Ausgegrenzt wegen Übergewicht

Menschen mit Übergewicht erfahren oft Ablehnung und Diskriminierung. Daran muss sich dringend etwas ändern, fordern Experten

von Cornelia Menner, aktualisiert am 20.04.2017

Menschen mit Übergewicht müssen oft viel Spott ertragen

Getty Images/ImagesBazaar

An guten Tagen kann sich Regina Fezer (Name von der Redaktion geändert) auf ihren Humor verlassen. "Als mich kürzlich eine neue Kollegin beim Mittagessen fragte, ob ich schon mal an eine Diät gedacht hätte, habe ich geantwortet: Oh ja, eine Diät steht ganz weit oben auf meiner Planungsliste. Sie hat die Nummer 87." Zwar hatte Regina die Lacher auf ihrer Seite – innerlich war der 51-Jährigen aber eher nach Tränen zumute. Obwohl sie als rheinische Frohnatur gerne lacht, mit hübschen Grübchen und strahlenden dunklen Augen.

"Ich bin dick, habe aber kein dickes Fell"

Regina ist das, was man stark übergewichtig bzw. bereits fettleibig (adipös) nennt. Bei 1,65 Metern Körpergröße bringt sie fast 90 Kilo auf die Waage, das entspricht einem Body-Mass-Index (BMI) von 32. Ihr Hausarzt hat vor ein paar Jahren Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Es gibt keine Diät, die Regina Fezer nicht ausprobiert – und keine Bemerkung, die sie nicht schon gehört hätte. Trotzdem schmerzt es. "Ich bin zwar dick, habe aber kein dickes Fell", meint sie. Sie fühle sich durch abwertende Bemerkungen und Blicke ausgegrenzt, an den Rand getrieben.


Damit ist sie nicht allein, wie eine Studie der Krankenkasse DAK kürzlich zeigte. Demnach lehnt ein Großteil der Normalgewichtigen Menschen ab, die nicht ins Schlank-Schema passen. Ausgrenzung ist ein Gefühl, das viele Menschen mit Adipositas teilen und das inzwischen auch Gegenstand der Forschung ist.

Diskriminierung fördert Frustessen

Claudia Luck-Sikorski, Professorin für psychische Gesundheit und Psychotherapie an der Hochschule für Gesundheit in Gera, hat mit ihrem Team etliche Studien analysiert. Eine ihrer Erkenntnisse: Soziale Ausgrenzung fördert psychische Erkrankungen bei adipösen Menschen. "Der Stresspegel steigt enorm, das ist sogar im Blut nachweisbar", erklärt Claudia Luck-Sikorski. Mehr noch: "Betroffene werden durch das verächtliche Verhalten der Mitmenschen nicht etwa motiviert, etwas gegen die Leibesfülle zu tun. Sie essen oft sogar mehr."


Was ist Adipositas?

Ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 sprechen Ärzte von Übergewicht, ab 30 von Adipositas (Fettleibigkeit). Ihren BMI können Sie mit unserem BMI-Rechner feststellen.


Adipöse Menschen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Begleiterkrankungen, zum Beispiel Typ-2-Dia­betes und Bluthochdruck.


Weniger essen, mehr Bewegung: So einfach ist das nicht

Essen gegen den Frust – und weil es sowieso schon egal ist: Regine Fezer kennt das nur zu gut. In solchen Stunden verputzt sie auch mal drei Tafeln Schokolade am Stück. "Dann schimpfe ich mit mir: Jetzt bin ich wirklich so haltlos, wie alle denken." Tatsächlich ist vermeintlich fehlende Disziplin ­­einer der Hauptgründe, warum die Umwelt Übergewichtige stigmatisiert.

Dr. Christina Holzapfel vom Kompetenznetz Adipositas an der TU München räumt mit dem Vorurteil auf: "Kein Mensch entscheidet sich bewusst, übergewichtig zu werden. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die gezielt therapiert werden muss." Am meisten ärgert sich die Forscherin über Familie und Freunde, die meinen, mit weniger essen und mehr Bewegung sei das Problem doch wohl in den Griff zu kriegen. Ganz so einfach sei es eben nicht.

Neigung zu Übergewicht wird vererbt

Also sind beim Thema Gewicht doch die Gene im Spiel? "Das ist ganz eindeutig erwiesen", weiß Ernährungswissenschaftlerin Holzapfel. "Übergewicht hängt eng mit den Genen zusammen." Damit ist die "Schuldfrage" zumindest teilweise geklärt. Aber: "Studien haben auch gezeigt, dass man mit dem richtigen Lebensstil gegensteuern kann." 

Nur: Keiner nimmt das bisher so wahr, auch nicht Personalentscheider, wie jetzt in einer Studie herauskam. Ihnen wurden verschiedene Bewerberfotos gezeigt. Trauriges Ergebnis: Fast alle Personaler entschieden sich, wenn es um einen Job ging, für die Normal- und nicht für die Übergewichtigen. Dahinter stecke die Vorstellung, dass Dicke auch faul seien. "An diesem Vorurteil muss sich dringend etwas ändern", sagt Expertin Luck-Sikorski.

Auch Sport kann maßlos sein

Auch Regina hat gerade wieder so eine Situation erlebt. "Muss das wirklich alles sein?", hatte die Kassiererin im Supermarkt sie beim Blick auf den prall gefüllten Einkaufswagen gefragt. Diese Art von Kommentar müsste sich ein schlanker Mensch nicht anhören.

Von solchen Diskriminierungen erfährt Ernährungspsychologe Professor Christoph Klotter von der Universität Fulda in der Praxis beinahe täglich. Und er findet sie höchst ungerecht. "Im Abendland predigen wir Mäßigung, machen aber Maßlosigkeit immer nur am Essen negativ fest. Wie viele arbeiten maßlos, übertreiben mit dem Sport – doch das wird alles toleriert."

Mut zum Selbstbewusstsein

Er ermutigt Übergewichtige, mehr Selbstbewusstsein aufzubauen und sich nicht hinter ihrem Gewicht zu verschanzen. Und vor allem nicht einem gesellschaftlichen Ideal hinterherzujagen. Das sei viel wichtiger, als massiv an Gewicht zu verlieren. "Übergewichtige sollten sich als ganz normaler Teil der Gesellschaft präsentieren, der genauso dazugehört wie alle anderen."

Was beim Umdenken helfen könnte, wären zwei Dinge. Zum einen eine respektvollere Sprache für die Gruppe derer, die mehr wiegen als andere. Fett, dick, korpulent: Solche Begriffe klingen einfach nur negativ und abwertend. Experten sprechen dagegen von "Menschen mit Adipositas". Das betont den Krankheitscharakter und hört sich neutral an.

Klischees in den Medien

"Zum anderen muss sich die mediale Betrachtung verändern", fordert  Forscherin Luck-Sikorski. Tatsächlich wird in TV-Shows und Soaps dick gerne mit dumm gleichgesetzt. Es geht aber auch anders. "Mir gefällt Sängerin und XXL-Model Beth Ditto", sagt Regine Fezer. "Breite Hüften, kräftige Oberschenkel, ein ausladender Po – sie sieht klasse aus." Das Model bekam sogar Anerkennung vom Modegott Karl Lagerfeld, sonst in Sachen Figur eher auf XXS-Maße festgelegt. "Beth ist ein strammer Brummer", sagte er über sie. Und irgendwie klang das bewundernd.



Lesen Sie auch:

Mollige Frau

Sieben Fakten zu Übergewicht »

Von gesunden Dicken, schlechten Genen sowie Äpfeln und Birnen: Wir räumen mit weit verbreiteten Abnehm-Mythen auf »

ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Newsletter: Grüne Taste

Newsletter

Immer gut informiert mit dem kostenlosen Newsletter des Diabetes Ratgeber »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages