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Typ-1-Diagnose in Coronazeiten: Wie geht es jetzt weiter?

Starker Durst, häufiger Harndrang, Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit: Solche Symptome können auf Typ-1-Diabetes hinweisen. Betroffene müssen dann sofort zum Arzt oder in eine Klinik. Dort werden sie auch jetzt behandelt wie bisher. Abwarten kann dagegen lebensgefährlich sein

von Dr. Caroline Mayer, 15.04.2020

Seitdem das neue Coronavirus SARS-CoV-2 in Europa grassiert, trauen sich viele Menschen aus Angst vor einer Infektion nicht mehr zum Arzt. Ernsthafte Krankheiten können dadurch übersehen werden. Dazu zählt auch ein Diabetes Typ 1, an dem vor allem Kinder und junge Menschen erkranken.

Professor Dr. Thomas Danne, Chefarzt für Diabetologie am Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover, warnt: "Eine verzögerte Diabetes-Diagnose ist die viel größere Gefahr als ein Arztbesuch." Er rät: "Wenn ein Kind Gewicht verliert, großen Durst hat und ständig müde ist, sollte man zum Kinderarzt oder direkt in die Klinik gehen. Warten Sie nicht ab, bis es zu Übelkeit und Erbrechen oder gar zu Bewusstlosigkeit kommt." Wird die Krankheit zu spät erkannt, droht eine lebensgefährliche Stoffwechselentgleisung, eine sogenannte Ketoazidose. Betroffene können dabei in ein diabetisches Koma fallen.

Doch was bedeutet eine Typ-1-Diagnose während der Corona-Pandemie? Wie geht es weiter? Muss ein Kind ins Krankenhaus, und dürfen Eltern es dort besuchen? Wie läuft die Nachsorge, solange Praxen und Ambulanzen auf Notfallbetrieb umgestellt haben?

Dr. Jens Kröger, der eine Schwerpunktpraxis für Diabetologie in Hamburg betreibt, kann Neuerkrankte beruhigen: "Wenn jetzt eine Diabetes-Diagnose gestellt wird, erfolgt die Behandlung nach den gleichen Kriterien wie sonst auch." Akute Probleme und Notfälle werden während der Pandemie behandelt wie bisher.

Typ-1-Diabetes: Das passiert nach der Diagnose

Wird ein Diabetes neu diagnostiziert, muss als Erstes der Blutzucker so gut wie möglich eingestellt werden. Betroffene sollten außerdem so schnell wie möglich lernen, ihre Krankheit eigenverantwortlich in den Griff zu bekommen. Sie erfahren in Schulungen, welche Insuline es gibt, wie man den Blutzucker misst, was die Werte bedeuten und wie man reagiert, wenn ein Wert zu hoch oder zu niedrig ist. Außerdem geht es darum, wie man Insuline richtig anwendet und worauf man im Alltag und beim Essen achten muss. Ein Team aus Ärzten, Diabetes- und Ernährungsberatern, Psychologen und Sozialarbeitern unterstützt die Patienten dabei. Bei Kindern und Jugendlichen erhalten auch die Eltern eine Schulung. Alle Schulungsprogramme richten sich nach dem Alter der Betroffenen, für Eltern gibt es spezielles medizinisches und psychologisches Ratgebermaterial.

Muss man zur Ersteinstellung ins Krankenhaus?

Erwachsene, bei denen ein Diabetes Typ 1 neu entdeckt wird, können in der Regel ambulant behandelt werden, nur in komplizierten Fällen ist eine Krankenhauseinweisung nötig. Diabetologische Schwerpunktpraxen und Klinikambulanzen bieten auch während der Ausgangsbeschränkungen Ersteinstellungen und Einzelschulungen an.

Wird ein Typ-1-Diabetes im Kindesalter festgestellt, empfehlen alle Experten, zunächst ins Krankenhaus zu gehen, damit der Blutzucker gut eingestellt werden kann: "Alle Kinder, die an uns verwiesen werden, nehmen wir stationär auf. Das ist nicht anders als vor der Pandemie", sagt Thomas Danne. Normalerweise bleiben die kleinen Patienten zehn Tage im Krankenhaus, im Einzelfall kann es länger oder kürzer sein. Die Dauer des Aufenthalts hängt von verschiedenen Faktoren ab: Kennt sich die Familie mit Diabetes aus, weil bereits ein Mitglied erkrankt ist, geht es meistens schneller. Bei Patchwork-Familien, in denen viele Personen über die Krankheit aufgeklärt werden müssen, oder bei Familien, in denen eine Fremdsprache gesprochen wird, kann es länger dauern.

Wann und wie lange die Eltern in der Klinik bei ihrem Kind sein können, wird mit dem Krankenhaus individuell vereinbart. "Bei uns kann immer ein Elternteil das Kind besuchen. Die Termine vergeben wir flexibel – je nachdem, wie die Eltern Zeit haben", sagt Danne.

Während der Corona-Pandemie gelten im Krankenhaus die üblichen Hygieneregeln: Hände waschen, Abstand halten, kein Händeschütteln und nur in die Armbeuge husten oder niesen. "Bisher haben wir keinen Corona-Fall in unserem 300-Betten-Haus, wir sind aber darauf vorbereitet", erklärt Danne. Grundsätzlich könnten die Eltern bezüglich einer Ansteckung mit dem Coronavirus beruhigt sein: Kinder haben bei einer Infektion in der Regel deutlich mildere Symptome und einen deutlich unkomplizierteren Verlauf der Erkrankung.

Typ-1-Diabetes: Nachsorge in Zeiten von Corona

Nach der Ersteinstellung sollten die Betroffenen regelmäßig zur Kontrolle und zu Schulungsterminen in eine diabetologische Schwerpunktpraxis bzw. Klinikambulanz gehen. Seit der Einführung der Kontaktbeschränkungen ist ein Praxisbesuch aber nur noch bei akuten Problemen möglich, die üblichen Check-ups und Gruppenschulungen fallen aus. Allerdings bieten seit einigen Wochen immer mehr Diabetes-Teams Videosprechstunden an: Patienten können beispielsweise ihre Messwerte über eine Cloud an die behandelnden Ärzte schicken und anschließend Fragen in einem Video-Chat besprechen.

Auch für Gruppenschulungen gibt es inzwischen Online-Lösungen. "Das ist zwar alles noch im Anfangsstadium, aber das Angebot wird gerade hochgefahren und zunehmend genutzt", sagt Jens Kröger. Betroffene sollten sich bei ihrem Diabetes-Team nach konkreten Lösungen erkundigen.


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