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Diabetes: Schnelle Analoginsuline problematisch?

Sind die sehr schnell und kurz wirkenden Analoginsuline nicht problematisch, weil sie dazu verführen, mehr als geplant zu essen und dann anschließend einfach noch mal zu spritzen? Aus der "Experten-Sprechstunde Diabetes"


Schnell und kurz wirkendes Analoginsulin macht Diabetiker flexibler

Jedes Werkzeug kann bei unsachgemäßem Gebrauch Schaden anrichten. Das gilt auch für die sehr schnell und kurz wirkenden Analoginsuline zur Behandlung eines insulinpflichtigen Diabetes (Diabetes Typ 1, Diabetes Typ 2). Ihr Wirkungsverlauf erlaubt Freiheiten bei der Gestaltung des Tagesablaufs, die bei der Verwendung konventioneller Insuline nicht möglich sind. Der wohl wichtigste Vorteil ist der schnelle Wirkungsbeginn, der das Einhalten eines Spritz-Ess-Abstandes erübrigt, sofern sich der Blutzucker im Zielbereich befindet. Nicht nur für Berufstätige mit kurzer Mittagspause ist es ein Gewinn, wenn die Warterei nach der Injektion entfällt. Und schnelle Analoginsuline können auch noch unmittelbar nach der Mahlzeit gespritzt werden, ohne dass ein starker Blutzuckeranstieg befürchtet werden muss. Gerade das Spritzen nach dem Essen ist zu einer unschätzbaren Erleichterung für die Diabetestherapie von Kleinkindern geworden. Denn da kaum vorhersehbar ist, ob und wann sie ihre Mahlzeit essen, kann eine Injektion vor dem Essen zu erheblichen Problemen führen. Auch bei Erkrankungen mit Übelkeit und Erbrechen hilft es, erst dann zu spritzen, wenn gegessen wurde. Schließlich erleichtert es auch die Betreuung sehr alter Menschen, wenn erst nach der Mahlzeit für die tatsächlich gegessene Menge gespritzt wird.

Allerdings kann die sinnvolle Möglichkeit, auch noch anschließend zu spritzen, tatsächlich dazu verführen, mehr als die vorgesehene Menge zu essen, für die die Insulindosis  vor Beginn der Mahlzeit berechnet wurde. Kommt das gelegentlich vor, weil es gerade so gut schmeckt oder jemand spontan Appetit auf einen nicht geplanten Nachtisch bekommt, so ist das ja auch in Ordnung und wird den Blutzuckerverlauf nicht beeinträchtigen. Bei einem großen Menü nach französischem Vorbild, das sich über Stunden erstreckt, ist es sogar sinnvoll, die für sämtliche Gänge benötigte Insulinmenge auf zwei oder drei Injektionen zu verteilen und dabei auch abzuwarten, was denn nun serviert und gegessen wird. So lässt sich die Insulinwirkung dann sehr genau mit der Kohlenhydrataufnahme abstimmen.


Bedenklich wird es nur, wenn immer wieder mehr gegessen wird, als geplant war und als der Körper benötigt. Denn innerhalb von Wochen wird es zu einer Gewichtszunahme kommen, und zwar in erster Linie durch Fettvermehrung. Da der Insulinbedarf aber auch vom Gewicht abhängt, werden die gewohnten Insulindosen nicht mehr ausreichen. Dadurch verursachte Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten erfordern zusätzliche Insulineinheiten. Die pro Broteinheit (BE) bzw. Kohlenhydrateinheit (KHE, KE) benötigten Insulineinheiten müssen angehoben werden. So entsteht ein Insulinmehrverbrauch, der wiederum Übergewicht und Fettzunahme fördert – und die Spirale dreht sich weiter, wenn sie nicht durch ein disziplinierteres Essverhalten unterbrochen wird.

Aber die Notwendigkeit von Disziplin überhaupt und ganz besonders beim Essen wird nicht immer eingesehen. Und so kann es vorkommen, dass Patienten die schnellen Analoginsuline zu häufig für spontane Extraportionen einsetzen. Doch Gewichtszunahme durch zu großzügigen Insulingebrauch ist kein neues Problem. Die Folgen unkontrollierten Essens waren bereits bei Einführung der intensivierten Insulintherapie (ICT) in den achtziger Jahren zu beobachten. Bei der herkömmlichen Insulintherapie mit nur zwei Injektionen täglich lag die Kohlenhydratmenge der Mahlzeiten fest und musste über Monate bis Jahre eingehalten werden. Bei der ICT wird die Insulindosis nach der folgenden Mahlzeit berechnet, es kann also je nach Appetit mehr oder weniger gegessen werden, ohne dass der Blutzuckerverlauf dadurch beeinträchtigt würde. Da sich aber damals viele Diabetespatienten – nicht nur, aber besonders Jugendliche – mit der neuen Therapie ständig für größere Portionen entschieden, kam es innerhalb von Monaten nach Umstellung auf die ICT bei vielen Patienten zu Gewichtszunahmen, die teilweise extrem ausfielen. Erst seitdem in den Schulungen, die zu einer Umstellung der Insulintherapie gehören, auf die mit den neuen Freiheiten verbundenen Gefahren eingegangen wird, sind weniger Gewichtszunahmen zu beobachten. Entsprechend muss auch bei Umstellung auf ein sehr schnell und kurz wirkendes Analoginsulin vermittelt werden, dass trotz der Möglichkeit, nach Extraportionen nochmals zu spritzen oder auch spontane Zwischenmahlzeiten einzulegen, auf eine gewisse Disziplin beim Essen nicht verzichtet werden kann. Außerdem legen Diabetesärzte (Diabetologen) und Diabetesberater/Innen Wert darauf, sich bei jedem Patientenkontakt auch nach dem Essverhalten zu erkundigen und den Gewichtsverlauf zu kontrollieren.

Schnelle Analoginsuline stehen seit über zehn Jahren zur Verfügung. Bei überlegtem Einsatz bieten sie einen Gewinn an Lebensqualität, auf den die meisten damit behandelten Patienten nicht mehr verzichten möchten. Wenn nach entsprechender Schulung und durch eine Betreuung, die auf das Essverhalten eingeht, akzeptiert wird, dass eine Diabetesbehandlung auch mit modernen Insulinen ganz ohne Selbstdisziplin nicht gelingen kann, dann ist die Gefahr eines überzogenen Insulingebrauchs nicht mehr so groß.



Dr. med. Bernd Regling, Diplom-Psychologe und Diabetologe (DDG), Experte der "Sprechstunde Diabetes", in der Sie interessante Fragen, Antworten und Tipps finden.



Diese Informationen enthalten nur allgemeine Hinweise und dürfen nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Sie können einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.
 



www.apotheken-umschau.de; 26.04.2010, aktualisiert am 25.06.2010
Bildnachweis: W&B/Simon Katzer

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