Ayurveda in der Klosterküche

Bayern trifft Indien: Der Hindu Nicky Sabnis kocht auf der Chiemseer Fraueninsel für katholische Nonnen

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 17.11.2015

Er hockt, wie immer, unter der Linde vor der Pforte des Klosters auf der Fraueninsel, blickt den Haubentauchern und den Segelschiffen nach, die über das glatte Wasser des Chiemsees dümpeln. Nicky Sabnis sitzt hier beinahe jeden Tag, den der liebe­ Herrgott werden lässt. Oder den Laxmi werden lässt, die hinduistische Göttin des Glücks und der Schönheit. 

Der lange Weg nach Oberbayern

Ein Hindu aus Mumbai, der in einem bayerischen Kloster arbeitet und dort für Seminargäste ayurvedisch kocht: "Mich kennt hier jeder", sagt er. Er spricht Deutsch mit singendem Akzent, ein bisschen klingt dabei die Mundart der Gegend heraus, in der er seit 19 Jahren lebt. "Da bin i dahoam",­ sagt er, lacht und wedelt mit seiner langgliedrigen Hand Richtung ­­Klosterpforte. Wie kommt ein ayurvedischer Koch ins tiefste Oberbayern, noch dazu in ein ­katholisches Frauenkloster? Und was hat das alles mit Diabetes zu tun?

Um das zu verstehen, muss man weit zurückreisen nach Mumbai, ins Jahr 1990. 31 Jahre alt ist Nicky Sabnis damals, erfolgreicher Gastronom und Besitzer von fünf ayurvedischen Gasthäusern mit 33 Angestellten. Nur ist er zum Leidwesen seiner Mutter noch nicht verheiratet. Deshalb suchen seine Eltern eine Braut für ihn aus, wie es in Indien Brauch ist. Acht Wochen später heiratet er, kurz darauf wird seine junge Frau schwanger. Am 20. November 1991 kommt Sabnis’ Tochter Laxmi auf die Welt. Er benennt sie nach der hinduistischen Göttin des Glücks. "Ich war ja auch total glücklich", sagt er heute. Doch wenige Tage nach der Geburt zieht das große Pech ein.

Als er nach Hause kommt, ist die Wohnung leer, seine Frau und sein Kind fort. Er findet keinen Abschiedsbrief, nicht den geringsten Hinweis darauf, wohin seine kleine Familie verschwunden war. "Fix und fertig" sei er gewesen, sagt Nicky Sabnis heute. Jeden Tag suchte er damals nach seiner Familie. Aber eine Frau und ein Kind im Millionenmoloch Mumbai zu finden, in dem es nicht mal ein Einwohnermeldeamt gibt? Unmöglich.

Ama heißt: Die Seele leidet

"Ich habe die Zeit danach sehr schlecht gelebt", sagt Nicky Sabnis schlicht. "Ich habe mich um nichts mehr gekümmert, meine Restaurants verschenkt." Während er erzählt, starrt er auf die hellblaue Tischdecke im Speiseraum des Klosters. Zwei Jahre lang suchte er seine Familie. Dann war ihm klar: "Ich musste etwas anderes machen." Er bewarb sich in Saudi-Arabien, den USA, Australien und Europa. Die erste Zusage kam aus Deutschland. Ein indisches Restaurant in Oberbayern suchte einen Koch. "Ich habe geschuftet dort", sagt er, "sieben Tage die Woche." Nur nicht denken. Seine Gedanken waren ja ohnehin ständig bei Laxmi.

Ein Jahr lang hielt er den Knochenjob durch. Dann kollabierte er. Die Ärzte diagnostizierten eine Zyste in der Bauchspeicheldrüse. Sabnis sagt "Ama", wenn er von der Krankheit spricht. Es ist der ayurvedische Begriff dafür, wenn der Geist ein Erlebnis nicht verarbeitet. Die Zyste wurde immer größer, schließlich musste sie entfernt werden. Die Bauchspeicheldrüse, die Milz und den halben Magen schnitten die Chirurgen mit heraus. Sabnis zieht sein weinrotes Seidenhemd nach oben. Eine riesige Narbe quer und längs über den Oberkörper und den Bauch ist zu sehen, wie ein umgekehrtes T. Nicht nur die Narbe blieb Nicky Sabnis. Ohne Bauchspeicheldrüse kann sein Körper kein Insulin produzieren. "Pankreopriver Diabe­tes" sagen Ärzte dazu. Seitdem trägt Sabnis eine Insulinpumpe.

Gesucht: Ein neuer Koch fürs Kloster

Die Krankheit war für ihn ein Wendepunkt. "In einem Kuraufenthalt habe ich meine heutige Frau Gabi kennengelernt", sagt er. Die beiden heirateten 1996. Da ließ es sich wieder sehen, das Glück, auch wenn seine Tochter unauffindbar blieb. Es führte ihn bei einem Sonntagsausflug auf dem Chiemsee an der Klosterpforte vorbei, wo ein Plakat für einen Qi Gong Kurs hing. Sabnis rief den Kursleiter an und bot ihm an, für das Seminar zu arbeiten. Zwei Tage lang kochte Sabnis zur Probe, tischte Karottensuppe, Kraut-Burger, Rote-Bete-Relish und Mango-Creme auf. Dann hakte ihn Schwester Scholastika unter, die im Kloster für das Veranstaltungs-management zuständig ist, und sagte: "Sie bleiben ab jetzt bei uns."

Seit 19 Jahren kocht Sabnis inzwischen im Kloster. Zudem gibt er ayurvedische Kochkurse. Wer bei ihm lernen will, muss Geduld haben – seine Seminare sind auf Monate ausgebucht. Auch Diabetesberaterinnen lassen sich von ihm schulen.

Das Glück und Laxmi finden

Sabnis kocht nicht. Er tanzt. "Wie Michael Jackson", sagt er und wirbelt durch die Küche des Klosters, in der Kochzeilen so akkurat aufgestellt sind wie Zinnsoldaten. Auf einem Herd brodelt ein Curry, auf dem anderen dampft der Reis. "Die Schulmediziner haben mir damals das Leben gerettet. Aber Ayurveda hat mir die Kraft gegeben, weiterzumachen", sagt er. Die altindische Lehre handelt davon, wie Körper und Seele ins Gleichgewicht geraten. "Meine Blutzuckerwerte", sagt Sabnis, "sind jedenfalls auch dank Ayurveda sehr stabil."

Info: So funktioniert Ayurveda

Scharfe Kichererbsen liegen auf dem silbernen Tablett, dazu süßliche Rote Bete, milder, cremiger ­Spinat. Aus vielerlei Speisen ­besteht das ayurvedische Mittag­essen, das Nicky Sabnis seinen Gästen präsentiert. Er selbst mischt alle Speisen zusammen und isst sie dann mit der rechten Hand: "Von allem etwas, damit der Körper ins Gleichgewicht kommt." Das Prinzip dahinter: Die fünf Grundelemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther) ordnen sich in der indischen Lehre zu drei Grundkräften, den sogenannten Doshas. Diese drei Lebensenergien steuern alle körperlichen und geistigen Vorgänge. So lenkt ­Pitta den Stoffwechsel, Kapha reguliert die Stabilität des Körpers, Vata steuert die geistige und körperliche Beweglichkeit. Werden Körper und/oder Seele krank, dann sind die Doshas aus dem Gleichgewicht geraten. Mit gezielter Ernährung, die genau zu den Doshas passt, lässt sich gegensteuern.

 

Pitta: Menschen mit viel Pitta-Energie haben einen scharfen Verstand, fühlen sich aber oft gestresst. Ausgleichend für sie: möglichst milde Speisen.


Vata:
Menschen mit viel Vata sind meist schlank, neigen aber zur Verstopfung und ermüden leicht. Sie brauchen Saures und Süßes.


Kapha:
Ausgeglichenheit zeichnet Menschen mit viel Kapha-Energie aus. Sie nehmen jedoch leicht zu und leiden unter einer langsamen Verdauung. Hilfreich für sie ist vor allem ­wenig Salz.

Schließlich hat Sabnis sogar seine Tochter wiedergefunden. Fünf Jahre ist das jetzt her. Wie immer flog er einmal im Jahr nach Indien – um Freunde und die Familie zu sehen, um doch noch mal nach Laxmi zu fahnden. Diesmal rief ihn ein Freund an. Von einem Immobilienmakler hatte er erfahren, dass Sabnis’ frühere Frau eine Wohnung gekauft hatte. Sie und Laxmi, inzwischen 18 Jahre alt, wohnten mitten in Pune.

Am 7.1.2010 um exakt 14.33 Uhr klingelte Sabnis an der Haustür, stieg die fünf Stockwerke nach oben. Und stand vor seiner Tochter. "Ich habe ihr in die Augen gesehen und nur ­­geweint", erzählt er. Seitdem sind er und seine Tochter regelmäßig in Kontakt, skypen mit­einander, ab und an fliegt er nach Indien. Warum seine Frau damals gegangen ist, weiß er nicht. "Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her. Es ist egal."

"Meine Welt", sagt Sabnis, "ist die Insel." Fast jeden Tag sitzt er, nachdem er gekocht hat, vor der Linde. Jeden Abend fährt er mit dem Dampfer um exakt 19.00 Uhr aufs Festland, zu seinem Haus und zu seiner Frau. Wie ist es für ihn als Hindu, in einem bayerischen Kloster zu arbeiten? "Wahrscheinlich so wie für euch Christen in einem hinduistischen Tempel", sagt er und lacht.


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