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Zuckerkonsum: "Ein Zuckerwürfel weniger reicht nicht"

Die Apothekerin und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) Barbara Bitzer fordert eine deutlichere Kennzeichnung von Lebensmitteln

von Tina Haase, 03.07.2019
Zuckerwürfel

Wie hat es die Zuckerlobby in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, mehr und mehr Zucker in die Produkte zu schleusen?

Zucker ist ein billiger Rohstoff. Deshalb verarbeiten ihn die Firmen gerne. Er steckt wider Erwarten sogar in Fertigprodukten wie Pizza, Krautsalat und Rotkohl. Die Lebensmittelindustrie hat uns quasi anerzogen, immer süßer und süßer zu essen. Das macht dick und krank.

Die Politik kennt das Problem. Warum ändert sie nichts?

Die Zuckerlobby ist ­extrem stark. Leider bewertet die Politik wirtschaftliche Inte­ressen immer noch höher als gesundheitliche Aspekte. Ich habe für die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) am runden Tisch mit unserer Bundesernährungsministerin Julia Klöckner gesessen, um eine Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln zu entwickeln. Die DDG hat viel wissenschaftliche Expertise in die Gespräche eingebracht, Maßnahmen vorgeschlagen.

Barbara Bitzer

Und das Ergebnis …

… ist völlig unzureichend. Die Industrie soll sich freiwillig Ziele setzen und hat Zeit, sie bis 2025 zu erreichen. Die ersten Selbstvereinba­rungen liegen vor: Die Zuckermenge in Softdrinks soll um 15 Prozent reduziert werden. Das ist quasi ein Zuckerwürfel weniger pro Glas Cola. In Frühstückscerealien für Kinder sollen 20 Prozent weniger Zucker drinstecken. Sie enthalten jetzt bis zu 43 Prozent davon. Reduziert man um 20 Prozent, ist man immer noch bei 30 Prozent Zucker pro 100 Gramm. Die Ziele sind viel zu gering.

Hat sich die DDG deshalb aus dem Begleitgremium für die Reduktionsstrategie verabschiedet?

Ja. Die Fachgesellschaften haben keinen Einfluss auf konkrete Zielvereinbarungen. Wir sollen lediglich über­wachen, ob die Umsetzung der Reduktionsstrategie etwas bringt. Aber was soll man denn da bitte über­prüfen? Nachbesserungen sind im Moment nicht angedacht. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht mehr an den runden Tisch setzen. Wenn Frau Klöckner weitere Maßnahmen ins Auge fasst, etwa eine Lebensmittelkennzeichnung, sind wir gerne bereit mitzuarbeiten.

Welche Maßnahmen ­schlagen Sie vor?

Wir sehen sehr schön an Beispielen aus anderen Ländern, etwa Großbritannien, wie man viel schneller und wirksamer gesündere Produkte auf den Markt bringen könnte. Nachdem dort die Zuckersteuer angekündigt wurde, haben alle namhaften Hersteller innerhalb von zwei Jahren ihre Rezepturen verändert. Sie haben den Zuckergehalt teilweise um bis zu 50 Prozent gesenkt. Wir schlagen eine gestaffelte Mehrwertsteuer vor.

Wie soll sie aussehen?

Gesunde Produkte wie Obst und Gemüse sollten steuerfrei sein. Ungesunde Lebensmittel mit sehr viel Zucker und Fett, etwa ­Fertiggerichte, müssten mit 19 Prozent ­besteuert werden. Und Softdrinks mit 29 Prozent.

Wie wichtig ist die Kennzeichnung der Lebensmittel?

Sehr wichtig. Auf der Vorder­seite des Produktes muss, idealerweise durch eine Farbskala oder ein Ampel­system — grün, gelb, rot —, direkt erkennbar sein, ob es sich um ein gesundes oder ungesundes Produkt handelt.

Was muss getan werden, damit unsere Kinder gesünder essen?

An Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel sollte verboten werden. Es ist nachgewiesen, dass Kinder, die solche Werbung sehen, mehr Kalorien zu sich nehmen. Auch verbindliche Standards für das Schulessen, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bereits erstellt hat, sind wichtig. Umgesetzt werden sie allerdings erst in wenigen Bundesländern.

Sie haben Pharmazie ­studiert. Was können Apotheken beitragen?

Die Mitarbeiter dort kennen ihre Stammkunden, sehen sie oft schon, bevor sie zum Arzt gehen. So können Apotheker frühzeitig beraten, etwa zum Thema Ernährung. Apotheken sind also enorm wichtig für die Prävention von Diabetes.


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