Gute Blutzuckerwerte trotz Infekt

Erkältungen oder Magen-Darm-Infekte können bei Diabetes den Blutzuckerspiegel steigen oder fallen lassen. Wir klären die wichtigsten Fragen, wie Sie auch bei Krankheiten Ihre Werte im Griff behalten
von Andrea Grill, Daniela Pichleritsch, 03.01.2017

Erkältet: Die Viren-Attacke kann den Zuckerspiegel auf Achterbahnfahrt schicken

Getty Images/TommL/E+, Getty Images/Science Picture Co

Wen eine richtig heftige Erkältung oder ein Magen-Darm-Infekt erwischt hat, der will von der Welt nichts mehr wissen. Erst recht nicht von seinem Diabetes, vom Tablettenschlucken oder Insulinspritzen. Verständlich. Doch gerade bei Infekten ist es wichtig, den Zucker nicht zu vernachlässigen. "Denn sonst kann er schnell entgleisen", warnt Diabetologe Dr. Oliver Schubert aus Buxtehude.

Bei einem Infekt kämpft das Immunsystem mit Viren und Bakterien. Das fordert den Stoffwechsel heraus, treibt aber auch den Insulinbedarf in die Höhe. Bei hohem Fieber kann er sich innerhalb von Stunden verdoppeln. Andererseits kann der Blutzuckerspiegel bei einem Infekt auch sinken. Etwa wenn Magen und Darm rebellieren, Sie nichts mehr bei sich behalten können.

Um Entgleisungen zu erkennen, sollten Sie den Blutzucker unbedingt öfter kontrollieren, in den ersten Tagen eines Infektes etwa alle drei Stunden. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt schon vorab, wie Sie Ihre Therapie bei einem Infekt anpassen sollten. Hier unsere Tipps, wie Sie Erkältungen und Magen-Darm-Infekte ohne Zuckerkapriolen überstehen.


1. Diabetestabletten absetzen oder weiter nehmen?

Fieber treibt den Blutzucker hoch, Durchfall und Erbrechen können ihn sinken lassen – das kann es zu einer echten Herausforderung machen, seine Werte während eines Infektes einigermaßen im Griff zu behalten. Vor allem bei schweren Infekten, etwa einer Lungenentzündung, kann es auch für Typ-2-Diabetiker, die sonst nur Tabletten nehmen, sinnvoll sein, vorübergehend auf Insulin zu wechseln. Zögern Sie in jedem Fall nicht, den Arzt anzurufen. Bei Erbrechen oder Durchfall kann es nötig werden, die Tabletten wegzulassen oder die Dosis zu verringern. Denn wenn der Kohlenhydratnachschub ausbleibt, drohen sonst Unterzuckerungen.

Sehr viele Typ-2-Diabetiker nehmen Tabletten mit dem Wir­kstoff Metformin. Metformin kann bei schwereren Krankheiten eine gefährliche Übersäuerung auslösen. Daher gilt für alle, die Metformin nehmen: Fragen Sie Ihren Arzt, ob Sie es besser weglassen sollten.

Sogenannte Sulfonylharnstoffe (Wirkstoffe sind z. B. Glibenclamid, Glimepirid, Gliquidon) erhöhen das Unterzuckerungsrisiko besonders deutlich. Denn sie kurbeln die Insulinproduktion unabhängig davon an, ob man gegessen hat oder nicht. Wer nichts essen kann oder bei sich behält, für den gilt: weglassen, Blutzucker kontrollieren und den Arzt fragen. Bei fieberhaften Infekten kann es jedoch auch nötig werden, die Dosis zu erhöhen.

Andere Diabetestabletten sind nicht so problematisch, weil sie das Unterzuckerrisiko weniger erhöhen – dennoch rechtzeitig mit dem Arzt abstimmen.


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Nasentropfen mit Meersalz befeuchten die Schleimhäute. Synthetische Stoffe wirken abschwellend und halten die Nase nachts frei. Bitte diese Tropfen nicht länger als eine Woche verwenden!


Fiebersenker wie Ibuprofen oder Paracetamol bringen die Temperatur nach unten. Bitte beim Apotheker nach der Dosierung fragen!


Hustensäfte: Haben Sie Husten mit Auswurf, oder ist er trocken? Danach richtet sich, welcher Hustensaft jetzt guttut. Manche Wirkstoffe haben Einfluss auf den Blutzucker. Hustenstiller und Hustenlöser sollten nicht gleichzeitig eingenommen werden. In der Apotheke beraten wir Sie dazu. 


Halstabletten wirken desinfizierend und nehmen den Schmerz. Manche Präp­­arate enthalten Zucker – das müssen Sie berücksichtigen.


2. Was muss ich beim Insulin beachten?

Ob Husten, Schnupfen, Fieber oder Durchfall: "Bei Diabetikern, die Insulin spritzen, können die Zuckerwerte besonders rasch aus dem Lot geraten", sagt Dr. Nikolaus Scheper, Diabetologe im nordrhein-westfälischen Marl.

Deshalb ist es wichtig, vorab mit dem Arzt zu besprechen, wie die Therapie anzupassen ist. Hier einige Faust­regeln: die Zuckerwerte engmaschig (etwa alle drei bis vier Stunden) kontrollieren. Bei Fieber ohne Erbrechen und Durchfall: die Dosis des Mahlzeiten- und auch des lang wirkenden Basalinsulins pro Grad Fieber um 10 bis 20 Prozent erhöhen. Erhöhte Werte senken Sie mit schnell wirkendem Insulin – wie es zu dosieren ist, besprechen Sie mit dem Arzt. Bei leichten Infekten kann es auch genügen, die Dosis des lang wirkenden Insulins zu belassen und nur die Dosis des schnell wirkenden (Mahlzeiten-)Insulins zu ändern.

Bei Erbrechen und Durchfall brauchen Sie eventuell weniger Insulin. Kontrollieren Sie die Werte, und spritzen Sie das schnell wirkende Insulin vorübergehend nur zur Korrektur erhöhter Werte. Sind Sie nicht sicher, ob das Essen "drinbleibt"? Spritzen Sie das Mahlzeiteninsulin erst nach dem Essen, und verringern Sie zur Sicherheit die Dosis etwas. Bei Erbrechen und Durchfall kann es im Einzelfall sinnvoll sein, das Basalinsulin etwas zu verringern. Aber nie ganz weglassen, denn der Körper braucht es als Grundversorgung!


3. Was tun, wenn das Kind krank ist?

Bei Kindern kann der Blutzucker durch einen Infekt besonders schnell entgleisen. "Eltern sollten den Blutzucker daher mindestens alle zwei Stunden kontrollieren, auch einmal nachts zwischen zwei und drei Uhr", rät Dr. Christof Klinkert, Kinderdiabetologe aus Herford. Sein Rat: während eines Infektes etwas höhere Zuckerwerte tolerieren – um die 160 mg/dl (8,9 mmol/l) –, um Unterzuckerungen vorzubeugen.

Geben Sie Ihrem Kind bei Fieber über 39 Grad nach Absprache mit dem Arzt ein fiebersenkendes Mittel, etwa Ibuprofen-Saft (kein ASS/Acetylsalicylsäure!). Passen Sie die Insulindosis nach den Korrekturregeln an, die Sie mit dem Arzt besprochen haben. Bei einer Temperatur ab 38 Grad kann es nötig sein, die Dosis des Mahlzeiten- und gegebenenfalls auch des Basalinsulins um 10 bis 30 Prozent zu erhöhen.

Weil Kinder noch rascher als Erwachsene einen Flüssigkeitsmangel entwickeln, sollten sie viel trinken. Bei Durchfall und Erbrechen helfen gesüßte Getränke, Unterzuckerungen vorzubeugen. Achtung: Erbrechen und Bauchschmerzen können Warnzeichen einer Ketoazidose sein. Machen Sie sofort einen Ketontest. Korrigieren Sie bei auffälligem Ergebnis erhöhte Zuckerwerte nach dem in der Diabetes-Schulung besprochenen Ketoazidose-Schema. Lässt sich die Situation damit nicht bessern: nicht abwarten, sondern zum Arzt gehen. Das gilt auch, wenn Sie unsicher sind und einfach das Gefühl haben, dass es Ihrem Kind schlecht geht (etwa bei heftigem Erbrechen und Durchfall, starken Bauch- oder Kopfschmerzen, starker Unruhe oder Bewusstseinstrübung).


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4. Wenn der Magen streikt

Essen? Das ist oft das Letzte, wonach einem bei einem Magen-Darm-Infekt der Sinn steht. Dennoch sollten Sie bei Kräften bleiben. Das fängt beim Trinken an. Bei Fieber, Erbrechen und Durchfall verliert der Körper Flüssigkeit und Mineralstoffe. Am besten gleichen Sie das mit Mineralwasser, Tee oder Elektrolyt-Glukose-Mischungen aus der Apotheke aus. Wenn Sie keine Nahrung bei sich behalten, sorgen süße Getränke für Zucker-Nachschub: etwa dünner schwarzer Tee oder Kräutertee, gesüßt mit Zucker oder Honig. Lässt das Erbrechen nach, versuchen Sie leicht verdauliche Kohlenhydrate, etwa Weißbrot oder Zwieback, zu essen. Bei Durchfall eignen sich "stopfende" Nahrungsmittel wie geriebene Äpfel oder Bananen.

5. Wie kann ich vorbeugen?

Viren lauern überall: auf Treppengeländern, Türgriffen – und natürlich auf der Hand, die man sich zur Begrüßung reicht. Waschen Sie sich deshalb regelmäßig gründlich die Hände, auch zwischen den Fingern (mit Seife, mindestens 30 Sekunden). Schließen Sie den Wasserhahn in öffentlichen Toiletten mit einem Papiertuch oder dem Ellenbogen. Reiben Sie sich nicht mit ungewaschenen Händen Nase oder Augen. Und halten Sie Abstand zu Niesern und Hustern. Bei einem Niesanfall sausen Millionen Viren meterweit durch die Luft!

Auch für Ihr Abwehrsystem können Sie eine Menge tun: Ausreichender Schlaf, viel Bewegung an der frischen Luft, kalt-warme Wechselduschen und eine ausgewogene Ernährung stärken Ihre Abwehr.

Achten Sie zu Hause auf ein gutes Raumklima, damit die Schleimhäute nicht austrocknen. Beim ersten Anflug eines Infektes kann Zink helfen, die Dauer der Krankheit zu verkürzen. Lassen Sie sich dazu in Ihrer Apotheke beraten.



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