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Diabetes-Folgeschäden richtig einschätzen

Die Angst vor Folgeschäden belastet viele Menschen mit Diabetes. Wer verantwortungsvoll mit der Krankheit umgeht, minimiert das Risiko. Worauf man achten muss

von Andrea Grill, 21.04.2016
Nachdenkliche Frau

Risiko für Folgeschäden: Das belastet viele Menschen mit Diabetes


Fast jeder, der Diabetes hat, kennt diese Schreckgespenster. Schon ihre pure Erwähnung lässt bei vielen den Puls in die Höhe schnellen: Amputation, Erblindung, Herzinfarkt, Dialyse sind Folgeschäden, die ein Diabetes auslösen kann – und die wie ein Damoklesschwert ständig über dem Leben zu hängen scheinen.

"Fast jeden meiner Patienten treibt die Angst vor Folgeerkrankungen um", bestätigt der Hamburger Diabetologe Dr. Andreas Klinge. Viele Betroffene glauben, Folgeschäden seien praktisch unausweichlich. Dabei stimmt das, zum Glück, längst nicht mehr, wie ein Blick in die Statistik zeigt: Nach 25-jähriger Diabetesdauer leidet heutzutage nur etwa jeder Dritte unter Folgeschäden. "Vor 30 Jahren", so Klinge, "war nach dieser Zeit fast jeder Patient betroffen."

Andreas Klinge

Folgeschäden werden seltener

Ein großer Fortschritt, der zahlreiche Ursachen hat. Klinge zählt dazu ganz besonders die Blutzucker-Selbstmessung, die die Diabetestherapie deutlich verbessert habe. Auch das große Angebot an Schulungen, dank derer Diabetes-Patienten heute besser mit ihrer Krankheit umgehen können, habe dazu beigetragen, Folgeschäden zurückzudrängen. Zum Beispiel Erblindungen durch diabetesbedingte Netzhautschäden: Diese werden immer seltener, was vor allem daran liegt, dass mehr Patienten regelmäßig zum Augenarzt gehen. Früh erkannt, kann eine Lasertherapie verhindern, dass Netzhautschäden fortschreiten – und so das Augenlicht erhalten. 

Die Ängste sind dennoch geblieben. Wer die Diagnose "Diabetes" bekommt, weiß zu diesem Zeitpunkt meist wenig über die Stoffwechselkrankheit. Doch fast jeder kennt jemanden, der betroffen ist: zum Beispiel eine Nachbarin, mit der es rasant bergab ging, seit sie Insulin spritzen musste. Oder einen Onkel mit Alterszucker, der blind im Rollstuhl saß. Dabei wird oft vergessen, dass beide lange vor der Zeit moderner Diabetes-Therapien gelebt haben. Oder dass man von ihrem Diabetes überhaupt nur erfahren hat, weil der ihre Gesundheit ruinierte.

Vorsorgetermine

Vierteljährlich:

  • HbA1c-Wert, Blutdruck, Gewicht
  • Besprechung der selbst gemessenen Blutzuckerwerte
  • Besprechung von Unterzuckerungen

Jährlich:

  • Inspektion der Füße
  • Prüfung der Nervenfunktion
  • Körperliche Untersuchung
  • EKG
  • Bestimmung der Nierenwerte und der Blutfette im Labor
  • Kontrolle beim Augenarzt
Berthold Maier

Informationen aus dem Internet sind schwer einzuordnen

Auch das Internet kann Ängste schüren. Viele Menschen informieren sich im Netz über Diabetes. "Die meisten Infos sind sicher nicht falsch", sagt Psychologe Berthold Maier von der Diabetes-Klinik in Bad Mergentheim. "Aber wenn ich mit beunruhigenden Fakten konfrontiert werde und mit niemandem darüber reden, sie nicht richtig einordnen kann, verstärkt das die Angst, statt sie zu nehmen."

Auch manche Arztgespräche wirken nicht gerade beruhigend. Vor allem wenn der Doktor aufzählt, was alles für Folgen drohen, wenn man die Zuckerwerte, aber auch Cholesterin und Blutdruck nicht optimal behandele. "Dabei meinen es die Ärzte gut, sie wollen und müssen ihre Patienten über mögliche Risiken aufklären", räumt Maier ein.

Wissen kann motivieren

Risiken, die es trotz aller Fortschritte in der Diabetestherapie gibt: Chronisch erhöhte Blutzuckerwerte können Blutgefäße und Nerven schädigen und dadurch zu Schäden an vielen Organen führen. "Wer Diabetes hat, muss diese Zusammenhänge verstehen", betont Diabetologe Klinge. Sonst fehle die Motivation für die Therapie. Hohe Blutzuckerwerte, aber auch der häufig gleichzeitig bestehende Bluthochdruck machen keine Beschwerden: Warum sollte man da also den Lebensstil ändern, regelmäßig Tabletten nehmen oder Insulin spritzen?

Das Wissen um die möglichen Risiken, die Angst, Folgekrankheiten zu erleiden, ist für viele Menschen Antrieb genug, sich Tag für Tag aufs Neue um den Diabetes zu kümmern. "Die meisten Patienten kommen mit ihren Ängsten gut zurecht", beobachtet Berthold Maier. Der Psychologe beschreibt unterschiedliche Typen: Da gibt es die Unbesorgten, die nie oder nur kurz vor dem Arztbesuch beunruhigt sind. Es gibt die Motivierten, die auf eine gute Blutzuckereinstellung achten und keinen Kontrolltermin verpassen. Es gibt die Verdränger, die wissen, dass ihre Werte zu hoch sind, sich gleichzeitig aber vor Diabetesschäden fürchten, sodass sie den Blutzucker lieber erst gar nicht messen. Und es gibt die Panischen, deren Leben regelrecht von Ängsten bestimmt ist. Die fragen sich nicht, ob sie Folgeschäden bekommen werden, sondern wann.

Diabetes ernst nehmen und dennoch gelassen bleiben

Beide Extreme – völlige Sorglosigkeit, übermäßige Angst – sind schlecht fürs Diabetesmanagement. Wer sorglos ist und deshalb seine Blutzuckerwerte vernachlässigt, hat ein hohes Risiko für Folgeschäden. Wer dagegen panische Angst vor Diabetesfolgen hat und deshalb seine Zuckerwerte permanent im Auge behält und sie so niedrig wie möglich einstellt, dem drohen gefährliche Unterzuckerungen. Solche "Hypos", da sind sich Berthold Maier und Andreas Klinge einig, bergen ein besonders hohes Risiko. "Unter meinen Patienten sind nur wenige mit gravierenden Folgeschäden", sagt Diabetologe Klinge. "Ich erlebe aber immer wieder Patienten, die infolge von Unterzuckerungen schwere Unfälle im Haushalt oder Straßenverkehr hatten." Es komme vor allem darauf an, einen gesunden Mittelweg zu finden: den Diabetes ernst zu nehmen, aber dabei gelassen zu bleiben. Was dabei helfen kann:

  1. Eine Schulung besuchen: Schulungen vermitteln die nötigen Informationen, um den Diabetes gut zu managen und schädliche Folgen zu vermeiden. Das baut Ängste und Unsicherheit ab.

  2. Gesund essen, sich viel bewegen: Wer seinen Lebensstil ändert, gesünder isst, sich mehr bewegt und auf gute Blutzuckerwerte achtet, tut sein Möglichstes dafür, keine Folgeschäden zu entwickeln.

  3. Vorsorgetermine einhalten: Früh genug erkannt, können viele Diabeteskomplikationen gut therapiert werden. Nutzen Sie daher die regelmäßigen Kontrolltermine beim Arzt.

  4. Ängste ansprechen: Wer Angst vor Folgeschäden hat, sollte mit seinem Arzt sprechen. Oft lassen sich Ängste im Gespräch ausräumen. Manchmal kann eine Psychotherapie helfen.


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