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Typ 1: Den Ursachen auf der Spur

Korbinian (3) wird höchstwahrscheinlich Diabetes bekommen. Das ergab ein Bluttest. Doch wie entsteht die Krankheit, die immer mehr Kinder entwickeln? Das versuchen Forscher weltweit herauszufinden

von Tina Haase, 06.05.2019
Diabethes Patenschaft

Die Eltern von Korbinian, Bettina und Christian M., fragen sich, warum wohl auch ihr zweiter Sohn an Typ-1-Diabetes erkranken wird


Die schlechte Nachricht platzte Ende letzten Jahres in das Leben von Familie M. aus Bayern: Auch Korbinian (3) wird sehr wahrscheinlich Typ-1-Dia­betes bekommen. Seine Mutter Bettina (33), sein Vater Christian (39) und sein Bruder Jakob (5) sind bereits daran erkrankt. Eine Blutprobe hatte ergeben, dass Korbinian mehrere diabetesspezifische Antikörper hat. "Sind mindestens zwei davon nachweisbar, ist das ein sicheres Zeichen für ein frühes Stadium des Dia­betes", sagt Kinderdiabetologin Dr. Katharina Warncke von der Kinderklinik München Schwabing, die auch Korbinian betreut.

Wochen, Monate oder Jahre?

Noch benötigt Korbinian kein Insulin. Es ist wohl aber nur eine Frage der Zeit, wann sich der Diabetes bei ihm bemerkbar macht und Familie M. eine vierte Insulinpumpe braucht. "Das kann in ein paar Wochen sein, in ein paar Monaten oder in ein paar Jahren", sagt Christian M. "Wir hoffen natürlich, dass Korbinian noch viele Jahre verschont bleibt."

In den vergangenen 30 Jahren hat die Zahl der Kinder in Deutschland, die Typ-1-Diabetes bekommen, stark zugenommen — um drei bis vier Prozent pro Jahr. Nach Schätzungen leben hierzulande inzwischen etwa 32.000 Kinder und Jugendliche mit der Autoimmunkrankheit. Insgesamt haben 367.000 Menschen Typ 1. Mit einer Insulintherapie können die Betroffenen gut behandelt werden. Eine Heilung aber gibt es nicht. Warum immer mehr Kinder erkranken, ist unklar. In vielen Ländern versuchen Diabetesforscher mithilfe von Studien zu verstehen, was zu der Krankheit führt und wie man sie verhindern kann.

Christian und Bettina M. fragen sich, warum nun wohl auch ihr zweiter Sohn Diabetes bekommt. "Wir haben nicht damit gerechnet", sagt Bettina M. "Sind beide Eltern Typ-1-Diabetiker, geht man inzwischen von einem Diabetesrisiko der Kinder von bis zu 43 Prozent aus", sagt Professor Dr. Klaus Badenhoop, Diabetologe am Universitätsklini­kum Frankfurt am Main. "Aber Typ-1-Diabetes wird seltener vererbt als Typ 2." Nur zehn bis 15 Prozent der Menschen mit Typ 1 haben einen Betroffenen in der Familie.

Dennoch spielt das Erbgut eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit. "Wir kennen rund 50 Genvarianten, die bei Menschen mit Typ-1-Diabetes in bestimmten Kombinationen gehäuft vorkommen", sagt Privatdozent Dr. Peter Achenbach, Diabetesforscher am Helmholtz Zentrum in München. Rund ein Prozent der Menschen hat so einen Genmix, was aber nicht heißt, dass sie alle Diabetes entwickeln. 90 Prozent der Risikokinder erkranken nicht.

Warum erwischt es den einen und den anderen nicht? "Wir haben das Zusammenspiel aus Genvarianten und bestimmten Umweltfaktoren in Verdacht", sagt Achenbach. Um zu erforschen, wie sich äußere Einflüsse — etwa Ernährung, Infektionen und Impfungen — auswirken, laufen weltweit verschiedene Studien, die teils zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen. Eine der größten startete im Jahr 2004: die Teddy-Studie. An ihr nehmen mehr als 8000 Kinder mit erhöhtem Dia­betesrisiko aus Finnland, Schweden, den USA und Deutschland teil.

Sie gibt etwa Hinweise darauf, dass sich bei Teilnehmern, die im ersten Lebensjahr viele Atemwegsinfekte hatten, häufiger Dia­betes-Antikörper entwickelten. "Das Immunsystem bekämpft den Infekt und greift auch gleich noch die Betazellen der Bauchspeicheldrüse an", erklärt Peter Achenbach. Auch Enteroviren, die zum Beispiel Magen-Darm-Infektionen verursachen, erhöhen der Studie zufolge das Diabetesrisiko. "Erhalten Babys bereits vor der 17. Lebenswoche glutenhaltige Kost, ist das Erkrankungsrisiko ebenfalls größer", sagt der Experte. Vermutet wird, dass die Nahrung die Zusammensetzung der Darmbakterien verändert, was sich negativ auf das Immunsystem auswirkt. Die Gabe von Probiotika in den ersten Lebensmonaten scheint dem Darm dagegen gutzutun und das Diabetesrisiko zu senken. Forscher nehmen auch an, dass eine optimale Versorgung mit Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren einen schützenden Effekt haben könnte.

Impfungen erhöhen Risiko nicht

Diskutiert wird ebenfalls, ob ­Stillen das Typ-1-Risiko ­verringert und ob Säuglingsmilch es erhöht. Beides konnte die Teddy-Studie nicht eindeutig bestätigen. Einen Zusammenhang von Impfungen und der Entstehung von Diabetes stellten die Forscher nicht fest.

Infografik: Den Ursachen auf der Spur Diabetes Typ 1

Wie Typ-1-Diabetes entsteht, ist noch nicht vollständig geklärt. Forscher gehen davon aus, dass eine Kombination aus Risikogenen und äußeren Einflüssen wie Virusinfektionen zu der Autoimmunkrankheit führt. Das Immunsystem beginnt irrtümlicherweise damit, die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse zu zerstören. Die Antikörper lassen sich im Blut nachweisen. Wenn nur noch 20 Prozent der Betazellen aktiv sind, bricht der Diabetes aus. Oft erholen sich die letzten Betazellen durch die Insulintherapie — aber nur vorübergehend.

Was bei Korbinian die Auslöser waren, werden Bettina und Christian M. wohl nie erfahren. Sie hätten alles getan, um die Krankheit zu verhindern, aber man kann Typ-1-Dia­betes nicht vorbeugen. Und niemand hat Schuld daran, wenn er ausbricht. Korbinian nahm sogar an der Pre-Point-Early-Studie am Helmholtz Zentrum teil, für Kinder mit Risikogenen und mit einem erkrankten Verwandten ersten Grades, als er noch keine Antikörper hatte. In dieser Studie erhielten manche Kinder täglich mit einer Mahlzeit ein Insulinpulver, manche ein Placebo, also ein Pulver ohne Insulin. "Das Insulinpulver soll dem Immunsystem eine Toleranz gegenüber dem körpereigenen Insulin antrainieren und eine krank machende Immunreak­tion verhindern", erklärt Studien­ärztin Dr. Stephanie Zillmer. Was Korbinian erhielt, wird erst nach dem Ende der Studie bekannt werden.

Studie weckt Hoffnung

Forscher Achenbach setzt viel Hoffnung in die Folgestudie namens Point, an der 1040 Kinder mit Risiko­genen aus fünf verschiedenen Ländern teilnehmen sollen. "Ob sich durch die Gabe von Insulinpulver der ­Diabetes hinauszögern oder gar verhindern lässt, wissen wir erst in sieben Jahren", sagt der Experte.

Derweil behalten Bettina und Christian M. Korbinians Blutzucker im Blick. Die Eltern, die auch eine Selbsthilfegruppe für Kinder mit Typ-1-Diabetes leiten, hadern inzwischen damit, dass sie Korbinian auf das Diabetesrisiko testen ließen. "Am liebsten würde ich es nicht mehr wissen", sagt Christian M. "Korbinian soll doch unbeschwert aufwachsen." Einen Vorteil hat das frühe Wissen allerdings, sagt Bettina M.: "Steigt der Blutzucker, merken wir sofort, dass es losgeht und Korbinian Insulin braucht."

Für Jakob und Korbinian gehört der Diabetes zum Alltag. An manchen Tagen spielen sie sogar Katheterwechsel. Als Bettina nach der Hiobsbotschaft geknickt war, tröstete Korbinian: "Mama, ist nicht schlimm. Ist sogar cool. Bald bin ich wie ihr." Dem Opa führte Korbinian neulich vor, dass er schon allein seinen Blutzucker messen kann.

Hat mein Kind ein erhöhtes Diabetesrisiko?

Mit diesen Tests stellen Experten das fest:

Risikogene

1. Test auf Risikogene

Forscher testen das Blut auf rund 50 Genvarianten, die für ein erhöhtes Risiko für Typ-1-Diabetes stehen.

Im Rahmen der Freder1k-Studie wird der Test in Bayern, Sachsen und Niedersachsen angeboten. Babys, deren Eltern oder Geschwister bereits Typ-1-Diabetes haben, können deutschlandweit teilnehmen.

Bis zum Alter von vier Monaten können Eltern ihre Säuglinge in der Geburtsklinik oder beim Kinder­arzt testen lassen.

Aus Ferse, Nabelschnur oder einer Vene wird ein wenig Blut auf eine Filterpapierkarte getropft, die ins Labor geschickt wird.

Ein Prozent der Kinder hat Risikogene. Zehn Prozent von ihnen entwickeln bis zum sechsten Lebensjahr Diabetes.

Antikörper

2. Test auf Antikörper

Um herauszufinden, ob ein Kind ­Diabetes bekommt, kann es auf diabetesspezifische Antikörper­getestet werden.

Im Rahmen der Fr1da-Studie in Bayern und der Fr1dolin-Studie in Niedersachsen bieten Kinderärzte den Test an.

Zwei- bis fünfjährige Kinder können in Bayern teilnehmen, zwei- bis sechs­­jährige in Niedersachsen.

Blut aus der Fingerkuppe wird in einem speziellen Röhrchen aufgefangen, das dann ins Labor geschickt wird.

Wer mindestens zwei verschiedene Antikörper hat, erkrankt mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann im Lauf seines Lebens an ­Typ-1-Diabetes.

Wann genau sich die Krankheit zeigt, können die Forscher anhand der Blut­­unter­suchung noch nicht vorhersagen.


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