Die Diagnose Diabetes ist eine zusätzliche Belastung, die bei manchen Diabetikern bis hin zu einer Depression führen kann
Dr. Bernhard Kulzer, leitender Psychologe und Psycho-Diabetologe am Diabetes Zentrum Mergentheim, erklärt die Zusammenhänge zwischen Diabetes und Depression:
Die genaue Ursache ist nicht bekannt, aber es gibt mehrere Annahmen. Die Diagnose Diabetes bedeutet zusätzlich eine deutliche Belastung im Leben eines Menschen. Es ist belegt, dass gerade Diabetiker mit Folgeerkrankungen häufiger an Depressionen leiden. Als Diabetiker denkt man auch öfter an beängstigende Situationen: Gefahren wie Unterzucker, Potenzprobleme, Augenerkrankungen und andere mögliche Folgeschäden können wie ein Damoklesschwert über einem Menschen schweben. Das Problem ist, dass Diabetiker oft das Gefühl haben, ihrem Diabetes ausgeliefert zu sein. Das Gefühl von Hilflosigkeit macht Menschen eher depressiv.
Depressive Menschen haben ein bis zu zweifach erhöhtes Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Antidepressiva bei entsprechender Veranlagung auch das Risiko für Typ-2-Diabetes verstärken. Sogenannte trizyklische Antidepressiva bedingen häufig nicht nur eine Gewichtszunahme von drei bis fünf Kilo, sie bewirken auch eine Erhöhung des Blutzuckers. Moderne selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, kurz SSRI, haben diesen Effekt nicht. Sie sind für Diabetiker mit Depressionen und für depressive Menschen mit einer Veranlagung zum Diabetes die bessere Wahl.
Man nimmt an, dass Depressionen einen andauernden psychischen Stress verursachen. Stress verändert den Schlaf-Wach-Rhythmus und Schlafstörungen gelten wiederum als Risikofaktor für Diabetes. Gleichzeitig nimmt man an, dass Depressionen die Konzentration bestimmter Stresshormone im Blut erhöhen, welche die Wirkung des Insulins abschwächen. Dies begünstigt eine sogenannte Insulinresistenz – der Beginn eines Typ-2-Diabetes. Außerdem kann ständiger Stress lokale Entzündungen in den Blutgefäßen verursachen. Und die kleinen wie großen Blutgefäße werden ja auch durch erhöhten Blutzucker in Mitleidenschaft gezogen und sind daher ohnehin ein schwacher Punkt bei Diabetikern.
Körperliche Anzeichen können sowohl mehr als auch weniger Appetit sein, eine erhöhte Ermüdbarkeit und reduzierte Sexualität. Auch Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen, eine veränderte negative Stimmung und der Interessenverlust an Dingen, die einem vorher Spaß gemacht haben, gehören zu den Symptomen. Menschen mit Depressionen plagen zudem Schuldgefühle und ein Gefühl der Wertlosigkeit, sie leiden unter mangelndem Selbstvertrauen und sehen pessimistisch in die Zukunft. All diese Faktoren erschweren bei Diabetikern zusätzlich eine erfolgreiche Blutzucker-Einstellung.
Ihnen helfen alle Maßnahmen, die auch depressiven Menschen ohne Diabetes helfen, also je nach Schwere der Depression therapeutische Gespräche, eine medikamentöse Therapie mit sogenannten Antidepressiva oder eine Kombination aus beiden Maßnahmen. Diabetes als eine zusätzliche Belastung führt dazu, dass Depressionen stärker ausgeprägt sein können. Dies muss man bei der Therapie von depressiven Diabetikern berücksichtigen. Betroffene sollten sich psychotherapeutisch am besten von einem speziell ausgebildeten „Fachpsychologen Diabetes“ oder einem „Psycho-Diabetologen“ behandeln lassen. Diese Fachkräfte helfen dabei, Strategien zu entwickeln, um mit dem Diabetes besser umzugehen und das Gefühl zu überwinden, vom Diabetes gesteuert zu werden.
Simone Herzner / www.diabetes-ratgeber.net;
16.11.2009, aktualisiert am 11.04.2013
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