Männer und Frauen: Was ist bei Diabetes anders?

Frauen sind anders krank – Männer ebenfalls. Das gilt auch bei Diabetes. Neue Erkenntnisse aus der Forschung

von Alexandra von Knobloch, 04.07.2018

Der gar nicht kleine Unterschied: Das Geschlecht wirkt sich auch auf die Gesundheit aus


Sind Frauen wirklich das schwächere Geschlecht? Männer erkranken im Durchschnitt in ­einem jüngeren Alter an Typ-2-­Diabetes als Frauen — und bei geringerem Übergewicht.
Das Geschlecht wirkt sich auf die Gesundheit aus: Diese Erkenntnis genießt in der Medizin erst seit Kurzem Aufmerksamkeit. So zeigt sich, dass Krankheiten, die beide Geschlechter betreffen, sich verschieden äußern und verlaufen können, je nachdem, ob eine Frau oder ein Mann sie hat. Das gilt für einen Schnupfen ebenso wie für Diabetes. "Gerade bei dieser Stoffwechselerkrankung wissen wir bereits ziemlich viel über solche Unterschiede", berichtet Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für geschlechtsspezifische Medizin an der Medizinischen Universität Wien.
Wir stellen Ihnen die wichtigsten Erkenntnisse hier vor. Gleich vorweg: Von einem schwächeren oder stärkeren Geschlecht kann man dabei eigentlich nicht reden ...

1. Diabetesrisiko und Diabetesdiagnose

Ein wichtiger Faktor für das Diabetesrisiko ist Übergewicht, vor allem bauchbetontes. Die Fettverteilung unterscheidet sich bei Männern und Frauen: Diese setzen eher an Hüfte und Oberschenkeln an, Männer neigen zu dem gesundheitsschädlicheren Bauchfett. Kritisch für die Gesundheit wird es bei Frauen ab einem Taillenumfang von 88 Zentimetern, für Männer ab 102 Zentimetern.
Auch bei der Diagnose gibt es ­Unterschiede, so Professor Dr. Karsten Müssig, Leiter des Klinischen Studienzentrums am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf: Für Männer ist häufig ein erhöhter Nüchtern-Blutzucker das erste Zeichen eines Typ-2-Dia­betes, bei Frauen eher ein starker Anstieg der Zuckerwerte nach dem Essen. Der Dia­betes lässt sich bei Männern daher eher aus einem Nüchtern-Bluttest erkennen, bei Frauen eher aus einem Glukosetoleranztest. Dabei wird zuerst eine Zucker­lösung getrunken, dann der Blutzucker gemessen.

Diabetesfolgen bei Frauen

Das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle steigt durch Diabetes (Typ 1 und Typ 2). Bei Frauen ist dieser Effekt deutlicher als bei Männern. Allgemein sterben mehr Frauen als Männer innerhalb von fünf bis zehn Jahren an den Folgen eines Infarktes (beim akuten Infarkt sind Männer im Nachteil). Für Frauen (und Männer) ist wichtig, dass der Diabetes sehr gut eingestellt wird und erhöhte Blutdruck- und -fettwerte konsequent behandelt werden.

Diabetesfolgen bei Männern

Nervenschäden sind eine Folge des Diabetes, die bei Männern häufiger als bei Frauen auftritt und bei ihnen schneller fortschreitet. Das führt unter anderem dazu, dass Männer öfter eine Amputation infolge eines diabetischen Fußes erleiden als Frauen. Die richtige Fußpflege ist darum für sie besonders wichtig. Ebenso sollten sie ihre Nierenwerte gut im Blick behalten. Denn einmal geschädigt, büßen diese Organe ihre Funktion bei Männern schneller ein.

2. Anderer Körper — andere Seele

Klischeehafte Vorstellungen über Männer und Frauen sind in unserer Gesellschaft verbreitet, auch bei Ärztinnen und Ärzten. Das führt dazu, dass beide Geschlechter unterschiedlich mit ihrer Erkrankung umgehen — und behandelt werden. Krankheitssymptome werden bei Frauen etwa schneller der Psyche zugeschrieben. Doch fehlt die richtige Diagnose, bleiben den Frauen die notwendigen Medikamente versagt. "Nehmen Sie sich als Patientin selbst ernst", ermutigt Kautzky-Willer.

3. Der Unterschied bei den Medikamenten

Das richtige Medikament für jeden: gar nicht so einfach. Hormone, Unterschiede im Immunsystem und im Stoffwechsel bedingen, dass Medikamente bei Frauen und Männern verschieden wirken. Medikamente werden aber überwiegend an Männern getestet. Es ist immer noch nicht so gut erforscht, wie sie auf den weiblichen Organismus wirken und welche Nebenwirkungen sie bei Frauen auslösen können. "Tatsächlich erleiden Frauen erheblich mehr Nebenwirkungen durch Medikamente als Männer", erklärt Kautzky-Willer. So kommt es bei Frauen durch eine Insulintherapie häufiger zu Unterzuckerungen als bei Männern. Auch Blutdruckmedikamente vertragen Frauen oft weniger gut. Sie neigen dann dazu, ihre Medizin unregel­mäßig, in zu geringer Dosis oder gar nicht zu nehmen. Meist ohne zu ahnen, wie sehr sie sich damit gefährden. "Frauen sollten beim Arzt nachdrücklich auf eine Therapie dringen, die sie vertragen und mit der sie zugleich ihre Zielwerte erreichen", findet Kautzky-Willer. Ihr Tipp: "Suchen Sie sich einen Arzt, zu dem Sie Vertrauen haben und mit dem Sie solche Therapieprobleme offen besprechen können."

4. Ernährung: Das weibliche Vorbild

Eher ungesund ist der männliche Hang zu fleischlastiger Kost. Es wäre also eine gute Idee, wenn Männer sich an dem oft gesünderen Ernährungsstil von Frauen orientierten. Darüber hinaus empfiehlt Kautzky-Willer Männern, selbst darauf zu achten, dass sie mehr Gemüse und Obst essen.
Frauen sind zwar oft stark auf ihre Ernährung fixiert, aber das Abnehmen fällt ihnen meist schwerer als Männern. "Das ist teilweise genetisch und hormonell bedingt", erklärt Kautzky-Willer. Doch es gibt lohnenswerte Ansatzpunkte für Frauen mit Diabetes: "Zuckerhaltige Getränke wie Limonade oder Säfte sollten sie weglassen", rät Müssig. "Davon konsumieren Frauen oft mehr als männliche Betroffene."

5. Sanftes Training für Frauen, etwas härteres für Männer!

Bewegung ist wichtig für beide Geschlechter — doch Frauen sind da oft etwas fauler als Männer. Sie schaffen es seltener, sich 30 Minuten täglich anzustrengen. "Dabei deuten Studien darauf hin", so Müssig, "dass Frauen schon von einem leichten Training, etwa vom Walken, profitieren." Männer sind zwar aktiver, benötigen aber vermutlich eine höhere Bewegungsintensität, damit sich dies auf ihre Gesundheit auswirkt.

Tabuthema Sex

Was viele wissen:
Als Folge eines lange Zeit schlecht behandelten Diabetes bekommt ein Viertel bis die Hälfte der betroffenen Männer Erektionsstörungen.

Was kaum jemand weiß:
Etwa die Hälfte der Frauen mit Diabetes hat bei Therapiemängeln ebenfalls mit Sexproblemen zu kämpfen: mit Scheidentrockenheit, Schmerzen und fehlender Lust. Rechtzeitig thematisiert, ist meist Hilfe möglich.


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