Das Prignitz-Puzzle

Die brandenburgische Prignitz ist der Landkreis mit der höchsten Diabetesdichte in Deutschland. Warum eigentlich? Ein Ortsbesuch
von Stephan Soutschek, 11.09.2017

"Die Armut ist eine psychische Belastung für die Menschen": Dr. Jörg Marr, Amtsarzt im Landkreis Prignitz

W&B/Andreas Friese

Adolf Oberländer hat Nachwuchssorgen. Jahrzehntelang hat sich der 78-Jährige um die Diabetes-Selbsthilfegruppe in seiner Hei­matstadt Pritzwalk gekümmert, Treffen organisiert, Ärzte für Vorträge gewonnen, Reisen unternommen. Doch nun nimmt die Zahl der Mitglieder stetig ab. "Die Alten sterben nach und nach, die Jungen wollen nicht mitmachen", seufzt der Rentner.

Dabei herrscht an möglichen Teilnehmern kein Mangel. Die Kleinstadt Pritzwalk liegt im brandenburgischen Landkreis Prignitz. Gemessen an der Gesamteinwohnerzahl leben in keiner Gegend Deutschlands mehr Menschen mit Diabetes. Das geht aus aktuellen Zahlen des Versorgungsatlas zur Diabeteshäufigkeit hervor. Bundesweit hatten 9,5 Prozent der Erfassten Typ-2-Dia­betes. Der Landkreis Prignitz kam auf ­einen Wert von 14,2 Prozent, rund einer von sieben Menschen dort ist also erkrankt. Das ist Rekord in Deutschland.

Viel Platz, wenig Arbeit

Die Prignitz liegt am nordwestlichen Zipfel von Brandenburg auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Sie ist die am wenigsten dicht besiedelte Gegend Deutschlands. In der ländlichen Region erstrecken sich zwischen verstreut liegenden Dörfern und Kleinstädten weite Flure, auf denen die Rotoren der Windräder kreisen. Die Wegweiser zur nächsten größeren Ortschaft zeigen nicht selten eine zweistellige Kilometerzahl an.

Platz gibt es hier im Nordwesten von Brandenburg genug, Jobs dagegen nur wenige. Viele Menschen sind arbeitslos oder verdienen wenig. "Die Armut ist eine psychische Belastung für die Menschen", sagt Dr. Jörg Marr, der Amtsarzt des Landkreises Prignitz. Wer zusehen müsse, wie er über die Runden kommt, habe oft nicht den Kopf frei, um noch auf gesunde Ernährung oder ausreichend Bewegung zu achten. Menschen mit geringem Einkommen leiden überdurchschnittlich häufig unter Diabetes.

Arm-Reich-Schere bei Diabetes

"Soziale Faktoren spielen beim Risiko für Typ-2-Dia­betes eine große Rolle", sagt Dr. Wolfgang Rathmann, der am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf unter anderem die Gründe für die unterschiedliche Diabetes-Verteilung in Deutschland untersucht. Im wohlhabenden bayerischen Starnberg ist Typ-2-Diabetes mit 6,5 Prozent laut Versorgungsatlas am seltensten in Deutschland. Wirtschaftlich arme Regionen wie die Prignitz trifft der Diabetes dagegen überall hart. Die einstige Wohlstandskrankheit ist mittlerweile ein Armutsleiden.

Viele Menschen zieht es weg von der Prignitz. Seit der Wiedervereinigung nimmt die Bevölkerungszahl beständig ab, in den Orten stehen viele verlassen aussehende Häuser. "Gerade die Jungen und Gebildeten gehen", sagt Marr. Im Landkreis leben überdurchschnittlich viele Alte — für die hohe Diabetesrate spielt das sicher ebenfalls eine Rolle.

Auch Linda Otto ist einst weggegangen. In der Prignitz aufgewachsen, zog sie als junge Erwachsene nach Hamburg, studierte dort Ökotrophologie. Doch dann kehrte sie als selbstständige Ernährungsberaterin zusammen mit ihrem Mann in die alte Heimat zurück. "Der Kinder wegen", sagt sie.

Knieperkohl mit Wurst

Die modern eingerichtete Praxis "Apfel und Eva" von Linda Otto liegt nur wenige Meter von den Überresten einer mittelalterlichen Burg entfernt. Otto berät hier Menschen mit Gewichtsproblemen, viele mit Diabetes. Sie vermutet, dass die lokalen Ernährungsgewohnheiten ein Teil des Problems sind. Als Prignitzer Nationalgericht gilt Knieperkohl – gesäuerter Kohl, der in der Regel mit Schmalz, Speck und fetter Wurst auf den Tisch kommt. "Die gutbürgerliche Küche mit viel Fleisch und Wurst hat hier einen hohen Stellenwert", sagt sie. "Viele sind in Familien aufgewachsen, in denen selbst geschlachtet wurde. Das ist in den Köpfen noch drin." Viele Menschen wüssten gar nicht, welche Bedeutung die Ernährung für die Gesundheit habe.

Mangel an Ärzten

Alle diese Erklärungsansätze greifen möglicherweise nicht weit genug. Eine vor wenigen Jahren veröffentlichte Studie legt nahe, dass in wirtschaftlich schwachen Gebieten das Diabetesrisiko unabhängig vom Lebensstil des Einzelnen erhöht ist. "Warum das so ist, müssen wir noch genauer untersuchen", sagt Studienautor Dr. Werner Maier vom Helmholtz Zentrum München. Bislang lässt sich über die Ursachen nur spekulieren. Möglicherweise gibt es in diesen Gebieten weniger Angebote für Bewegung, vielleicht spielt auch die Ärztedichte eine Rolle. Weniger Ärzte bedeutet etwa, dass der Hausarzt weniger Zeit hat, um einen gesunden, aber übergewichtigen Patienten auf das erhöhte Dia­betesrisiko hinzuweisen.

"Offiziell gibt es hier keinen Haus­ärztemangel", sagt Amtsarzt Marr. "Tatsache ist aber, dass viele Mediziner am Anschlag arbeiten." Da bleibe wenig Zeit, mit dem einzelnen Patienten darüber zu reden, was er zum Beispiel gegen sein Übergewicht tun könne. Ein Pro­blem, das sich in Zukunft verstärken könnte. Denn die Ärzteschaft in der Region ist überaltert. "Viele Ärzte suchen nach einem Nachfolger, finden aber keinen", sagt Marr.

Speziell die Versorgung von Menschen mit Diabetes könnte sich in den kommenden Jahren aber verschlechtern, fürchtet Rathmann vom Deutschen Diabetes-Zentrum. Im Fach Diabetologie werden nicht genug Ärzte ausgebildet. "Das könnte vor allem den strukturschwachen Raum treffen", sagt Rathmann.

Handeln vor Ort

Werner Maier hält vor allem gezielte Aktionen und Aufklärungsarbeit, etwa über gesündere Ernährung, für wichtig, um die Lage in den jeweiligen Regionen zu verbessern. "Wir müssen die Menschen gezielt auf einen gesünderen Lebensstil ansprechen", sagt er. Solche Projekte kosten aber Geld, das gerade in den ärmeren Gebieten knapp ist. Dennoch ist Maier vorsichtig optimistisch: "In der Politik wächst gerade das Bewusstsein dafür, dass gegen die ungleiche Verteilung von Gesundheit etwas getan werden muss", sagt er.

Einen Erfolg im Kleinen kann immerhin Adolf Oberländer für sich verbuchen. Er hat seit 30 Jahren Typ-2-Diabetes – trotzdem ist sein Stoffwechsel ziemlich gut eingestellt. Nur abends spritzt er Langzeitinsulin zusätzlich zu seinen Tabletten. Dass es ihm so gut geht, verdankt er vor allem seiner Selbsthilfegruppe, glaubt er. "Die Meinung von anderen zu hören, zu wissen: Wie macht der das? Das hat mir viel gebracht", sagt Oberländer. "Alleine lassen sich die Probleme bei Diabetes schlecht lösen."


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