Typ-2-Diabetes: Patienten immer jünger

Einst traf Typ-2-Diabetes fast nur betagte Menschen. Doch Betroffene werden immer jünger. Was sind die Gründe dafür? Und wie kann der Einzelne vorbeugen?
von Cornelia Menner, Daniela Pichleritsch, aktualisiert am 14.06.2017

Übergewicht wird immer häufiger – auch bei Kindern

W&B/Katrin Rodegast/Christian Hagemann

Moment mal! Früher hieß die Krankheit doch Alterszucker. Wer die Geschichten der Menschen liest, die wir für unser Titelthema interviewt haben, muss ein wenig umdenken. Nach wie vor sind vor allem ältere Menschen davon betroffen. Doch Typ-2-Diabetes wird zunehmend zur Krankheit der Jüngeren. Und, in extremen Fällen, zu einer von Kindern. Kürzlich stellte der Arzt Dr. Michael Yafi aus Texas bei einem Kongress den Fall seiner jüngsten Patientin mit Typ-2-Diabetes vor: Es handelte sich um eine Dreijährige.

"Das Alter, in dem Typ-2-Diabetes beginnt, hat sich nach unseren Erfahrungen tatsächlich nach vorne verschoben", bestätigt Professor Dr. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz an der Universität Leipzig. Exakte Zahlen dazu gebe es aber nicht. Professor Dr. Andreas Fritsche, Leiter der Abteilung Prävention und Therapie des Diabetes an der Universität Tübingen, ergänzt: "Die Früherkennung hat sich verbessert, deshalb fällt Typ-2-Diabetes inzwischen früher auf." Das könne teilweise erklären, warum Typ-2-Diabetiker heute jünger sind. Die ganze Wahrheit sei das noch nicht. Begeben wir uns also auf Spurensuche.


1. Wir essen uns dick und krank

Die aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts liefern eine weitere Erklärung. 67 Prozent der deutschen Männer und 53 Prozent der Frauen sind übergewichtig. Auch bei Kindern und Jugendlichen geht das Gewicht tendenziell nach oben: Seit rund 20 Jahren hat sich laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung die Zahl der Übergewichtigen auf 15 Prozent verdoppelt. Die Gründe dafür, quer durch alle Altersschichten: falsche Ernährung. Das Frühstück fällt flach. Mittags geht es in die Kantine, wo gekocht wird, als ob man einen Schwerstarbeiter satt bekommen müsste. Und abends steht die Fertigpizza auf dem Tisch. Wer nicht auf Ausgleich achtet und zudem ständig Süßes futtert, sorgt dafür, dass der Blutzucker steigt. Schon in jungen Jahren.

2. Unsere Organe verfetten

Dabei scheint es auch auf die Fettverteilung anzukommen. Sitzt der Speck beim "Birnentyp" an Gesäß, Hüften und Oberschenkeln, gilt dies als eher ungefährlich. Anders beim "Apfeltyp": Hier sammeln sich Fettzellen um die Körpermitte, ummanteln Organe wie Leber, Magen und Darm. Das lässt das Diabetes-Risiko steigen. Möglicherweise sei eine ungünstige Fettverteilung bei jüngeren Menschen auf dem Vormarsch, vermutet Experte Blüher.


3. Wir bewegen uns zu wenig

Sitzen, sitzen, sitzen. In der Schule, am Schreibtisch, vor dem Computer. Siebeneinhalb Stunden hocken Erwachsene in Deutschland im Durchschnitt am Tag, junge Erwachsene bringen es sogar auf neun Stunden, ergab eine Studie der Deutschen Krankenversicherung mit der Sporthochschule Köln. Und schon Kinder verwachsen vier Stunden zusätzlich zum Unterricht mit ihrem Stuhl. Dabei kann gerade Bewegung die Insulinempfindlichkeit der Zellen verbessern und so Diabetes vorbeugen.

Dafür muss man noch nicht mal sportliche Höchstleistungen vollbringen, so Experte Fritsche: "Perfekt wären 10.000 Schritte am Tag." Das ist nicht für jeden zu schaffen. Aber schon wer häufiger spazieren geht, tut seinem Stoffwechsel Gutes.

4. Das schwere Erbe

Zwar wird die Veranlagung für Diabetes vererbt. Doch viele, die sich gesund ernähren und regelmäßig bewegen, erkranken nicht. Zudem "wissen wir heute, dass übergewichtige Mütter den Stoffwechsel ihres noch ungeborenen Kindes beeinflussen", sagt Experte Andreas Fritsche. Diabetes-Prävention fängt also schon vor der Schwangerschaft an: Ist die Mutter bei der Zeugung schlank, hat der Nachwuchs eine bessere Chance, von Diabetes verschont zu bleiben.


Jung, schwanger, Diabetes

Wenn die Blutzuckerwerte bei werdenden Müttern steigen, sprechen Experten von "Gestationsdiabetes". In vielen Fällen benötigen die Schwangeren dann Insulin. Zwar normalisieren sich die Werte nach der Geburt meist wieder. Aber etwa die Hälfte aller Frauen erkrankt binnen zehn Jahren nach der Entbindung an Typ-2-Diabetes.


Etwa fünf von hundert Schwangeren entwickeln einen Gestationsdiabetes. Häufiger Grund: Übergewicht. Um das Problem rechtzeitig zu erkennen, ist in Deutschland spätestens zwischen der 24. und 28. Woche eine Blutzuckeruntersuchung vorgesehen, sagt Privatdozentin Dr. Tanja Groten vom Kompetenzzentrum Diabetes und Schwangerschaft des Universitätsklinikums Jena.


5. Die Armutsfalle

Ein gesunder Lebensstil: Dazu hat nicht jeder Zugang. So zeigen Studien, dass es in armen Gegenden weniger Sportangebote und Grünflächen, dafür aber mehr Fast-Food-Restaurants gibt. "Typ-2-Diabetes ist keine Wohlstandserkrankung, sondern betrifft vielfach Arme", sagt Fritsche. So verdienstvoll es sei, mit gesunder Ernährung schon im Kindergarten zu starten: Man müsse die sozialen Verhältnisse der Familien verbessern. Dann sinke auch deren Diabetesrisiko.



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