Die neue Sicht aufs Fasten

Was bringt es, Tage oder Wochen aufs Essen zu verzichten? Diabetes-Experte Professor Dr. Peter Schwarz erklärt, warum vor allem die Leber davon profitiert

von Dr. Sabine Haaß, 07.05.2018
Teller

Den Teller hin und wieder für einige Zeit leer zu lassen, kann sich positiv auf die Gesundheit auswirken


Viele Menschen versuchen, eine gewisse Zeit ohne Alkohol, Süßigkeiten, Auto oder Internet auszukommen.

Das ist sicher nicht schlecht. Ärzten und Wissenschaftlern geht es aber um das, was man eigentlich unter Fasten versteht: für eine gewisse Zeit fast vollständig auf Nahrung zu verzichten. Diese Art des Fastens aus gesundheitlichen Gründen ist schon seit der Antike bekannt und heute vor allem in der Naturheilkunde geläufig.

Was ist denn dann so neu daran?

Bis vor einigen Jahren gab es zwar viel praktische Erfahrung mit dem Fasten, aber wissenschaftlich belegt war sein Nutzen für die Gesundheit nicht. Inzwischen liegen erste Studien dazu vor. Sie weisen nach, dass eine radikale "Nulldiät" oder die Beschränkung auf etwa 800 Kilokalorien am Tag für mehrere Wochen das gesundheitsschädliche Leberfett völlig verschwinden lässt.

Leberfett? Das müssen Sie erklären.

Wer übergewichtig ist, hat häufig eine Fettleber. Die Leber speichert Nährstoffe wie Eiweiß, Fett oder Zucker und gibt sie bei Bedarf ins Blut ab. Überschüssiges Fett aus der Nahrung, das der Körper nicht braucht, lagert sie in ihre Zellen ein. Bei jedem dritten Erwachsenen in Deutschland entsteht so eine Fettleber. Und bei den meisten stark übergewichtigen Typ-2-Diabetikern.

Warum schadet Leberfett der Gesundheit?

Es bildet Botenstoffe, die die Empfindlichkeit der Körperzellen für Insulin verschlechtern und die Gefäße schneller verkalken lassen. Dadurch erhöht sich das Risiko für Typ-2-Diabetes oder einen Herzinfarkt. Eine Fettleber-Entzündung kann zu Zirrhose oder sogar zu Leberkrebs führen.

Prof. Dr. med. Peter Schwarz

Und wenn ich schon Typ-2-Diabetes habe?

Dann ist es noch wichtiger, das Leberfett loszuwerden. Wahrscheinlich hat Ihnen der Arzt ans Herz gelegt, sich gesünder zu ernähren, abzunehmen und sich mehr zu bewegen. Je weniger Leberfett Sie haben, desto erfolgreicher sind Lebensstiländerungen und desto besser schlägt auch die Behandlung mit Diabetes-Medikamenten an. Das zeigen Studien. Das Leberfett wirkt wie eine Barriere, die es uns erschwert, gesünder zu werden, ob mit oder ohne Diabetes.

Wieso hat Fasten einen so günstigen Einfluss auf das Leberfett?

Weil es in den Stoffwechsel eingreift. Normalerweise deckt der Körper seinen Energiebedarf aus Kohlenhydraten, die er in Zucker umwandelt. Erhält er keine Nahrung mehr, braucht er erst einmal sämtliche Zuckerreserven auf — und schaltet dann um auf Fettverbrennung. So schwindet das Leberfett. Vermutlich werden beim Fasten aber auch Abfallprodukte, bestimmte Eiweiße, in den Zellen abgebaut. Diese Zellreinigung ist ein weiterer positiver Effekt auf die Gesundheit.

Wie sieht das Fasten genau aus?

Bei der Nulldiät, die ich gemacht habe, nehmen Sie für zwei Wochen nur Wasser und Kräutertee zu sich, dazu ab dem fünften Tag einen Teelöffel Honig. Zu Beginn wird der Darm mit einem Abführmittel entleert, das nimmt den Hunger. Alle zwei Tage benötigen Sie einen Einlauf, denn wegen der fehlenden Nahrung bleiben die Darmbewegungen aus.

Das klingt unangenehm.

Es ist auch sehr anstrengend für den Körper, zumal Sie unbedingt rausgehen und sich bewegen sollten, damit Ihre Muskeln nicht abgebaut werden. Aber wer einen starken Willen hat, schafft das. Ähnlich effektiv ist es laut Studien, drei Wochen lang nur 600 bis 800 Kilokalorien am Tag zu sich zu nehmen. Oder Sie entscheiden sich fürs "Intervallfasten": An fünf Tagen in der Woche essen Sie normal, an zwei Tagen nur 500 oder 600 Kilokalorien. Das könnte sogar günstiger sein, wenn Sie es immer wieder machen, weil sich damit mehr Fastentage ergeben als etwa bei einer Nulldiät einmal im Jahr.

Was bedeutet Fasten für die Diabetestherapie?

Klären Sie als Erstes mit Ihrem Arzt, ob Sie überhaupt fasten dürfen. Für Typ-1-Diabetiker etwa ist eine Nulldiät nicht geeignet. Stimmen Sie sich auch während des Fastens eng mit dem Arzt ab. Er muss die Behandlung mit Medikamenten und Insulin anpassen. Wichtig ist auch häufiges Blutzuckermessen. Wird Leberfett abgebaut, sprechen die Körperzellen wieder besser auf Insulin an. Deshalb kommen Diabetiker oft noch ein Jahr nach dem Fasten mit weniger Tabletten oder Insulin aus.

Nimmt man durch Fasten auch ab?

Von meinen zwölf Kilo Gewichtsverlust in 14 Tagen Nulldiät waren sechs Monate später sieben Kilo wieder drauf. Man verliert aber nicht nur Fett, sondern auch Flüssigkeit, die nach dem Fasten zurückkommt — bei mir bis zu vier Kilo. Doch ums Abnehmen geht es nicht. Selbst wenn Sie nach einem Jahr wieder bei Ihrem alten Gewicht sind, hat sich durch den veränderten Stoffwechsel die Insulinempfindlichkeit verbessert.

Wer darf fasten, wer nicht?

Kinder und Schwangere sollten grundsätzlich nicht fasten, auch bei Typ-1-Diabetes ist das Risiko zu hoch. Kurz nach einem Herzinfarkt oder bei einer schweren Erkrankung kommt Fasten nicht infrage. Ansonsten kann im Prinzip jeder Typ-2-Diabetiker fasten. Vielleicht raten Ärzte künftig den meisten unserer Diabetes-Patienten noch vor einer Behandlung zum Fasten. Denn nur wenn das Leberfett weg ist und sich die Insulinempfindlichkeit verbessert hat, können Lebensstiländerungen und Medikamente richtig wirken!

Intervallfasten: So geht‘s

5:2-Methode:
Sie essen fünf Tage in der Woche normal, an zwei Tagen nur 500 bis 600 kcal — z. B. Gemüsesuppe.
16:8-Methode:
Sie nehmen Ihre normalen Mahlzeiten innerhalb von acht Stunden ein und fasten den Rest des Tages — z. B. von 17 bis 9 Uhr. Auch damit lässt sich Leberfett abbauen.


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