopf, genauer gesagt in bestimmten Hirnregionen. Dort entscheidet sich, ob die Teufelchen mit Vorliebe für miese Essgewohnheiten die Übermacht über unser Essverhalten gewinnen.

Die These der 40-jährigen, fünffachen Mutter: Wer die Mechanismen im Gehirn kennt, kann gezielt gegensteuern und in seinem Kopf gesündere Ernährungsvorlieben platzieren. Zachenhofer selbst hat 15 Kilo abgenommen, indem sie, wie sie sagt, "das Gehirn umprogrammierte".

Frau Dr. Zachenhofer, das erste Kapitel Ihres Buches trägt den Titel "Die Basalganglien umprogrammieren". Was meinen Sie damit?

Gewohnheiten sind im Gehirn in einer bestimmten Region, den Basalganglien, gespeichert – auch die Ernährungsgewohnheiten. Ich kann die Basalganglien umprogrammieren, indem ich alte Routinen durch neue ersetze. Das ist ein längerer Prozess. Sich gesund zu ernähren und abzunehmen ist wie Klavierspielen, das lernen wir auch nicht an einem Tag. Wir machen Fehler und müssen üben.

Dr. Iris Zachenhofer arbeitet als Neurochirurgin und Psychiaterin in Wien

/Michael Appelt

Man müsse auch den Hypothalamus im Blick behalten, sagen Sie. Was heißt das?

Der Hypothalamus ist quasi die zentrale Steuerung im Gehirn. Er misst rund um die Uhr alle Werte wie Blutdruck und Blutzucker. Zucker ist für unser Gehirn lebensnotwendig. Wenn der Blutzuckerspiegel zu niedrig ist, reagiert der Hypo­thalamus mit Heißhunger, weil er die Versorgung mit Zucker sicherstellen will.

Was hat Ihr Hypothalamus gemacht?

Ich habe meine Nerven früher mit Süßigkeiten und Mehlspeisen beruhigt. Mein Blutzucker stieg rasch an, und mein Körper schüttete viel Insulin aus, um den Zucker vom Blut in die Zellen zu transportieren. Der Blutzuckerspiegel fiel wieder stark ab – und der Hypothalamus schlug Alarm. Ausgebremst habe ich den Mechanismus, indem ich mehr Lebensmittel aß, die den Blutzucker langsamer ansteigen lassen, etwa Vollkornbrot. Dann kommt es zu keinen derartigen Schwankungen mehr. So habe ich allmählich 15 Kilogramm abgenommen.

Wir essen oft aus Frust oder um uns zu belohnen. Warum?

Das liegt am Belohnungssystem unseres Gehirns. Essen wir Zucker oder Fett, schüttet das Gehirn Dopamin aus, das sogenannte Glückshormon. Für die Steinzeitmenschen war es ein Überlebensvorteil, wenn sie kalorienreiche Lebensmittel gegessen haben. Daher die Belohnung mit Dopamin.

Den Mechanismus brauchen wir heute ja nicht mehr. Was schlagen Sie vor?

Ich habe mir meine Dopaminquellen bewusster ausgesucht. Habe zum Beispiel weniger Schokolade gegessen, aber dafür richtig gute. Oder ein tolles Essen vorbereitet und mich den ganzen Tag darauf gefreut. Vorfreude setzt viel Dopamin frei. Außerdem gibt es noch andere Dopaminquellen außer Essen. Dazu gehört alles, was wir als schön empfinden. Sich zu kasteien bringt jedenfalls gar nichts.

Als denkender Mensch müsste ich mich doch eigentlich bewusst gegen Fettes und Süßes entscheiden können ...

Richtig. Das Vernunftdenken findet im Stirnhirn im präfrontalen Cortex statt – sozusagen dem Gegenspieler zum Belohnungssystem. Präfrontaler Cortex und Belohnungssystem kann man sich vorstellen wie ein tanzendes Paar. Mal übernimmt der eine, mal der andere die Führung.

Was mache ich, wenn ständig das Belohnungssystem und selten der präfrontale Cortex führen möchte?

Der präfrontale Cortex lässt sich durch Planung aktivieren. Je besser wir ein Vorhaben planen, je stärker wir dabei auf visuelle Aspekte wie Schreiben und Zeichnen setzen, umso mehr aktivieren wir ihn. Ich habe begonnen, mir meine Ziele, aber auch meine Erfolge aufzuschreiben.

Sie haben abgenommen, indem Sie sich gesünder ernährten und mehr bewegten. Das weiß eigentlich jeder ...

Ja, aber ich habe mir dabei bewusst gemacht, wie mein Gehirn funktioniert. Zu verstehen, warum ich Heißhunger bekomme oder warum mich Süßes glücklich macht, hat mir geholfen.

Ihr Tipp an alle, die abnehmen möchten?

Gestatten Sie sich schwache Momente. Verstehen Sie Fehler nicht als Rückschlag, sondern als Teil des Prozesses. Unser Gehirn lernt daraus, es besser zu machen.

Das passiert im Gehirn:

Unser Essverhalten wird von verschiedenen Hirnregionen gesteuert. Der Hypothalamus etwa ist für die Versorgung des Gehirns mit Zucker zuständig, der präfrontale Cortex für die Planung. In den Basalganglien speichern wir Gewohnheiten ab

W&B/Martina Ibelherr


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