Typ-2-Diabetes: Therapien nach Maß

Jeder Diabetes-Patient ist anders. Ärzte setzen deshalb auf individuelle Behandlungskonzepte. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Therapie der Zuckerkrankheit

von Dr. Sabine Haaß, aktualisiert am 25.01.2016

Die richtigen Tabletten? Jeder Diabetiker braucht eine individuelle Therapie

Image Source/RYF

Geht es um Diabetes, sprechen Ärzte längst nicht mehr von einer "Volkskrankheit". Begriffe wie "Epidemie" oder "Tsunami" müssen her, um deutlich zu machen, wie viele Menschen inzwischen betroffen sind – und vor allem, wie rasant deren Zahl steigt. Gegenwärtig, so meldet die International Diabetes Federation IDF, leiden weltweit 382 Millionen Menschen an Diabetes, die meisten an Typ 2. Das ist jene Form der "Zuckerkrankheit", die vor allem durch üppiges Essen und körperliche Trägheit begünstigt wird. Und die am schnellsten zunimmt: Bis 2035 sagen Experten einen Anstieg der Typ-2-Diabetes-Fälle um 55 Prozent voraus.

Zuckerwerte zählen nicht allein!

Forscher suchen fieberhaft nach neuen Wegen, um der Epidemie Einhalt zu gebieten: Fast im Monatstakt entwickeln sie neue Insuline, neue Tabletten, neue Zucker-Messgeräte – sind aber von einem "Durchbruch" weit entfernt. Zumindest, wenn man den Kampf gegen Diabetes allein an den Zuckerwerten festmacht. Bis vor wenigen Jahren galt es als Tatsache, dass das Schicksal eines Diabetes-Patienten vor allem davon abhängt, wie gut (oder schlecht) sein Zuckerspiegel ist. Doch zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass das nicht stimmt. Vor allem nicht für alte Menschen, für Herzkranke oder auch für Diabetiker mit Alzheimer. Eine rigorose Blutzuckersenkung birgt dann oft mehr Nach- als Vorteile: etwa weil die Gefahr durch Unterzuckerungen und deren Folgen mehr ins Gewicht fällt als die Schäden, die erhöhte Zuckerwerte nach Jahren an Gefäßen und Nerven verursachen.


Ein 40-Jähriger braucht eine andere Therapie als ein 80-Jähriger

Daher setzen Ärzte zunehmend auf eine maßgeschneiderte Therapie. Das heißt, dass etwa ein fitter 40-Jähriger, der noch viele Jahre vor sich hat, seinen Zucker strenger senken sollte als ein 80-Jähriger mit Knochenschwund, der bei einer Unterzuckerung stürzen und sich die Hüfte brechen könnte.


Thinkstock/Rasulovs

1. Abnehmen

Was hat Übergewicht mit Diabetes zu tun?

Fettgewebe, vor allem inneres Organfett, bildet Stoffe, die unter anderem die Wirkung des Zuckersenkers Insulin hemmen. Das treibt den Blutzucker in die Höhe und führt zu Typ-2-Diabetes, fördert aber auch Bluthochdruck und Gefäßverkalkung. Mit der Folge, dass Typ-2-Dia­betiker als "Spitzenkandidaten" für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall gelten.

Bekommt jeder Übergewichtige Dia­betes?

Es gibt zwar Übergewichtige, die nie Gesundheitsprobleme bekommen. Doch vier von fünf Übergewichtigen werden irgendwann krank. Vor allem Typ-2-Dia­betes, Bluthochdruck und schlechte Cholesterinwerte sind typische Folgen.

Was bringt Abnehmen bei Diabetes? 

"Durch Abbau von Übergewicht können Typ-2-Diabetiker ihre Zuckerwerte verbessern oder sogar normalisieren", sagt Diabetologe und Ernährungsspezialist Dr. Andreas Lueg aus Hameln. Der Effekt, so Lueg, sei vergleichbar oder sogar besser als der von zuckersenkenden Tabletten. Wer Medikamente bzw. Insulin brauche, könne die Dosis durch den Abbau von Übergewicht oft deutlich verringern.

Welches Ziel sollte man sich setzen?

"Das Gewichtsziel sollten Sie mit dem Arzt vereinbaren", so Lueg. Vor allem für ältere Menschen berge der Abbau von Übergewicht auch Risiken. Ansonsten gelte: Jedes überschüssige Pfund weniger verbessert den Blutzucker, den Blutdruck und die Cholesterinwerte.

Abnehmen – bloß wie?

Wer abspecken will, muss vor allem eines: mehr Kalorien verbrauchen als zuführen. Ein Anfang ist gemacht, wenn man die Ernährung umkrempelt: mageres Fleisch, fettarme Milchprodukte, täglich drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst – und bei Getränken auf "zuckerfrei" oder zumindest die Süßstoff-Variante setzen. Sinnvoll: eine individuelle Ernährungsberatung. Sprechen Sie darüber mit Ihrem Arzt oder Ihrer Krankenkasse.

 


Thinkstock/iStockphoto

2. Zucker mit Bewegung senken

Warum ist Bewegung so wichtig?

"No sports, whiskey only!" (Kein Sport, nur Whiskey), das soll der britische Premier Winston Churchill geantwortet haben, als Journalisten ihn nach dem Rezept für sein langes Leben fragten. Selbst falls die Anek­dote stimmt (was bezweifelt wird): Der übergewichtige Politiker spielte Polo, ruderte und kletterte noch in fortgeschrittenem Alter auf hohe Berge. Ziemlich sicher ist: Ohne seinen Bewegungsdrang hätte Churchill kaum das hohe Alter von 89 Jahren erreicht. Körperliche Aktivität ist der beste Garant für ein langes Leben. Nicht nur, weil sie Herz und Adern in Schwung hält. Sie rückt auch dem inneren Organfett zu Leibe. Dadurch verringern sich die gefährlichen Entzündungsstoffe, die das Fettgewebe produziert. Das erklärt, warum aktive Menschen seltener Typ-2-Diabetes, Arterienverkalkung oder Krebs bekommen.

Was bringt Sport für den Zucker?

Aktive Muskeln verbrennen mehr Zucker. "Außerdem verbessert Bewegung die Insulin-Empfindlichkeit", sagt Diabetologe Andreas Lueg. Zucker gelangt dadurch leichter aus dem Blut in die Zellen, der Blutzuckerspiegel sinkt.

Wie viel Aktivität – und welche?

Entscheidend ist, regelmäßig aktiv zu werden. Wie, das bleibt jedem selbst überlassen. Ob Joggen, Radeln oder Schwimmen: Machen Sie, was Ihnen am meisten zusagt. Die Faustregel lautet: mindestens je 30 Minuten an fünf Tagen pro Woche. Und zwar so, dass Sie leicht ins Schwitzen, aber nicht aus der Puste geraten. "Wer keinen Sport treibt, sollte jeden Tag 10.000 Schritte gehen", sagt Andreas Lueg. Ideale Motivationshilfe: ein Schrittzähler.

Vorher zum Arzt?

Wenn Sie bislang keinen Sport gemacht haben, reden Sie mit Ihrem Arzt. Das ist wichtig, weil bei Typ-2-Diabetes etwa das Herzinfarkt­risiko erhöht sein kann. "Der Arzt wird, zum Beispiel mithilfe eines Belas­tungs-EKGs, feststellen, ob und wie intensiv Sie sich sportlich betätigen dürfen", so Experte Lueg.

Wie beuge ich Unterzucker vor?

Wenn Sie Insulin spritzen oder bestimmte blutzuckersenkende Tabletten nehmen (vor allem Sulfonylharnstoffe, z. B. Glibenclamid, Glimepirid), kann es bei körperlicher Aktivität zu einer Unterzuckerung kommen. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob und wie Sie die Dosis Ihres Medikaments verringern können. Messen Sie Ihren Zucker etwas häufiger, und stecken Sie zur Sicherheit ein paar Täfelchen Traubenzucker ein.

 


Thinkstock/istock/sakdawut14

3. Medikamente gegen Diabetes

Wann verschreibt der Arzt Diabetes-­Tabletten?

Zuckersenkende Tabletten verordnet der Arzt, wenn der Blutzucker trotz regelmäßiger Bewegung und gesunder Ernährung zu hoch ist. "Zu hoch" heißt gewöhnlich: Der Langzeitwert HbA1c liegt über 6,5 Prozent. Der HbA1c spiegelt die Höhe der Blutzuckerwerte in den vergangenen Wochen wider. Der Zielwert sollte individuell mit dem Arzt festgelegt werden. Vor allem bei älteren Menschen werden oft höhere Zuckerwerte toleriert, um Unterzuckerungen zu vermeiden.

Welcher Wirkstoff senkt den Zucker am besten?

Der Einfluss der verschiedenen "Antidiabetika" auf die Blutzuckerwerte ist vergleichbar – es gibt keinen Wirkstoff, der deutlich überlegen ist. Bei der Auswahl beachtet der Arzt verschiedene Faktoren: etwa Gewichtsprobleme, Neigung zu Unterzuckerungen und ob andere Krankheiten wie eine Herz- oder Nierenschwäche bestehen.

Einmal Tabletten, immer Tabletten?

Unmittelbar nach der Dia­gnose bekommen fast alle Patienten mit Typ-2-Diabetes ein Rezept für blutzuckersenkende Tabletten. "Wie es danach weitergeht, haben sie auch selbst in der Hand", so Experte Lueg. Viele können die Dosis ihres Medikaments verringern oder es wieder absetzen, wenn sich die Zuckerwerte durch Abbau von Übergewicht und regelmäßige Bewegung gebessert haben.

Warum führen manche Wirkstoffe zu Unterzuckerungen, andere nicht?

Bestimmte Diabetes-Medikamente können Unterzuckerungen auslösen, andere eher nicht. Das hängt mit ihrem Angriffspunkt im Körper zusammen. Sulfonylharnstoffe (z. B. Glibenclamid, Glimepirid) und Glinide führen dazu, dass die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin ausschüttet. Wer dann eine Mahlzeit vergisst oder versehentlich eine Tablette zu viel nimmt, rutscht schnell in eine Unterzuckerung – ähnlich wie ein Dia­betiker, der zu viel Insulin gespritzt hat. Glitazone wiederum, oder auch Metformin, verbessern die Insulin­wirkung, stimulieren aber nicht die Insulinausschüttung. Sie erhöhen deshalb das Unterzuckerrisiko nicht. Dafür können sie andere Nebenwirkungen haben, die sie für manche Dia­betiker ungeeignet machen. Die Vor- und Nachteile wägt der Arzt im Einzelfall ab.

Warum liest man immer wieder, dass neue Diabetes-Medikamente von der Krankenkasse nicht bezahlt werden?

Das hängt damit zusammen, dass neue Wirkstoffe oft teurer verkauft werden als die vorhandenen Medikamente. Die Krankenkassen bezahlen aber nur dann, wenn der Hersteller mit Studien bewiesen hat, dass sein neuer Wirkstoff tatsächlich besser ist.


Tabletten: So wirken Blutzuckersenker

  • Glitazone verbessern die Insulinwirkung am Muskel. Dadurch gelangt mehr Zucker aus dem Blut in die Muskelzellen.


    1/6

  • Gliptine/GLP-1-Analoga hemmen den Abbau des Darmhormons GLP 1 bzw. imitieren dessen Wirkung: Die Bauchspeicheldrüse schüttet, in Abhängigkeit von der Höhe des Blutzuckers, mehr Insulin aus, der Magen entleert sich langsamer, man ist länger satt, die Zuckerneubildung in der Leber wird gehemmt.


    2/6

  • Sulfonylharnstoffe und Glinide regen die Bauchspeicheldrüse an, mehr Insulin auszuschütten.


    3/6

  • Alpha-Glukosidasehemmer verzö­gern im Darm den Abbau von Kohlen­­hydraten. Zucker gelangt langsamer ins Blut.


    4/6

  • Metformin verbessert die Aufnahme von Zucker aus dem Blut in die Muskeln, hemmt die Neubil­dung von Zucker in der Leber, verzögert die Aufnahme von Zucker aus dem Darm ins Blut.


    5/6

  • SGLT-2-Hemmer blockieren in der Niere den Eiweißstoff SGLT 2. Dadurch wird mehr Zucker mit dem Harn ausgeschieden.


    6/6

W&B/Stephan Höck

4. Insulin: Wenn andere Maßnahmen scheitern

Wann muss Typ-2-Diabetes mit Insulin behandelt werden?

Anders als beim Typ-1-Diabetes, der eine sofortige, lebenslange Insulingabe erforderlich macht, kann Typ-2-Diabetes oft lange ohne Insulin behandelt werden. Der Abbau von Übergewicht und regelmäßige Bewegung bewirken, dass das vom Körper produzierte Insulin wieder besser wirkt. Reicht das nicht, verschreibt der Arzt zusätzlich blutzuckersenkende Tabletten. "Wenn der Blutzucker trotzdem nicht ausreichend sinkt, wird eine Insulintherapie begonnen", sagt Dr. Cristine Pietsch, Diabetologin am Krankenhaus Märkisch-Oderland in Strausberg. In der Regel entscheidet man sich dazu, wenn der Blutzucker-Langzeitwert HbA1c nicht unter 7,5 Prozent gesenkt werden kann.

Einmal Insulin, immer Insulin?

Eine Insulin­therapie kann bei Typ-2-Diabetes manchmal wieder beendet werden. Etwa, wenn sie unmittelbar nach der Diagnose des Dia­betes begonnen wurde, weil der Zuckerspiegel so hoch war, dass Tabletten nicht gereicht hätten – und sich der Blutzucker anschließend durch eine Änderung des Lebensstils deutlich bessert. "Dann kann die Insulintherapie wieder abgesetzt oder die Insulindosis zumindest verringert werden", sagt Expertin Pietsch. Da im Laufe der Jahre die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse nachlässt, brauchen allerdings viele Menschen mit Typ-2-Diabetes eines Tages eine dauerhafte Insulintherapie.

Ist die Insulintherapie kompliziert?

Die Insulintherapie ist bei Typ-2-Diabetes  meist deutlich einfacher als bei Typ-1-Diabetes. Der Grund ist, dass der Körper bei Typ-2-Diabetes noch eigenes Insulin produziert. Deshalb kann es zum Beispiel genügen, zusätzlich zu den blutzuckersenkenden Tabletten einmal täglich ein lang wirkendes Insulin zu spritzen. Diese Art der Insulintherapie bietet sich an, wenn die Zuckerwerte morgens nach dem Aufstehen zu hoch sind, tagsüber aber im Normalbereich liegen. "Wie oft ein Typ-2-Diabetiker Insulin spritzt, ob er die Dosis selbst berechnet oder eine fixe Menge spritzt, die mit dem Arzt vereinbart wurde, wird immer im Einzelfall besprochen", so Diabetologin Cristine Pietsch. Das Insulin wird in der Regel mittels eines Pens unter die Haut an Bauch oder Oberschenkel gespritzt. Der Piks ist kaum zu spüren. Die Handhabung des Pens ist einfach und wird in einer Schulung erklärt.

Erhöht Insulin das Risiko für Unterzuckerungen?

Diabetiker, die Insulin spritzen, haben ein erhöhtes Risiko, Unterzuckerungen zu bekommen. Daher müssen sie ihre Blutzuckerwerte häufiger kontrollieren als Diabetiker, die nicht mit Insulin behandelt werden. Die Krankenkassen bezahlen die notwendigen Blutzucker-Teststreifen, wenn der Arzt sie verordnet. Bei den ersten Anzeichen einer Unterzuckerung (z. B. Heißhunger, Herzklopfen, Schweißausbruch) sollten Sie sofort Ihren Blutzucker kontrollieren und gegebenenfalls schnell wirkende Kohlenhydrate zu sich nehmen (z. B. Saft, Trauben­zuckerplättchen).



ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Newsletter: Grüne Taste

Newsletter

Immer gut informiert mit dem kostenlosen Newsletter des Diabetes Ratgeber »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages