Wie Diabetes und Depression zusammenhängen

Zucker-Hochs und Seelen-Tiefs: Menschen mit Diabetes leiden häufig unter einer Depression. Oft wird die Krankheit nicht erkannt. Dabei stehen die Behandlungschancen gut
von Sabine Lotz, aktualisiert am 10.02.2017

Die Diagnose Diabetes ist eine Belastung, die eine Depression begünstigen kann

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Seelische Durchhänger hat jeder einmal. Meist dauern solche Tiefs nicht länger als ein paar Tage, dann melden sich die Lebensgeister wieder. Bleibt die Stimmung aber zwei Wochen oder länger im Keller, gibt es Grund zur Sorge. Erst recht, wenn sich zum Trübsinn noch Antriebslosigkeit gesellt oder das Interesse an bislang geschätzten Dingen oder Tätigkeiten abnimmt. Denn Niedergeschlagenheit, Antriebsminderung und Teilnahmslosigkeit gelten als Kernsymptome von Depressionen, die sich zudem mit chronischer Müdigkeit, Schlafstörungen und einem verminderten Selbstwertgefühl bemerkbar machen können.

Wechselseitige Beziehung

Menschen mit Diabetes plagen Depressionen rund doppelt so häufig wie Stoffwechselgesunde. 
Ein Grund dafür dürften nicht zuletzt die verschiedenen mit der Zuckerkrankheit verbundenen Herausforderungen sein. Den einen belastet die nie aussetzende Pflicht des Messens und Spritzens, ein anderer Patient hat Angst vor Unterzuckerungen oder möglichen Diabetes-Spätfolgen.

Auch umgekehrt besteht ein Zusammenhang: Studien belegen, dass Depressive häufiger an Typ-2-Diabetes erkranken als Menschen ohne psychische Probleme. Die Ursachen dafür sehen Fachleute darin, dass psychisch belastete Menschen weniger auf sich achten. Wer depressiv ist, dem fehlt oft auch der Antrieb zu Sport oder gesunder Ernährung. Beides Gewohnheiten, die vor Diabetes schützen können. Hinzu kommt, dass bei vielen Depressiven mehr Cortisol im Blut kreist. Dieses körpereigene Stresshormon reduziert die Insulinwirkung und begünstigt dadurch die Entstehung von Diabetes.

Unabhängig von den Ursachen sollten Betroffene nicht zögern, eine Depression behandeln zu lassen. "Längere Stimmungstiefs auszusitzen ist nicht ratsam, denn die Wunden, die die Depression der Seele zufügt, hinterlassen Spuren. Es bleibt ein erhöhtes Risiko für eine erneute Depression", sagt Professor Stephan Herpertz. Er hat sich als Leiter der LWL-Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum intensiv mit dem Zusammenhang von Diabetes und psychischen Leiden beschäftigt.

Diabetes wegen Depression vernachlässigt

Eine frühe Therapie lohnt sich. "Je länger ein Mensch depressiv ist, desto mehr stellt sich sein Gehirn darauf ein und desto schwieriger gestaltet sich eine Therapie", sagt Herpertz. Auch für die körperliche Gesundheit ist eine möglichst frühe Behandlung empfehlenswert. Infolge ihrer Antriebslosigkeit neigen Menschen mit Depression dazu, das eigene Wohl zu vernachlässigen.

Bei einer chronischen Krankheit wie Diabetes kann das fatale Folgen haben. "Wir beobachten, dass sich Diabetiker mit Depressionen weniger bewegen, ungesünder essen, mehr rauchen und Schulungs- bzw. Gewichtsprogramme häufiger abbrechen als psychisch stabile Zuckerkranke. Entsprechend unzureichend sind dann ihre Werte", sagt Herpertz.

Psychisches Leiden oft nicht erkannt

Apropos schlechte Blutzuckerwerte: Antriebslosigkeit kann schlicht ein Symptom hoher Zuckerwerte sein. "Ich erlebe es immer wieder bei Patienten, dass sie sich wie neugeboren fühlen, sobald ihre vorher schlechten Werte wieder okay sind", sagt Eva Küstner. Nach Ansicht der Fachpsychologin für Diabetes sollte deshalb bei jedem Diabetiker mit Verdacht auf Depressionen zuallererst auf die Werte geschaut werden.

Oft wird eine Depression spät oder gar nicht erkannt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde erhalten weniger als ein Drittel aller Diabetes-Patienten mit Depressionen eine entsprechende Diagnose und die nötige Behandlung. Zum anderen deuten Betroffene und Angehörige Warnzeichen wie ständige Müdigkeit und Desinteresse nicht richtig. Und die behandelnden Ärzte konzentrieren sich häufig auf das körperliche Befinden.

Depression auf die Spur kommen

"Dabei gibt es ein einfaches Werkzeug, mit dem sowohl Fachleute als auch Laien eine Depression leicht aufspüren können", sagt Fachpsychologin Küstner. Gemeint sind folgende zwei Fragen:  

  • Fühlte ich mich während der vergangenen zwei Wochen oder noch länger während der meisten Zeit des Tages niedergeschlagen?
  • Habe ich das Interesse oder die Freude an dem verloren, was mir bislang wichtig war?

Wer auf beide Fragen mit "Ja" antwortet, leidet möglicherweise unter einer behandlungsbedürftigen Depression und sollte sich an seinen Arzt wenden.

Wer seine Gemütslage ausführlicher bestimmen will, kann einen sogenannten Selbsttest ausfüllen, wie ihn beispielsweise die Deutsche Depressionshilfe online anbietet. Dabei können anonym zehn Fragen bejaht oder verneint werden. Abschließend gibt es eine kurze Auswertung, die – je nach Ergebnis – auch den Rat beinhaltet, zum Arzt zu gehen.

Medikamente und Psychotherapie

Depressionen lassen sich effektiv behandeln. Häufig kommen dabei Medikamente und Psychotherapie zum Einsatz. Je nach Schwere des Leidens kann die Therapie ambulant erfolgen oder eine Behandlung in der Klinik sinnvoll sein.

Moderne Antidepressiva, auch SSRI genannt, wirken regulierend auf Botenstoffe im Gehirn. Sie brauchen Zeit zum Wirken. Ein Arzt sollte die Arzneitherapie in regelmäßigen Abständen überprüfen. Bei Verdacht auf Nebenwirkungen sollten Patienten sich an den Mediziner wenden. Oft stehen Alternativen zur Auswahl.

Je nach Ursache und persönlicher Vorliebe eignet sich die kognitive Verhaltenstherapie oder ein tiefenpsychologisches Verfahren zur Behandlung einer Depression. Erstere zielt vor allem auf die Änderung bestehender schädlicher Gewohnheiten im Hier und Jetzt ab, letztere versucht der in der Vergangenheit wurzelnden Ursache für die Probleme auf den Grund zu gehen. Einige Psychotherapeuten haben sich auf Menschen mit Diabetes spezialisiert. Adressen finden Betroffene unter www.diabetes-psychologie.de.

Aktiv gegen die Depression

Was außerdem guttun kann: spazieren gehen, walken oder joggen an der frischen Luft. Bewegung ist als Faktor bei der Behandlung einer Depression nicht zu unterschätzen, wirkt oft ähnlich gut wie Medikamente.

Aktiv sein hebt nicht nur die Stimmung, sondern macht die Zellen gleichzeitig empfänglicher für Insulin. So bessert die Behandlung der Depression oft auch den Diabetes.


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