Diabetes und Sexualität

Sexuelle Störungen und Probleme können Diabetiker und ihre Partnerschaft sehr belasten. Dabei gibt es viele Behandlungen und Therapieangebote, die wieder zu einem erfüllten Sexualleben verhelfen können

Viele Einflüsse bestimmen, ob jemand sein Sexualleben genießen kann. Die Beziehung muss stimmen, die Psyche ausgeglichen sein, Zeitpunkt und Umgebung müssen passen. Aber – nüchtern gesagt – bedarf es auch funktionsfähiger Geschlechtsorgane, gesunder Nerven und intakter Blutgefäße, um beim Sex Befriedigung zu erleben.

Patienten mit Diabetes haben durch ihre chronische Erkrankung häufig körperliche und psychische Handicaps, die dem Glück im Bett im Wege stehen. Viele leiden unter Folgeschäden an Nerven und Gefäßen. Andere müssen Nebenwirkungen von Medikamenten in Kauf nehmen. Die besonderen Anforderungen und Einschränkungen, mit denen der Alltag verbunden ist, strapazieren die Psyche. In diesem Umfeld entstehen leicht auch Störungen des Sexuallebens - kein Diabetiker ist mit solchen Problemen allein.

Frauen und Männer sollten ihre sexuellen Schwierigkeiten nicht zum Tabu machen, sondern frühzeitig und offen in der Partnerschaft darüber sprechen. Ein vertrauliches Gespräch mit dem Arzt ist der nächste Schritt, um den Weg zurück zu einem gesunden Liebesleben zu finden. Ist die Ursache erst einmal geklärt, gibt ein ganzes Spektrum von Therapien, mit denen den meisten Patienten geholfen werden kann.

Der umgangssprachliche Begriff Impotenz ist für ein breites Spektrum männlicher Probleme gebräuchlich, und mancher bezeichnet so schon ein gelegentliches Versagen im Bett. Doch erst wenn ein Mann ein halbes Jahr lang kein befriedigendes Sexualleben mehr hat, weil sein Glied gar nicht mehr oder nicht ausreichend steif wird oder bleibt, diagnostizieren Ärzte eine "erektile Dysfunktion" (abgekürzt auch "ED").

Diabetes mellitus gilt als eine der häufigsten Ursachen. Der Zusammenhang ist so eng, dass Urologen bei der Abklärung von Potenzproblemen routinemäßig einen Zuckertest machen – und auf diese Weise auch so manchen bis dato unbekannten Diabetes zutage fördern. Am häufigsten sind ältere Männer betroffen, die schon lange an Diabetes leiden, ihren Blutzucker nur schlecht im Griff haben und weitere problematische Faktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte oder Rauchen mitbringen.

Auch andere Sexualstörungen sind bei Männern mit Diabetes nicht selten, darunter Störungen beim Samenerguss: Die Ejakulation erfolgt vorzeitig,verzögert oder bleibt ganz aus. Eine "retrograde Ejakulation" kann dazu führen, dass nur wenig oder kein Sperma ausgestoßen wird, weil es sich in die Harnblase anstatt nach außen entleert. Betroffene Männer können auf natürlichem Wege kein Kind zeugen.

Auch das sexuelle Verlangen und Empfinden kann bei Diabetikern aus verschiedenen Gründen nachlassen, was für die Paarbeziehung ebenso eine Belastung bedeutet wie körperliche Handicaps.

Schäden an Nerven und Gefäßen

In einem gesunden Stoffwechsel sorgen Nerven und Blutgefäße in einem fein abgestimmten Zusammenspiel für Erektionen beim Mann: Die Arterien, die den Penis versorgen, weiten sich und leiten Blut in den Schwellkörper, gleichzeitig wird der Blutabfluss gebremst - das Glied schwillt an und versteift. Verschiedene Teile des Nervensystems steuern diese Vorgänge.

Jahrelang erhöhte Blutzuckerwerte infolge eines Diabetes schädigen Nerven und Gefäße.
Die Nerven im Genitalbereich verlieren allmählich ihre Funktion, Erektionen werden schwächer und kürzer und kommen irgendwann überhaupt nicht mehr zustande. Diese autonome Neuropathie ist die häufigste körperliche Ursache der Impotenz. Auch die Sensibilität des Penis kann infolge der Nervenschäden beeinträchtigt sein.
Die Zuckermoleküle lagern sich aber auch an den Wänden der Blutbahnen ab. Langfristige Folge: Die Gefäße können sich nicht mehr ausreichend weiten und genügend Blut in die Schwellkörper leiten, der Penis bleibt schlaff. Bluthochdruck und schlechte Blutfettwerte, häufige Begleiter eines Typ-2-Diabetes, tragen zu den Gefäßschäden bei.

Medikamente

Viele Patienten mit Typ-2-Diabetes müssen blutzuckersenkende Medikamente einnehmen, zusätzlich können auch Mittel gegen Bluthochdruck – zum Beispiel Betablocker –, Cholesterinsenker oder Psychopharmaka nötig sein. Viele dieser Arzneien können das sexuelle Verlangen, das Empfinden und auch die Erektionsfähigkeit beeinträchtigen. Wichtig: Wer den Verdacht hat, dass ein Medikament die Ursache seiner Erektionsstörung ist, sollte unbedingt mit dem Arzt sprechen, und es nicht einfach absetzen.

Hormonstörungen

Der Hormonspiegel spielt eine entscheidende Rolle für eine erfüllte Sexualität. Das wichtigste männliche Geschlechtshormon ist Testosteron. Wird zu wenig davon gebildet, lassen sexuelles Verlangen, Potenz und Fruchtbarkeit nach. Mit zunehmendem Alter sinkt bei Männern der Testosteronspiegel im Blut, und nach dem 50. bis 60. Lebensjahr kann ein Mangel an Testosteron der Grund für Erektionsprobleme sein.

Übergewicht, Diabetes und Testosteronmangel können sich gegenseitig bedingen und verstärken und der männlichen Lust und Potenz im Weg stehen.

Veränderungen am Penis und Operationsfolgen

Durch angeborene Fehlbildungen oder Erkrankungen kann es zu Verhärtungen im Bereich der Schwellkörper oder einer Verkrümmung des männlichen Glieds kommen, die den Geschlechtsverkehr schmerzhaft oder sogar unmöglich macht.
Auch Unterleibs-Operationen an Prostata, Darm und Blase können bei Männern den Verlust der Potenz zur Folge haben, wenn die für die Erektion wichtigen Nervenstränge verletzt werden.

Psychische Faktoren

Diabetes ist eine chronische Erkrankung, die auch seelische Belastungen mit sich bringt.
Sie reichen von Ängsten, Stress und familiären Konflikten bis zu Depressionen und können die Sexualität beeinträchtigen. Bei Männern kann allein das Wissen, dass Erektionsstörungen und Diabetes zusammenhängen, dazu führen, dass es im Bett nicht mehr klappt, obwohl dem Geschlechtsverkehr aus körperlicher Sicht gar nichts entgegensteht.

Häufig lässt sich nicht klar trennen, ob organische oder psychische Faktoren zu sexuellen Störungen geführt haben. Seelische Probleme sind zwar nur in etwa 20 Prozent aller Fälle die alleinige Ursache von Sexualstörungen. Sie können aber körperliche Beeinträchtigungen massiv verstärken: Wer einmal nicht "kann", hat beim nächsten Mal Angst vor dem Versagen, und dies tritt dann tatsächlich ein – ein Teufelskreis.

Viele empfinden Scham oder haben Angst vor intimen Fragen oder unangenehmen Untersuchungen. Dabei sind solche Sorgen unbegründet. Für einen Urologen ist es ein selbstverständlicher Teil seines Berufs, mit Patienten auch über sexuelle Probleme zu sprechen und diese zu behandeln. In einem offenen Gespräch und mit einigen einfachen Untersuchungen kann er die Ursachen für Sexualstörungen herausfinden und die bestmögliche Therapie empfehlen.

Das Arztgespräch

Das ausführliche Gespräch mit dem Arzt ist der erste, wichtige Schritt zur Diagnose. Im eigenen Interesse sollten alle Fragen ehrlich beantwortet werden. Die ärztliche Schweigepflicht garantiert, dass das Gesagte unter vier Augen bleibt.

Zur Sprache kommen

  • die Krankheitsgeschichte des Diabetes und diabetische Folgeschäden
  • andere gesundheitliche Probleme wie z.B. Durchblutungsstörungen, zurück liegende Operationen und eingenommene Arzneimittel
  • das Sexualleben und die sexuelle Störung an sich: Wie lange besteht sie schon, wie hat sie sich entwickelt, wann treten die Probleme auf?
  • die familiäre und berufliche Lebenssituation
  • besondere Belastungen und psychische Probleme in der Partnerschaft oder im Beruf

Im Gespräch erhält der Arzt bereits wichtige Anhaltspunkte dafür, ob Erektionsprobleme eher körperlich oder psychisch bedingt sind: Wenn die Störungen nicht allmählich, sondern unvermittelt aufgetreten sind und wenn nächtliche oder morgendliche Erektionen vorkommen, spricht das eher für psychische Ursachen.

Tests und Untersuchungen

Dem Arztgespräch schließen sich in der Regel einige einfache und schmerzlose Untersuchungen an:

► Laborwerte
Der Arzt nimmt Blut ab. Daraus kann er den die Blutfettwerte, den Blutzuckerspiegel und den HbA1c-Wert bestimmen, die Funktion der Nieren und der Schilddrüse überprüfen und feststellen, ob ein Mangel am Sexualhormon Testosteron besteht.

►Körperliche Untersuchungen

Der Arzt misst den Blutdruck und sucht nach Durchblutungsstörungen. Mit Reflexhammer und Stimmgabel prüft er die Nervenfunktion. Auch die Bauch- und Geschlechtsorgane wird er untersuchen.

Von der Selbstauskunft des Patienten, seinen Laborwerten und körperlichen Befunden hängt ab, wie es weitergeht. Haben die Sexualprobleme eine überwiegend seelische Ursache, kann eine Psychotherapie helfen. Liegen körperliche Faktoren zugrunde, kommen verschiedene medizinische Therapiemöglichkeiten infrage. Je nachdem, welche Behandlung ins Auge gefasst wird, sind vorab noch weiterführende Diagnoseverfahren notwendig.

► Nur selten nötig: Weiterführende Diagnoseverfahren
Dazu zählen unter anderem die Messung nächtlicher Erektionen mit Hilfe eines speziellen Plastik-Ringes und verschiedene bildgebende Diagnosemethoden, mit denen sich der Blutzufluss in den Penis untersuchen lässt.

Der "International Index of Erectile Function" (IIEF) ist ein sehr bekannter Test, den Ärzte zur Diagnose von Erektionsstörungen heranziehen. Eine aus fünf Fragen bestehende Kurzversion (IIEF-5) wurde entwickelt, um mit wenigen Fragen eine erste Einschätzung zu ermöglichen.

Der IIEF-5 soll Männern helfen herauszufinden, ob sie an Erektionsstörungen leiden, und ihnen die Möglichkeit geben, gemeinsam mit dem Arzt Behandlungsmethoden zu diskutieren.

 
Fragebogen zur sexuellen Gesundheit beim Mann (IIEF-5)

Bitte wählen Sie zu jeder Frage die Antwort aus, die auf Sie am besten zutrifft. Geben Sie bitte bei jeder Frage nur eine Antwort und lassen Sie keine Frage aus.
Hinweis: Der Fragebogen setzt voraus, dass Sie in einer stabilen Beziehung mit Gelegenheit zum Geschlechtsverkehr leben. Alle Fragen beziehen sich auf die letzten 6 Monate:

Wie schätzen Sie Ihre Zuversicht ein, eine Erektion zu bekommen und aufrechterhalten zu können?
  sehr niedrig
niedrig mittelmäßig hoch sehr hoch
  1 2 3 4 5
 
Wie schwierig war es beim Geschlechtsverkehr die Erektion bis zum Ende des Geschlechtsverkehrs aufrechtzuerhalten?
Keinen Geschlechts-verkehr versucht Äußerst schwierig
Sehr schwierig Schwierig Ein bißchen schwierig Nicht schwierig
0 1 2 3 4 5
 
Wenn Sie bei sexueller Stimulation Erektionen hatten: Wie oft waren Ihre Erektionen hart genug, um in Ihren Partner einzudringen?
Keine sexuelle Aktivität Fast nie oder nie Selten (viel weniger als die Hälfte der Zeit) Manchmal (etwa die Hälfte der Zeit) Meistens (viel mehr als die Hälfte der Zeit) Fast immer oder immer
0 1 2 3 4 5
 
Wenn Sie versuchten, Geschlechtsverkehr zu haben, wie oft war er befriedigend für Sie?
Keinen Geschlechts-verkehr versucht Fast nie oder nie Selten (viel weniger als die Hälfte der Zeit) Manchmal (etwa die Hälfte der Zeit) Meistens (viel mehr als die Hälfte der Zeit) Fast immer oder immer
0 1 2 3 4 5
 
Wie oft waren Sie beim Geschlechtsverkehr in der Lage, die Erektion aufrechtzuerhalten, nachdem Sie in Ihren Partner eingedrungen waren?
Keinen Geschlechts-verkehr versucht Fast nie oder nie Selten (viel weniger als die Hälfte der Zeit) Manchmal (etwa die Hälfte der Zeit) Meistens (viel mehr als die Hälfte der Zeit) Fast immer oder immer
0 1 2 3 4 5
 
Auswertung:

Addieren Sie bitte die Punkte aus allen Fragen. Es ergibt sich eine Zahl zwischen 1 und 25. Wenn Sie weniger als 22 Punkte erreicht haben, liegen bei Ihen Anzeichen für eine erektile Dysfunktion vor.
Wenden Sie sich in diesem Fall an Ihren Arzt. Nehmen Sie den ausgedruckten Fragebogen zu Ihrem Arztbesuch mit.

Die Palette der Behandlungsmöglichkeiten bei Erektionsstörungen reicht von der Verbesserung der Blutzuckereinstellung über die Behandlung mit Tabletten, Vakuumpumpen, Injektion gefäßerweiternder Substanzen und operativen Methoden bis zur Hormontherapie und gegebenenfalls psychotherapeutischer Hilfe. Was im Einzelfall am besten geeignet ist, lässt sich im Gespräch mit dem Arzt klären.

Gute Diabetes-Einstellung

Eine gute Einstellung des Diabetes und die Therapie seiner Begleiterkrankungen sind die Grundlage für die erfolgreiche Behandlung von Erektionsstörungen. Gesunde Ernährung, der Abbau von Übergewicht und regelmäßige Bewegung bewirken gemeinsam mit den vom Arzt verordneten Medikamenten, dass sich Blutzucker, Blutdruck und Blutfettwerte verbessern.
Auch Zurückhaltung beim Alkoholkonsum und Rauchverzicht kommen der Potenz zugote. Denn Alkohol kann die Nerven schädigen, wenn man regelmäßig und viel trinkt. Und Nikotin verschlechtert die Durchblutung, auch in den Schwellkörpern im Penis.

Ausschluss von Medikamenten-Nebenwirkungen

Sind sexuelle Störungen im Zusammenhang mit einem Medikament aufgetreten, kann ein Absetzen des Arzneimittels bzw. die Umstellung auf ein anderes Präparat die Probleme oft rasch beheben. Achtung: Bitte auf keinen Fall eigenmächtig und ohne Rücksprache mit dem Arzt ein Medikament absetzen!

Tabletten

Als die ersten "blauen" Potenzpillen auf den Markt kamen, revolutionierten sie die Behandlung von Erektionsstörungen. Tabletten mit den Wirkstoffen Sildenafil, Vardenafil und Tadalafil können tatsächlich vielen Männern helfen, wieder sexuelle Befriedigung zu erlangen. Die Präparate bewirken, dass bei sexueller Erregung mehr Blut in die Schwellkörper strömt. Sie sind grundsätzlich auch für Diabetiker geeignet - etwa 60 bis 70 Prozent der Männer mit Diabetes sprechen gut darauf an und bekommen eine zufriedenstellende Erektion. Die Potenzhilfen können aber nur wirken, wenn das sexuelle Verlangen des Mannes nicht beeinträchtigt ist und wenn die nötigen Nervenbahnen intakt sind
Alle Tabletten sind verschreibungspflichtig, werden aber von den Krankenkassen nicht erstattet. Mögliche Nebenwirkungen, Risiken und Gegenanzeigen müssen unbedingt vorab mit dem Arzt abgeklärt werden. Das gilt ganz besonders für Diabetiker, da diese häufig Herzprobleme haben.
Hinweis: Der Gesundheit zuliebe sollte keinesfalls mit Pillen zweifelhafter Herkunft aus dem Internet experimentiert werden! Manche der hier angebotenen Mittel sind völlig wirkungslos, andere unvollständig oder falsch deklariert.

Mechanische Hilfsmittel

Ein schon lange etabliertes Hilfsmittel für Männer mit Potenzproblemen ist die Vakuumpumpe. Das Prinzip: Ein Kunststoff-Zylinder wird über den Penis gezogen. Die Pumpe erzeugt im Zylinder einen Unterdruck und zieht so Blut in den Penis, der dadurch steif wird. Die Erektion wird mit Hilfe eines Gummiringes aufrecht erhalten.
Vakuumpumpen eignen sich gut für Männer, die keine oralen Potenzmittel einnehmen dürfen oder Nervenschäden haben. Das Nebenwirkungsrisiko ist gering und die Erektion klingt nach dem Abnehmen schnell wieder ab. Weiterer Vorteil: Die Krankenkassen übernehmen die Kosten (vorher mit der Kasse klären). Da die mechanischen Liebeshelfer nicht so diskret zu handhaben sind wie etwa Tabletten, werden sie vor allem von Paaren in stabilen Langzeit-Beziehungen akzeptiert.

Schwellkörper-Injektion (SKAT)

Bei der SKAT (Schwellkörper-Autoinjektionstechnik) spritzt sich der Mann selbst ein gefäßerweiterndes Mittel ein einen Schwellkörper. So fließt mehr Blut in den Penis und eine Erektion ist möglich - auch bei Nervenschädigungen. Die Injektion mit einer Einmalspritze oder einem Pen ist einfach zu erlernen. Ein Urologe weist den Patienten zunächst in die Technik ein und ermittelt die richtige Dosis. Es kommt aber relativ häufig zu Nebenwirkungen wie Schmerzen, Blutergüssen oder sehr lang andauernden Erektionenen, weshalb die SKAT heute eher selten angewendet wird.

Abgabe von Medikamenten in die Harnröhre (MUSE)

Wirkstoffe, die den Blutfluss in den Penis verstärken, können auch mithilfe einer sehr kleinen, länglichen Tablette in die Harnröhre abgegeben werden. Bei diesem als MUSE (Medikamentöses Urethrales System zur Erektion) bezeichneten Verfahren lässt der Mann zunächst Wasser und führt dann die Mini-Tablette mit einem Applikator in die feuchte Harnröhre ein. Auch mit dieser Methode kann eine Erektion selbst dann zustande kommen, wenn die Nerven nicht mehr intakt sind. Die Erfolgsraten sind aber niedriger als bei SKAT, es werden größere Wirkstoffmengen benötigt, und es kann zu verschiedenen Nebenwirkungen kommen, darunter Schmerzen im Penis, Brennen in der Harnröhre und Übelkeit.

Hormonbehandlung

In seltenen Fällen geht die Erektionsfähigkeit verloren, weil zu geringe Mengen des männlichen Geschlechtshormons Testosteron gebildet oder freigesetzt werden. Wenn es nicht möglich ist, die Ursache des Testosteronmangels zu beheben, kann eine Hormonersatztherapie das Defizit ausgleichen. Da diese Therapie bei bestimmten Vorerkrankungen ernste Gesundheitsrisiken mit sich bringt, darf sie nur nach gründlicher Untersuchung und unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.

Operationen

Mit chirurgischen Eingriffen können Spezialisten versuchen, impotenten Männern zu helfen, wenn alle Alternativen zuvor erfolglos geblieben sind. Es kommen gefäßerweiternde Operationen oder Penis-Prothesen infrage.
Operationen, die die Blutversorgung im Penis verbessern sollen, haben eher niedrige Erfolgsquoten und sind nur in Ausnahmefällen empfehlenswert.

Penis-Prothesen gibt es in zwei Formen: So genannte semirigide Implantate halten den Penis dauerhaft steif, aber nach oben oder unten biegbar, so dass Geschlechtsverkehr jederzeit möglich ist. Kosmetisch sind sie durch den Zustand der Dauererektion eher unbefriedigend.
Mit hydraulischen Schwellkörper-Implantaten erzielen Chirurgen gute Erfolge. Die Operation ist allerdings aufwändig und erfordert erfahrene Spezialisten. Das Prinzip: Die Hauptschwellkörper in Penis werden durch hydraulische Implantate ersetzt. Der Träger erzeugt eine Erektion, indem er die Hohlräume in den Implantaten mittels einer kleinen Pumpe mit Flüssigkeit füllt. Da die Operation nicht mehr rückgängig zu machen ist, ist vorab eine bestmögliche Aufklärung wichtig, in die auch die Sexualpartner einbezogen werden müssen.

Psychotherapie

Stellen sich psychologische Faktoren oder Partnerschaftskonflikte als relevante Ursache für eine Erektionsstörung heraus, wird der Arzt zu einer Psychotherapie raten.
Informationen zu Diabetes & Partnerschaft finden Sie in der Rubrik "Psyche".

Hunderte wissenschaftliche Arbeiten pro Jahr widmen sich der Suche nach neuen Behandlungsmöglichkeiten für Erektionsstörungen beim Mann. Dass Diabetes auch für Frauen ein Lustkiller ist, bleibt eher unbeachtet. Tatsächlich lassen sich die Studien, die sich der weiblichen Probleme annehmen, fast an den Fingern einer Hand abzählen.

Dabei sind Sexualprobleme bei Frauen vermutlich kaum seltener als bei Männern. So zeigte eine Umfrage unter belgischen Diabetikerinnen, dass mehr als ein Drittel von ihnen sexuelle Probleme hatte. Rund 60 Prozent berichteten über nachlassende Lust, jede zweite über Orgasmusstörungen und Trockenheit. Immerhin jeder fünften Frau machten Schmerzen beim Geschlechtsverkehr zu schaffen.

In vielen Fällen gäbe es Hilfsmöglichkeiten. Sie reichen von der Behandlung organischer Probleme, wie Infektionen oder eines Hormonmangels, über die Beratung zur Anwendung von Hilfsmitteln bis hin zu psychologischer Unterstützung und zur Optimierung der Diabetes-Einstellung.

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass die sexuellen Nöte der Frauen sowohl in der Arztpraxis als auch in der Wissenschaft oft zu kurz kommen. Eine wichtige Rolle spielt, dass die Probleme, die sich infolge eines Diabetes einstellen können, bei Frauen sehr komplex sind. Sie entwickeln sich, im Gegensatz zu den Erektionsstörungen des Mannes, eher schleichend und lassen sich auch nicht so gut untersuchen.

Hohe Zuckerspiegel und die dadurch bedingten Durchblutungsstörungen und Nervenschäden bewirken, dass die Schleimhäute nicht mehr ausreichend schwellen und feucht werden. Zudem begünstigen schlechte Blutzuckerwerte Infektionen mit Pilzen oder Bakterien. So kommt es zu Scheidenentzündungen, die die Sexualität ebenfalls beeinträchtigen.

Ein Problem, das vielen Frauen zu schaffen macht, ist unwillkürlicher Harnabgang infolge einer Blasenschwäche – beim Sex natürlich besonders unangenehm. Auch hier spielt der Diabetes eine Rolle, weil hohe Zuckerwerte die Blasennerven beeinträchtigen.

Nur wenige sprechen beim Arzt darüber

Chronische Schmerzen, etwa bei Rheuma oder Arthrose, und viele andere Krankheiten können als Lustkiller wirken. Das gilt auch für manche Medikamente, etwa gegen Bluthochdruck. Eigenmächtig sollte man an seiner Therapie jedoch nichts ändern – besser ist es, bei entsprechendem Verdacht mit dem Arzt zu sprechen, der ein Alternativ-Präparat aussuchen kann.

Schmerzen beim Geschlechtsverkehr können ihre Ursache außerhalb des Diabetes beispielsweise in Entzündungen oder auch in Verwachsungen nach Operationen haben, die sich gezielt behandeln lassen.

Zu einer gezielten Suche nach Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten kommt es aber leider oft gar nicht. Denn Frauen sind eher zurückhaltend, wenn es darum geht, sexuelle Probleme beim Arzt zu thematisieren. Nur wenige Betroffene sprechen das Thema unbefangen an. Um die Hemmschwelle zu senken und sich auf das Arztgespräch vorzubereiten, kann eine Checkliste mit häufigen Symptomen helfen, die wir im nächsten Kapitel zusammengestellt haben.

Kreuzen Sie an, welche Beschwerden auf Sie zutreffen, und nehmen Sie den Fragebogen mit zum Gynäkologen. Ihre Angaben können dem Arzt helfen, die Ursachen herauszufinden und gezielt zu behandeln.

Zum Beispiel kann Scheidentrockenheit (gestörte Lubrikation) auf eine schlechte Diabeteseinstellung hinweisen oder Folge eines Hormonmangels in den Wechseljahren sein. Symptome wie Antriebslosigkeit und Müdigkeit können Zeichen einer behandlungsbedürftigen depressiven Störung sein.


Fragebogen zur sexuellen Gesundheit bei der Frau



Haben Sie seit einiger Zeit weniger Interesse am Sex?
Leiden Sie daran, dass Ihre Scheide zu trocken ist?
Kommen Sie schwer oder gar nicht zum Orgasmus?
Haben Sie Beschwerden beim Verkehr?
Leiden Sie an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, Depressionen oder Diabetes?
Sind die Funktionsstörungen mit Beginn einer medikamentösen Behandlung aufgetreten?
Sind die Beschwerden nach einer Geburt oder OP aufgetreten?
Fühlen Sie sich oft müde, erschöpft, antriebslos?
Ist Ihr Genitalbereich früher bei sexueller Erregung stärker angeschwollen?
Sind Sie früher leichter und intensiver zum Orgasmus gekommen?

Fühlen Sie sich Ihrem Partner seit einiger Zeit weniger nah oder vermissen Sie Ihrerseits emotionale Nähe?

Stehen konkrete Beschwerden im Vordergrund, etwa Scheidentrockenheit, Jucken oder Brennen, und ist die Ursache abgeklärt, kann der Frauenarzt oft gezielt helfen. Bei Frauen mit Diabetes hilft in manchen Fällen schon eine bessere Blutzuckereinstellung. Es konnte auch gezeigt werden, dass Frauen, die unzufrieden sind mit der Behandlung ihres Diabetes, eher eine schlechtere Sexualität hatten als Frauen mit guter Blutzuckereinstellung.

In der Apotheke gibt es verschiedene Hilfsmittel, die Frauen bei sexuellen Problemen helfen können. In der Regel zahlt die Kasse nicht dafür.

Gleitmittel
aus der Apotheke (als Creme, Gel oder Salbe) helfen bei Scheidentrockenheit. Es gibt Gleitmittel auf Wasser- oder Ölbasis. Präparate auf Wasserbasis trocknen schneller. Präparate auf Ölbasis müssen später gründlich abgewaschen werden.

Vaginaltrainer
sind ebenfalls rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Die so genannten Dilatoren helfen, Verkrampfungen der Scheidenwand nach Geburten, Operationen oder bei psychischem Stress zu lösen. Sie werden wie ein Tampon, unterstützt durch Gleitcreme, eingeführt.

Beckenbodentrainer
aus der Apotheke stärken die Muskeln des Beckenbodens. Das kann bei Kontinenz- und Orgasmusproblemen helfen.
Sinnvoll ist auch eine regelmäßige Beckenbodengymnastik. Sie stärkt die Beckenbodenmuskeln und fördert die Durchblutung im Genitalbereich, was auch die Orgasmusfähigkeit verbessern kann. Wichtig ist, das Training in einem Kurs unter fachlicher Anleitung zu lernen. Therapeutenliste unter: www.ag-ggup.de

Hormone
gibt es als Pflaster, Zäpfchen oder Tablette. Sie müssen vom Arzt verschrieben werden. Östrogene und/oder Testosteron können nach den Wechseljahren oder einer operativen Gebärmutter- und/oder Eierstockentfernung helfen, den Hormonhaushalt auszugleichen.

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Neben der medizinischen Untersuchung ist deshalb das Gespräch mit Arzt oder Ärztin sehr wichtig. Wenn die Lust nachlässt oder die körperliche Erregbarkeit und Orgasmusfähigkeit beeinträchtigt ist, kann das zum Beispiel auf eine depressive Störung hinweisen. Depressionen sind bei Frauen mit Diabetes häufiger als bei gesunden Frauen, werden aber oft nicht erkannt und behandelt. Hinweise sind ein anhaltendes Gefühl der Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit, allgemeine Interesselosigkeit, aber auch Appetitstörungen und Schlafprobleme. Ein Selbsttest hilft einzuschätzen, ob eine behandlungsbedürftige Depression vorliegen könnte. Helfen kann eine psychotherapeutische Behandlung, bei einer ausgeprägten Depression sind oft zusätzlich Medikamente nötig.

Wenn Sex zur Routine wird

Eine therapeutische Beratung kann auch helfen, wenn mangelndes Selbstwertgefühl oder Schamgefühle, etwa wegen Übergewicht, ein befriedigendes Sexualleben behindern. In vielen Fällen haben Frauen keine Freude mehr am Sex, weil in langjährigen Beziehungen die Erotik eingeschlafen ist. Alltagstrott, Stress im Beruf – und dann auch noch Sex? Kommen Partnerkonflikte dazu, schläft die Lust vollends ein. In dem Fall lohnt es sich, das Problem zu zweit anzugehen: abends mal wieder ins Kino oder Theater, statt vor den Fernseher, sich wieder wie früher zu einem Date verabreden; das bringt neuen Schwung in die Zweisamkeit.

Andrea Grill / www.diabetes-ratgeber.net / Diabetes Ratgeber, 07.11.2011