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Ernährung bei Diabetes

Verzicht muss nicht sein: Menschen mit Diabetes dürfen praktisch alles essen. Die wichtigsten Tipps im Überblick

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 21.11.2019
Lebensmittel

Vielseitig, ausgewogen und selbst gemacht: So bunt kann gesunde Ernährung sein


Ernährung ist wichtig bei Diabetes. Das gilt sowohl bei Typ-2-Diabetes – der häufigsten Form der Erkrankung – als auch bei Typ-1-Diabetes. Allerdings kommen der Ernährung bei der Therapie der beiden Diabetesformen unterschiedliche Rollen zu.

Typ-2-Diabetes: Gewicht abbauen

Starkes Übergewicht, vor allem am Bauch, ist eine der wichtigsten Ursachen für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes. Die Ernährungsempfehlungen für Menschen mit Typ-2-Diabetes zielen deswegen darauf ab, zusammen mit anderen Änderungen am Lebensstil Übergewicht abzubauen und damit die Stoffwechseleinstellung zu verbessern.

Typ-1-Diabetes: Kohlenhydrate richtig einschätzen

Bei einem Typ-1-Diabetes kann die richtige Ernährung nicht zur Besserung der Krankheit beitragen. Menschen mit Diabetes Typ 1 müssen aber wissen, wie viele Kohlenhydrate in ihrem Essen stecken. Nur so können sie die zur Korrektur des Blutzuckers benötigte Menge an Insulin richtig berechnen, um zu hohe Werte oder Unterzuckerungen zu vermeiden. Das Gleiche gilt für alle Typ-2-Diabetiker, die auf Insulin angewiesen sind.

Wie sie Kohlenhydrate in Lebensmitteln richtig einschätzen, lernen Menschen mit Diabetes im Rahmen einer Schulung zu Beginn der Therapie.

Insulintherapie: Kohlenhydrate richtig berechnen

Wer den Diabetes mit einer intensivierten Insulintherapie behandelt, muss in der Lage sein, eigenständig richtig abzuschätzen, wie viele Kohlenhydrate sein Essen enthält. Anhand dieser Menge kann er anschließend berechnen, wie viel Insulin er benötigt, um die Blutzuckeranstiege nach den Mahlzeiten abzufangen.

Zur Angabe des Kohlenhydratanteils gibt es die Einheiten eine Broteinheit (1 BE) und eine Kohlenhydrateinheit (1 KE). Eine Broteinheit entspricht 12 Gramm Kohlenhydrate, eine Kohlenhydrateinheit 10 Gramm. Beide Einheiten können gleichwertig verwendet werden. Einen BE/KE-Rechner für Lebensmittel finden Sie hier.

Eine Brot- oder Kohlenhydrateinheit lässt den Blutzuckerspiegel im um etwa 25 bis 40 mg/dl pro BE/KE ansteigen. Der tatsächliche Anstieg ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Er hängt unter anderem von Gewicht, Stresspegel, Tageszeit, Bewegung und der Zusammensetzung einer Mahlzeit ab.

Die wichtigsten Ernährungs-Tipps bei Diabetes

Zur richtigen Ernährung bei Diabetes halten sich viele Vorurteile hartnäckig. Die wichtigste Nachricht deshalb zuerst: Menschen mit Diabetes können prinzipiell alles essen. Das gilt sowohl für Typ 1 als auch für Typ 2. Auch Zucker ist nicht tabu, sollte aber möglichst wenig gegessen oder getrunken werden. Spezielle Lebensmittel sind ebenfalls nicht nötig. Das frühere Etikett "Für Diabetiker geeignet" auf Lebensmittelpackungen gibt es nicht mehr.

Für Menschen mit Diabetes gelten im Großen und Ganzen die gleichen Ernährungsempfehlungen wie für Gesunde. Das bedeutet:

  • Viel frisches Obst und Gemüse – drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst sollten es täglich sein

  • Zucker nach Möglichkeit vermeiden. Zucker treibt den Blutzucker und damit auch den Insulinspiegel in die Höhe. Insulin füllt die Fettzellen und verhindert, dass Fett abgebaut werden kann

  • Bei Reis, Nudeln, Brot und anderen Getreideprodukten auf die Vollkornvariante setzen

  • Fleisch, Wurst, Käse und andere tierische Lebensmittel in Maßen essen

  • Bestimmte Fette aus Pflanzen bevorzugen – gut sind zum Beispiel Oliven- und Rapsöl sowie Nüsse und Samen

  • Sparsam salzen – das gilt vor allem bei gleichzeitigem Bluthochdruck

1. Ernährung ist immer individuell

Die Ernährungstherapie bei Typ-2-Diabetes ist auf Langfristigkeit ausgelegt. Damit man nicht die Motivation verliert, bespricht der behandelnde Arzt mit den Patienten einen Essensplan, der persönliche Vorlieben berücksichtigt. Eine Ernährungsberatung, etwa im Rahmen einer Diabetes-Schulung, vermittelt das nötige Wissen für den Alltag.

2. Abnehmen: Mit langfristiger Strategie

Mit einer Radikaldiät innerhalb kurzer Zeit abzuspecken ist in der Regel nicht empfehlenswert – solche Erfolge sind meist nur von kurzer Dauer. Oft sammeln sich die verlorenen Kilos wieder am Körper an, wenn Betroffene nach der Diät wieder in ihre alten Essgewohnheiten zurückfallen.

Menschen mit Typ-2-Diabetes sollten stattdessen darauf achten, dauerhaft abwechslungsreich und bedarfsgerecht zu essen, sich gleichzeitig mehr zu bewegen und so ihrem gesundheitlich sinnvollen Gewicht langsam näherzukommen. Wichtig ist deswegen, die Ernährung so zu gestalten, dass man sie auch dauerhaft durchhält.

3. Kohlenhydrate, Fett und Eiweiß: Empfehlungen zu Nährstoffen

Menschen mit Diabetes sollten sich ausgewogen ernähren und bei Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen auf eine gute Mischung achten. Entscheidend ist vor allem, diese Nährstoffe aus guten Lebensmittelquellen zu beziehen. Die wichtigsten Tipps im Überblick:

Kohlenhydrate: Lebensmittel mit komplexen Kohlenhydraten vermeiden Blutzuckerspitzen nach dem Essen: Sie gehen aus dem Darm langsamer ins Blut über und lassen die Zuckerwerte nicht so schnell ansteigen. Gleichzeitig halten sie länger satt – ideal zum Abnehmen. Komplexe Kohlenhydrate stecken zum Beispiel in Hülsenfrüchten sowie Brot und Nudeln aus Vollkorn. Auf Lebensmittel mit schnell ins Blut gehenden Kohlenhydraten – etwa Nudeln, Pizza und Brot aus Weißmehl – dagegen nach Möglichkeit verzichten und auf die Vollkornvariante setzen.

Was ist der glykämische Index?

Der glykämische Index gibt an, wie schnell und wie stark ein Lebensmittel den Blutzuckerspiegel in die Höhe treibt: je höher der Wert, desto schneller. Bei Diabetes kann es sinnvoll sein, bevorzugt Essen mit niedrigem glykämischen Index auszuwählen. Er ist eine gute Orientierungshilfe, sollte aber nicht die alleinige Entscheidungsgrundlage bilden. So hat Apfelsaft etwa einen niedrigen glykämischen Index, da er wenig Glukose enthält. Dafür hat er einen hohen Fruchtzuckeranteil, der eine Insulinresistenz und eine Fettleber fördern kann.

Auch gut zu wissen: Je stärker verarbeitet ein Produkt ist, desto höher ist in der Regel der glykämische Index und desto schneller gehen die Kohlenhydrate ins Blut über. Kartoffelbrei oder Pommes Frites haben etwa einen höheren glykämischen Wert als Pellkartoffeln.

Fette: Vorzuziehen sind hier ungesättigte Fettsäuren, vor allem die sogenannten Omega-3-Fettsäuren. Omega-6-Fettsäuren, die Entzündungen im Körper fördern können, sollten dagegen in eher geringen Mengen im Essen enthalten sein. Ein gutes Verhältnis von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren weisen zum Beispiel Lein- und Rapsöl, Leinsamen und manche Nüsse auf. Auch Seefisch ist eine gute Omega-3-Quelle. Fette aus tierischen Quellen eher in Maßen essen. Die Qualität des Fleisches spielt aber auch hier eine Rolle: Fleisch von Tieren aus Weidenhaltung enthält zum Beispiel mehr Omega-3-Fettsäuren.

Auf Lebensmittel, die viele Transfettsäuren enthalten, sollten Menschen mit Diabetes nach Möglichkeit verzichten. Transfette können den Anteil an schädlichem LDL-Cholesterin im Blut erhöhen und den am günstigen HDL-Cholesterin senken. Transfette stecken vor allem in industriell verarbeiteten Lebensmitteln wie Chips, Backwaren, Fast Food und Wurst.

Eiweiße: Bei einem Nierenschaden – eine typische Langzeitfolge dauerhaft erhöhter Blutzuckerwerte – kann eine zu hohe Eiweißzufuhr schädlich sein. Patienten mit geschädigten Nieren sollten sich immer individuell beraten lassen, wie viel Eiweiß sie essen können.

Quellen für Eiweiß sind zum einen tierische Lebensmittel: also Fleisch und Fisch, Eier und Milchprodukte. Aber auch viele pflanzliche Lebensmittel enthalten wertvolles Eiweiß: Hülsenfrüchte zum Beispiel, Vollkorngetreide, manche Gemüsesorten oder Kartoffeln. Wer also hin und wieder auf tierische Produkte verzichten möchte, muss sich um seine Eiweißversorgung in der Regel keine Sorgen machen.

4. Viele Ballaststoffe essen

Ballaststoffe sind Kohlenhydrate, die das menschliche Verdauungssystem kaum oder nicht verarbeiten kann. Dadurch verlangsamen sie die Verarbeitung von Kohlenhydraten im Darm, sodass diese langsamer ins Blut übergehen. Zudem verbessern sie die Insulinempfindlichkeit und sorgen für ein längeres Sättigungsgefühl. Menschen mit Typ-2-Diabetes sollten deswegen täglich rund 40 Gramm Ballaststoffe essen. Reich an Ballaststoffen sind vor allem Vollkornlebensmittel, Hülsenfrüchte, Nüsse sowie viele Obst- und Gemüsesorten.

5. Zucker meiden – besonders in Getränken

Menschen mit Diabetes sollten Zucker nach Möglichkeit meiden. Das gilt besonders für Zucker in Getränken, da es sich hier um leere Kalorien handelt. Das bedeutet, dass sie kaum zum Sättigungsgefühl beitragen, als überschüssige Energie aber den Aufbau von Körperfett fördern. Außerdem geht der Zucker aus ihnen sehr schnell ins Blut über, was zu Blutzuckerspitzen führen kann. Vor allem wer auf sein Gewicht achten möchte, sollte also auf Limo, Cola und Saft verzichten. Bessere Alternativen sind Wasser, Tee, Kaffee und Fruchtschorlen.

6. Alkohol nur in Maßen

Regelmäßiger Genuss alkoholischer Getränke fördert die Entwicklung einer Fettleber, von Übergewicht und Bluthochdruck und wird mit einem erhöhtem Krebsrisiko in Verbindung gebracht. Alkohol sollte deswegen nur in Maßen konsumiert werden  – das gilt gerade bei Diabetes, aber auch für alle anderen Menschen. Ein gelegentliches Glas Bier oder Wein ist in der Regel kein Problem. Um der Entstehung einer Abhängigkeit entgegenzuwirken, sollte aber an mindestens zwei Tagen in der Woche komplett auf Alkohol verzichtet werden.

Hinzu kommt: Wenn die Leber damit beschäftigt ist, Alkohol abzubauen, ist die Freisetzung von Zuckerreserven aus der Leber ins Blut gebremst. Gerade bei Menschen mit Diabetes, die Insulin spritzen oder Tabletten aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe nehmen, die die Insulinausschüttung anregen, kann es so zu gefährlichen Unterzuckerungen kommen.

7. Selbst kochen

Fertigprodukte aus dem Supermarkt sind zwar praktisch, enthalten aber oft sehr viel Salz, Zucker und Fett als Geschmacksträger. Wer sich selbst an den Herd stellt und frische Lebensmittel verwendet, entscheidet auch selbst, was in seinem Essen landet.

8. Skepsis bei "Light"-Produkten

"Weniger Zucker" und "fettreduziert" – das klingt ideal zum Abnehmen. Allerdings sind solche Diät-Lebensmittel oft eine Mogelpackung: Wo "fettreduziert" draufsteht, kann mehr Zucker als Geschmacksträger enthalten sein – und umgekehrt. Beim Einkauf also besser die Angaben auf der Verpackung prüfen, als sich auf einfache Werbeversprechen zu verlassen.

9. Neben gesunder Ernährung: Viel Bewegung

Bewegung kann eine gesunde Ernährung unterstützen, da körperliche Aktivität zusätzliche Kalorien verbrennt. Zudem bessert Bewegung bei Menschen mit Typ-2-Diabetes die Insulinwirkung – die Körperzellen sprechen wieder besser auf das Hormon an.

Und: Beim Abnehmen baut der Organismus zuerst Muskelzellen ab. Gerade im Alter kann das schaden und etwa die Mobilität verringern und Gebrechlichkeit fördern. Wer nicht nur gesund isst, sondern sich dazu viel bewegt, beugt dem Muskelabbau vor. Außerdem erhöhen Muskeln den Grundumsatz des Körpers an Kalorien. Das unterstützt die Gewichtsabnahme und hilft vor allem dabei, das Gewicht nach erfolgreichem Abnehmen zu halten.

Dr. Young Hee Lee-Barkey

Beratende Expertin

Dr. Young Hee Lee-Barkey, Diabetologin (DDG), ist Oberärztin am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen und leitet den Bereich Ernährungsmedizin.


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