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Vitamine bei Diabetes

Sind Vitamine bei Diabetes nützlich, überflüssig oder vielleicht sogar schädlich? Eine Bilanz und neue Wege in der Therapie


Wer gesund ist, nimmt mit einer ausgewogenen Ernährung genügend Vitamine auf und benötigt keine Zusatzpräparate

Man nannte sie die "englische Krankheit". Betroffen waren vor allem Kinder, die unter Tage in englischen Bergwerken schuften mussten. Ihre Knochen verformten sich, die Kleinen litten unter Krämpfen und Atemnot. Heute weiß man: Die Ursache des Leidens, das während der industriellen Revolution gehäuft auftrat, war ein Vitamin-D-Mangel. Das Vitamin, zuständig unter anderem für das Knochenwachstum, bildet der Organismus nur, wenn er genug Sonnenlicht bekommt.

Heute ist die Rachitis, wie ein schwerer Vitamin-D-Mangel auch genannt wird, zumindest in Industrienationen kein Thema mehr. Dennoch ist Vitamin D, ebenso wie die anderen Vitamine, in den vergangenen Jahren wieder verstärkt ins Visier der Ärzte und Forscher gerückt. Zum einen, weil man erkannt hat, dass Vitamine nicht die omnipotenten Gesundmacher sind, als die sie jahrzehntelang gefeiert wurden – sondern, im Übermaß geschluckt, sogar gefährlich werden können. Zum anderen, weil immer mehr Studien die komplexen Zusammenhänge zwischen einzelnen Krankheiten und einem "Zuviel" oder "Zuwenig" an Vitaminen erhellen.


Viel hilft viel? Stimmt nicht

"Viel hilft viel" – nach diesem Motto greifen auch heute noch Millionen Menschen zu den vermeintlichen kleinen Alleskönnern. Sie tun das in der Hoffnung, sich so Krankheiten wie Krebs oder Arterienverkalkung vom Leibe zu halten. Und ohne zu ahnen, dass sie damit möglicherweise genau das Gegenteil bewirken.



Karotten – Quelle für Vitamin A

So zeigten etwa die Ergebnisse einer 2007 im amerikanischen Ärzteblatt veröffentlichten Untersuchung: Menschen, die Vitamin A, C, E oder Betakarotin einnehmen, leben nicht länger und gesünder, sondern sterben oft sogar früher. Diese Vitamine machen freie Radikale unschädlich – aggressive Sauerstoffverbindungen, die das Gewebe schädigen und womöglich Krebs und Alzheimer fördern. Doch was eigentlich gesund klingt, kann möglicherweise ins Gegenteil umschlagen. Denn nimmt die Zahl der freien Radikale zu stark ab, kann das das Immunsystem schwächen.

Für Gesunde genügt ausgewogene Ernährung

Eine wenig später im britischen Ärzteblatt veröffentlichte Studie ergab, dass Diabetiker, die Kombinations-Präparate mit verschiedenen Vitaminen einnehmen, nicht seltener an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sterben, sondern tendenziell etwas häufiger.



Fettreicher Fisch – Quelle für Vitamin D

Also Finger weg von extra Vitaminen? Nur noch darauf vertrauen, dass wir durch gesunde Ernährung ohnehin genug der Vitalstoffe zu uns nehmen? Dafür plädiert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Und auch das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt heute ausdrücklich davor, dauerhaft extra Vitamine einzunehmen. Doch es gibt Ausnahmen.

Bestimmte Gruppen, etwa Menschen mit Darm­erkrankungen oder Menschen, denen Teile des Dünndarms entfernt werden mussten, und deren optimale Versorgung mit Vitaminen deshalb nicht gewährleistet ist, können von Vitaminpräparaten profitieren. Auch für Diabetiker gelten unter Umständen andere Regeln. Manche Studien legen nämlich nahe, dass bestimmte  Vitamine Menschen mit Diabetes helfen können.

Vitamin D - iabetes?

Eine besondere Rolle scheint nach jüngsten Erkenntnissen das Vitamin D zu spielen. Es gibt Hinweise, dass ein Vitamin-D-Mangel sowohl Typ-1-Diabetes als auch Typ-2-Diabetes fördern kann. Die Diabetes-Forscherin Dr. Elizabeth Ramos-Lopez von der Frankfurter Goethe-Universität konnte beispielsweise kürzlich nachweisen, dass Vitamin D bei Mäusen mit hohem genetischen Risiko für Typ-1-Diabetes einen Teil der Insulinproduktion erhalten kann.

Günstige Effekte stellte Ramos-Lopez auch bei Patienten mit Typ-2-Dia­­betes fest: In einer Studie mit 85 Teilnehmern besserten sich infolge der Vitamin-D-Gabe die Blutzuckerwerte. Zudem nahm die Konzentration bestimmter Entzündungsstoffe im Blut ab, die ein erhöhtes Risiko für Gefäßschäden und damit für Krankheiten wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall anzeigen. Ob diese Erkenntnisse Konsequenzen für die Behandlung von Diabetes-Patienten haben werden, ist derzeit aber völlig offen. Dazu sind noch viele weitere Studien nötig.

Versuche, frisch an Typ-1-Diabetes erkrankte Patienten zu behandeln, waren beispielsweise nicht von Erfolg gekrönt: Deren Insulinproduktion versiegte unabhängig davon, ob sie zusätzlich Vitamin D bekamen.
Kindern mit erhöhtem Risiko für Typ-1-Diabetes vorbeugend Vitamin D zu verabreichen wäre zwar theoretisch möglich. Die dafür nötigen Vitamin-Dosen wären jedoch so hoch, dass mit Nebenwirkungen gerechnet werden müsste, sagt die Münchner Diabetesforscherin Professor Anette-Gabriele Ziegler.



Ein Mangel an Vitamin B1 kann Nervenschäden fördern

Geht Vitamin B-Mangel auf die Nerven?

Viele Diabetiker entwickeln im Lauf der Jahre Nervenschäden. Daran sind vermutlich die dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegel schuld, die die Nervenfasern schädigen. Als weitere Ursache diskutieren Experten auch einen Mangel an Vitamin B1, von dem Diabetes-Patienten oft weniger im Blut haben als Nicht-Dia­betiker. Deutsche Forscher wiesen außerdem nach, dass Vitamin B1 bestimmte Substanzen hemmt, die im Stoffwechsel entstehen und die Nerven schädigen. Darüber hinaus beobachteten sie, dass Vitamin B1, ähnlich wie Vitamin D, Entzündungsstoffe hemmt, die eine Arterienverkalkung und damit Krankheiten wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall fördern.


Doch handfeste Beweise, dass eine Behandlung mit Vitamin B1 – beziehungsweise dessen Vorstufe Benfotiamin, die vom Körper in B1 umgewandelt wird – die Symptome einer diabetesbedingten Nervenschädigung lindert, stehen aus. Dennoch sind viele Betroffene der Überzeugung, dass ihnen das Vitamin hilft, und einzelne Studien stützen diese Erfahrung.

Krankenkasse zahlt Therapie nicht

Die Internistin und Diabetologin Dr. Young-Hee Lee-Barkey vom Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen verschreibt ihren Patienten mit Neuropathie Benfotiamin dann, wenn andere Medikamente nicht ausreichend helfen. Allerdings muss der Patient die Kosten für die Therapie von etwa 20 bis 40 Euro monatlich in der Regel aus eigener Tasche zahlen.

Auch ein Mangel an Vitamin B12, einem weiteren Vitamin aus der B-Gruppe, kann "auf die Nerven gehen". Vor Kurzem entdeckten Forscher zudem, dass blutzuckersenkende Tabletten mit dem Wirkstoff Metformin, ein Standardmedikament zur Therapie des Typ-2-Diabetes, einen Vitamin-B12-Mangel fördern können. Der Grund: Metformin blockiert möglicherweise den Transport von Vitamin B12 aus dem Darm ins Blut. Oft dauert es allerdings Jahre, bis sich Mangel­erscheinungen einstellen, weil der Körper Vitamin B12 in großen Mengen speichern kann.



Blattspinat – Quelle für Vitamin K

Blutarmut weist auf B12-Mangel hin

Hinweise auf einen Vitamin-B12-Mangel sind beispielsweise eine Blutarmut (weil das Vitamin auch für die Bildung der Blutkörperchen wichtig ist), sehr trockene Haut sowie Missempfindungen oder Taubheitsgefühle. Von einem B12-Mangel betroffen sind meist ältere Menschen, denn die häufigste Ursache ist eine bestimmte Form der Magenschleimhautentzündung, wodurch ebenfalls der Transport des Vitamins ins Blut gehemmt wird.

"Bei älteren Menschen, vor allem wenn sie Diabetes haben und Metformin einnehmen, sollte bei entsprechenden Symptomen der Vitamin-B12-Spiegel bestimmt werden", rät Lee-Barkey. Bei einem Mangel bekommen die Betroffenen das Vitamin in regelmäßigen Abständen gespritzt – anfangs täglich oder wöchentlich, später in größeren Abständen, bis die Körperspeicher wieder gefüllt sind. "Tabletten helfen in diesem Fall kaum, weil der Wirkstoff nicht ins Blut aufgenommen würde", sagt Lee-Barkey. Wenn ein behandlungsbedürftiger Vitamin-B12-Mangel vorliegt, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Therapie.

Manchmal sinnvoll: Vitamin-Kombi

Während Experten einhellig davon abraten, einzelne Vitamine ohne ärztlichen Rat in hoher Dosis und auf Dauer einzunehmen, können Kombinations-Präparate in bestimmten Fällen vorübergehend sinnvoll sein.
"Das gilt zum Beispiel für ältere und hochbetagte Menschen, die sich eher einseitig ernähren und selten ans Sonnenlicht kommen", sagt der Hamburger Diabetologe und Geriater (Alters-Mediziner) Dr. Jürgen Wernecke vom Diakonie-Klinikum Bethanien.

Chronische Krankheiten wie Dia­betes, an dem in dieser Altersgruppe mindestens jeder Fünfte leidet, erhöhen die Wahrscheinlichkeit für einen Vitaminmangel. Besteht der Verdacht auf eine Unterversorgung, empfiehlt der Geriater, vorübergehend ein Kombinations-Präparat einzunehmen, das eine Mischung verschiedener Vitamine enthält. Aber auch dies nur, bis der Mangel beseitigt ist. Grundsätzlich, so Wernecke, sollte man "das Problem an der Wurzel packen".

Die Experten der Diakonie-Klinik setzen deshalb vor allem auf Maßnahmen wie Ernährungsberatung und Diabetes-Schulungen, um ihren betagten Patienten zu zeigen, wie sie sich besser und genussvoller ernähren können. "Gezielt eingesetzt sind Vitaminpräparate sehr wertvoll", so Wernecke. "Eine gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung an der frischen Luft können sie aber nicht ersetzen."

Vitamine: Die Lebens-Stoffe

  • Vitamine sind organi­sche Verbindungen,die der Stoffwechsel für zahllose Vorgänge benötigt.
  • Mit Ausnahme von Vitamin D und Vitamin B3 (Niacin) kann der Körper Vitamine nicht selbst herstellen und ist deshalb auf die regelmäßige Zufuhr von außen angewiesen.
  • Bislang sind 13 Vitamine bekannt. Fettlöslich sind die Vitamine A, D, E und K, wasserlöslich die Vitamine B1, B2, B6, B12, C, Niacin, Folsäure, Pantothensäure und Biotin.
  • Den Begriff "Vitamine" prägte der polnische Bio­chemiker Casimir Funk, der als ers­ter das Vitamin B1 isoliert und als stickstoffhaltige Verbindung ("Amin") identifiziert hatte.
  • Das Wort Vitamin setzt sich zusammen aus dem lateinischen "vita" (Leben) und "amin" (stickstoffhaltig).



Bildnachweis: W&B/ Neisel, Jupiter Images GmbH/PhotoObjects.net, Thinkstock/Hemera, Thinkstock/iStockphoto
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Dr. Christina Corente / Diabetes Ratgeber; 07.06.2011, aktualisiert am 17.08.2012
Bildnachweis: W&B/ Neisel, Jupiter Images GmbH/PhotoObjects.net, Thinkstock/Hemera, Thinkstock/iStockphoto

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