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Was ist eine Ketoazidose, wann droht diese Stoffwechselentgleisung, was tun?

Ketonkörper und Ketoazidose – viele Fragen auf einmal: Wann soll man die Werte kontrollieren? Gibt es Warnzeichen für eine Ketoazidose? Ab welchen Blutzuckerwerten besteht eine erhöhte Gefahr? Wie steuert man gegen? Aus der "Experten-Sprechstunde Diabetes"


Bei körperlichem Stress wie Fieber oder ungewohnter Anstrengung brauchen Diabetiker, die Insulin spritzen, eine Extradosis

Als Ketoazidose wird die Übersäuerung des Blutes durch Ketonkörper (siehe unten) bezeichnet. Bei Diabetes wird dieser Zustand durch einen absoluten oder gravierenden relativen Insulinmangel ausgelöst. Die Ketoazidose ist eine ernste Entgleisung des Stoffwechsels. Sie sollte möglichst früh erkannt und konsequent behandelt werden, um die Entwicklung eines diabetischen Komas zu verhindern.

Ein absoluter Mangel mit dem völligen Fehlen von Insulin kann auftreten durch Weglassen/Vergessen von Insulininjektionen, einen defekten Insulinpen oder Unterbrechung der Insulinabgabe einer Insulinpumpe (verstopfter oder herausgerutschter Katheter, leere Batterien, vergessenes Starten der Pumpe). Zu einem relativen Insulinmangel kommt es, wenn die bisherige Insulindosis nicht mehr ausreicht. Häufigste Ursache ist ein Infekt mit stark erhöhten Temperaturen. Jeder fieberhafte Infekt bedeutet für den Körper Stress, der eine Adrenalinfreisetzung auslöst, die wiederum den Blutzucker steigen lässt. Bereits bei einer erhöhten Körpertemperatur von 38° Celsius steigt der Insulinbedarf um etwa 20 Prozent, bei Fieber mit 39° sind es 40 bis 50 Prozent. Wird dieser Mehrbedarf nicht durch zusätzliche Einheiten ausgeglichen, läuft der Stoffwechsel aus dem Ruder.


Wenn Insulin fehlt, wird Fett abgebaut

Insulin ist das einzige Hormon, das Traubenzucker aus dem Blut in die Zellen schleust. Genauso konkurrenzlos ist es auch alleine zuständig für das Einspeichern von Fett. Bei sehr niedrigem Insulinspiegel oder wenn Insulin ganz fehlt, setzt zum einen der Leberspeicher seine Traubenzuckerreserven frei, der Blutzucker steigt. Zum anderen werden aber auch die Fettspeicher abgebaut. Dadurch gelangen freie Fettsäuren in großer Menge ins Blut, was die Wirkung des wenigen, noch verfügbaren Insulins behindert. Im Insulinmangel wird Fett zudem nur unvollständig abgebaut. Nun entstehende Stoffwechselzwischenprodukte, die Ketonkörper, die normalerweise nur in geringer Menge anfallen, überschwemmen das Blut.

Es gibt drei verschiedene Ketonkörper: Beta-Hydroxybutyrat, Azetoazetat und Azeton. Azeton wird zu einem großen Teil über die Lunge abgeatmet, es riecht faulig-süß wie überreifes Obst. Zudem erscheint es auch im Urin, wo es sich einfach mit einem Teststreifen nachweisen lässt. Gefährlicher sind die anderen beiden Ketonkörper. Sie sind starke Säuren, die den normalerweise ausgeglichenen Säuregrad des Blutes in den sauren Bereich verschieben (Ketoazidose = Übersäuerung durch Ketonkörper), was eine massive Störung vieler Stoffwechselprozesse auslöst.

Warnzeichen: Azetongeruch, Übelkeit, Bauchschmerzen

Warnzeichen dieser Entgleisung sind neben erhöhten Blutzuckerwerten und dem typischen Azetongeruch vor allem Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Beginnt der Patient bei fehlender oder unzureichender Behandlung einzutrüben, wird sich ein diabetisches Koma nur noch durch eine sofortige Behandlung im Krankenhaus aufhalten lassen. Übrigens besteht die Gefahr einer schweren Ketoazidose fast ausschließlich bei Menschen mit Typ-1-Diabetes, denn das bei einem Typ-2-Diabetes in der Regel noch vorhandene eigene Insulin reicht meist aus, einen überschießenden Fettabbau und damit die Bildung großer Mengen von Ketonkörpern zu verhindern.

Schnelles Erkennen einer sich entwickelnden Ketoazidose ist deshalb so wichtig, weil der Patient sie zunächst noch mit einfachen Gegenmaßnahmen selbst auffangen kann. Allerdings gibt es verschiedene Strategien und Grenzwerte, die etwas voneinander abweichen. Auch ist die Bereitschaft, Ketonkörper zu bilden, individuell unterschiedlich. Deshalb sollte jeder Typ-1-Diabetiker mit seinem Arzt das für ihn richtige Vorgehen besprechen und in einem schriftlichen Korrekturplan festhalten.

Grundsätzlich aber gilt: Ein Ketontest muss durchgeführt werden

  • bei mehrfach hintereinander erhöht gemessenen Blutzuckerwerten, die auf das übliche Korrekturschema nicht ansprechen
  • bei fieberhaften Infekten
  • und immer bei Übelkeit / Erbrechen (Leitsymptom der Ketoazidose!)

Welche der zur Verfügung stehenden Methoden zur Bestimmung der Ketonkörper sollte nun eingesetzt werden?

1) Azetontest im Urin

Der Azetontest im Urin ist sehr kostengünstig und einfach durchzuführen: Teststreifen in den Urin tauchen, überschüssige Flüssigkeit abstreifen, nach der angegebenen Zeit (je nach Hersteller 15 Sekunden oder mehr) die Farbe des Testfeldes mit der Farbskala auf der Teststreifendose vergleichen. Bei fehlendem Azeton bleibt das Feld grau, je nach Azetonkonzentration verfärbt es sich von rosa über violett bis dunkelviolett. Rosa bedeutet nicht unbedingt Gefahr – auch eine fettreiche Mahlzeit oder der Fettabbau bei der Gewichtsabnahme kann einen leichten Anstieg der Ketonkörper auslösen, der den Stoffwechsel aber nicht stört. Violett weist dagegen auf eine ernste Störung hin – für jede Violettstufe auf der Farbskala sollte der persönliche Korrekturplan die Insulin-Dosis angeben, die nun zusätzlich zur Korrektur des erhöhten Blutzuckers benötigt wird.

Der Nachteil des Verfahrens ist, dass das saure Beta-Hydroxybutyrat, das in sehr viel größeren Mengen entsteht als die anderen Ketonkörper, mit dem Azetontest nicht erfasst wird.

2) Ketontest im Blut

Während der Urin-Test zudem nur eine grobe Aussage über den Anfall von Azetoazetat und Azeton seit dem letzten Gang zur Toilette erlaubt und damit der aktuellen Stoffwechselsituation meist hinterherhinkt, ermöglicht der Ketontest im Blut die exakte Bestimmung des aktuellen Beta-Hydroxybutyrat-Spiegels in einem Bereich von 0,0 bis 6,0 mmol/l. Der Normbereich geht bis 0,6 mmol/l, bei Werten darüber ist Vorsicht geboten. Die Situation muss durch weitere Blutzucker- und Ketontests alle ein bis zwei Stunden beobachtet werden; die Gegenmaßnahmen ergeben sich wiederum aus dem persönlichen Korrekturplan. Dabei kann zur Korrekturdosis für den hohen Blutzucker bereits ein Zuschlag für die Ketonkörper kommen. Spätestens beim Überschreiten von 1,5 mmol/l sind verschärfte Korrekturen mit Insulin erforderlich. In der Regel wird jetzt eine hohe Dosis schnell wirkendes Insulin benötigt, etwa 20 Prozent der üblichen Geamttagesdosis, die sich durch Zusammenzählen der Einheiten des schnellen und des lang wirkenden Insulins errechnet.

Auch der Ketontest im Blut ist technisch problemlos durchführbar, allerdings deutlich teurer als der Azetontest im Urin. Nur ein einziges Blutzuckertestgerät kann zusätzlich und mit einem speziellen Teststreifen auch Beta-Hydroxybutyrat erfassen. Die Messung läuft genauso ab wie beim Blutzuckertest: Blutstropfen an Finger oder Ohrläppchen gewinnen, auf das Testfeld auftragen, der Wert wird nach 30 Sekunden angezeigt. Auch wenn dieses Verfahren die Entwicklung und Besserung einer Ketoazidose sehr viel genauer erfasst als der Azetontest, so stellt es doch hohe Anforderungen an den Benutzer. Um die Werte interpretieren und die richtigen Schlüsse ziehen zu können, muss er gründlich im Umgang mit diesem Test geschult sein und über ein gutes Verständnis der Stoffwechselvorgänge während einer Entgleisung verfügen. Die Ketonmessung wird deshalb vor allem von Patienten eingesetzt, die eine Insulinpumpe tragen, zumal bei ihnen die Gefahr einer sich schnell entwickelnden Ketoazidose durch Unterbrechung der Insulinzufuhr besonders groß ist.

Rechtzeitig ärztliche Hilfe suchen

Die meisten Typ-1-Diabetiker werden aber von ihrem Arzt den Azetontest verschrieben bekommen. Auch damit ist man einer Ketoazidose nicht hilflos ausgeliefert. Denn die Verfärbung des Teststreifens nach violett oder dunkelviolett ist ein eindeutiges Warnzeichen, das zum Handeln auffordert. Wenn die Verfärbung nach der zweiten, allerspätestens aber nach der dritten Korrektur mit Insulin nicht zurückgeht, ist es Zeit, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Noch vor der Injektion des Korrekturinsulins muss mit dem Ausgleich des mit der Ketoazidose verbundenen Flüssigkeitsverlustes durch die erhöhte Urinausscheidung begonnen werden. Ideal ist Mineralwasser, Wasser aus der Leitung oder – zum Beispiel bei einer Wanderung oder Radtour – aus einer sauberen Quelle tut es aber auch. Kinder bevorzugen Früchtetees, die stark verdünnt sein sollten. Aber wichtiger als die Art des (natürlich kohlenhydratfreien!) Getränks ist die schnelle Verdünnung des verdickten Blutes. Denn das ist die Voraussetzung für eine effektive Verteilung und Wirkung des Insulins. Der Betroffene sollte sich so lange ruhig verhalten, bis Blutzucker- und Ketonkontrollen eine Besserung erkennen lassen.

Und natürlich sollte Rauchen unterbleiben. Nicht nur, dass Nikotin die Durchblutung und damit die Verteilung des Insulins behindert, es senkt auch die Insulinempfindlichkeit. Außerdem enthält der Qualm freie Radikale, aggressive Sauerstoffverbindungen, die an der Entwicklung diabetischer Folgeerkrankungen beteiligt sind. Freie Radikale entstehen bereits zur Genüge bei jedem hohen Blutzucker und massenhaft bei einer Ketoazidose, Rauchen in dieser Situation käme also einer Selbstschädigung gleich.

Zum Autor:

Dr. med. Bernd Regling, Diplom-Psychologe und Diabetologe (DDG), Experte der "Sprechstunde Diabetes", in der Sie interessante Fragen, Antworten und Tipps finden, speziell auch zu Diabetes Typ 1

Diese Informationen enthalten nur allgemeine Hinweise und dürfen nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Sie können einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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www.apotheken-umschau.de; 19.06.2009, aktualisiert am 17.03.2011
Bildnachweis: W&B/Simon Katzer

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