Fitness-Tracker: Ein Selbstversuch

Digitale Geräte erfassen jeden Schritt beim Sport, messen den Puls und zählen Kalorien. Steigert das wirklich die Motivation? Unsere Autorin Anne-Bärbel Köhle hat es ausprobiert

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 25.01.2016

Auf dem Weg zur Bestzeit? Anne-Bärbel Köhle beim Joggen

W&B/Dominik Gigler

Dass da ein bisschen was aus dem Ruder läuft mit der "Selbstvermessung": Das habe ich gestern Abend gemerkt. "Du Trottel", sagte ich zu meinem Handy. "Du merkst ja gar nichts." So weit war es also schon: Ich beschimpfte ein Telefon.

Selbstvermessung, Tag eins

Es begann vor drei Wochen mit einem Haufen guter Vorsätze. Ich wollte endlich wieder mehr Sport treiben. Im Sommer war es mir zu heiß zum Laufen und Radeln gewesen. Jetzt brauchte ich einen kleinen Motivationsschub, um wieder in die Puschen zu kommen. Meine Freundin besitzt einen Fitness-Tracker, ein Mini-Gerät, das sie am Gürtel trägt. Es zeichnet Schritte auf, zählt Stockwerke und Kalorien, macht mithin Bewegung sichtbar. Ich lieh mir das Teil. Zu dem Zeitpunkt waren das Telefon und ich noch im Lot.


Autorin Anne-Bärbel Köhle hat vier Wochen lang jede Aktivität aufgezeichnet

W&B/Dominik Gigler

Tag eins der Selbstvermessung verlief­ schon mal höchst motivierend. 6730 Schritte schaffte ich. Einfach nur, weil ich mittags eine halbe Stunde spazieren gegangen war, statt gemütlich in der Kantine zu futtern. Dazu erklomm ich 37 Stockwerke – manchmal ist es von Vorteil, in einem Reihenhaus zu leben. Per Nachricht ("tolles Ergebnis!") und kleiner Blume auf dem Display lobte mich der Fitness-Tracker.

Sich selbst vermessen, seine sportlichen und gesundheitlichen Daten erfassen: Der Trend kommt aus den USA. Dort hat er sich unter dem Begriff "quantified self" (das quantifizierte Selbst)  verbreitet.


Digitale Antreiber: Ein Überblick


Schrittzähler
dokumentieren die zurückgelegte Wegstrecke. Einfache Modelle ab ca. 12 Euro.


Aktivitäts-Tracker:
Wie viele Schritte, Stockwerke und Kilometer wurden bewältigt, wie viele Kalorien verbrannt? Die Daten erfasst etwa ein kleines Armband oder ein Stick. Die Ergebnisse lassen sich auf dem Computer speichern und verwalten. Ab ca. 50 Euro.


Fitness-Uhren messen die Pulsfrequenz, manche Modelle ermitteln Fitness-Zuwächse, sind mit einem GPS-Tracker oder einer Höhenmeterzählung ausgestattet. Ab ca. 40 Euro. Auf Smartwatches lassen sich zudem Apps laden.


Apps: Zehntausende gibt es auf dem Markt – für Läufer, Bergsteiger, Schwimmer, Yoga-Fans. Handy oder Smartwatch erfassen die Bewegungsdaten, diese werden auf den Computer übertragen und über Communitys mit Gleichgesinnten geteilt.


"Smarte" Kleidung, etwa T-Shirts oder Socken, ist mit Sensoren ausgestattet, die Daten an Smartphones und andere Geräte funken. Ab 150 Euro für ein Paar Strümpfe.


Vor allem jüngere Menschen vermessen sich selbst

"Menschen nutzen digitale Angebote wie Apps, Smartwatches oder Fitness-Tracker vor allem, um sich zu motivieren, sich mehr zu bewegen und gesünder zu leben", sagt Christoph Dockweiler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Der junge Forscher, spezialisiert auf neue Technologien im Gesundheitswesen, hat kürzlich eine Studie unter Studenten durchgeführt. Das Ergebnis: Jeder Dritte nutzt bereits täglich mindestens eine der mehr als 100­.000 Fitness- oder Gesundheitsapps.

"Noch ist Selbstvermessung ein Thema der Jüngeren", sagt Dockweiler. Doch das wird sich ändern: 60 Prozent aller Deutschen seien stark daran interessiert, so der Experte. Zumindest kurzfristig steige auch die Lust auf Sport. "Wir sehen in Studien aber auch", ergänzt Dockweiler,  "dass das Interesse an den Apps mit der Zeit wieder nachlässt."

Mein Arbeitsweg: 13,9 Kilometer, 44 Minuten, 70 Höhenmeter

Ich jedenfalls war erst mal im Fieber, wurde zum regelrechten Sportstreber. Nach ein paar Tagen ertappte ich mich dabei, dass ich ständig nach meinem Tracker schielte, um zu sehen, wie viele Schritte, Stockwerke und Kilometer ich bewältigt hatte – mehr als gestern? In der Zwischenzeit hatte ich Turnschuhe im Büro deponiert: für nachmittägliche Spaziergänge. Allerdings: Meine Fahrradfahrten in die Arbeit registrierte der Bewegungsmelder nicht.

Deshalb lud ich mir eine App aufs Handy herunter. Sie zeichnete nicht nur die gefahrene Strecke (13,9 km) mitsamt Zeit (44 Minuten) auf, sondern registrierte sogar die bewältigten Höhenmeter (70!). Und ich konnte mit ihr alle anderen Sportarten erfassen. Nach einer Fahrt in die Arbeit und wieder nach Hause erhielt ich die erste anspornende Nachricht: "Die Hälfte des Wochenziels ist erreicht!"

Die Sache mit dem Datenschutz

Also alles bestens? Ganz so einfach ist es leider nicht. Denn die Selbstvermessung, glaubt Dockweiler, "verengt den Blick auf den Aspekt Leistung. Aber welche gesundheitliche Dimension der Sport hat, das wird häufig nicht erfasst."

Ein Beispiel: Besonders schnell zu joggen ist nicht zwingend ein Zeichen für Fitness. Dahinter können genauso gut falscher­ Ehrgeiz und Überforderung stecken. Ein weiterer Aspekt, den Dockweiler kritisch sieht: "Wir laden freiwillig im Web Gesundheitsdaten hoch, können sie auf sozialen Netzwerken mit anderen teilen. Aber meistens ist dabei nicht transparent, wo welche Informationen gespeichert werden und wer darauf Zugriff hat." Der Experte fordert daher klare Qualitätskriterien für den Datenschutz. Er weist darauf hin: "Eine App kann niemals den Gang zum Arzt ersetzen, sondern bestenfalls eine Motivationshilfe sein."

Einen weiteren Schwachpunkt der Apps entdeckte ich selbst: Sie sind gelegentlich alles andere als präzise. Für meine immer gleiche Standard-Jogging-Strecke lieferte mir das Handy gelegentlich Distanzen, die zum Teil um Hunderte Meter abwichen. Trottel!

10.000 Schritte am Tag schaffe ich kaum

Fazit nach vier Wochen Selbstvermessung: Die kleinen Dinger schaffen es, dass ich jetzt die Treppe nehme statt des Lifts, mittags häufiger spazieren gehe und öfter mit dem Rad fahre. Es ist mir vor mir selbst peinlich, wenn der Fitness-Tracker, der auch die Qualität des nächtlichen Schlummers überwacht, am anderen Morgen nicht mal sechs Stunden Schlaf anzeigt. Und das nur, weil ich nach der Chorprobe lieber in der Weinstube versumpft statt brav nach Hause gegangen bin.

Ich weiß jetzt auch: Mit ein bisschen gutem Willen sind zweieinhalb Stunden Bewegung pro Woche, so wie etwa vom Robert Koch-Institut empfohlen, für mich zu schaffen. Die 10.000 Schritte täglich, zu denen Gesundheitsexperten raten, hingegen nicht. Die kriege ich nur zusammen, wenn ich jede Treppe nehme, mittags und nach der Arbeit spazieren gehe und sämtliche kleineren Besorgungen zu Fuß mache. Nur: Dieses Pensum passt nicht in meinen Alltag.

Haben Sie eine Ahnung, wie man diese Unsumme an Schritten schafft? Oder scheitern Sie daran vielleicht genauso wie ich? Über Ihre Tipps freue ich mich genauso wie über Ihren Zuspruch, gerne per E-Mail an: koehle@wortundbildverlag.de



Bildnachweis: W&B/Dominik Gigler

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