Geh-Training für die Beingefäße

Viele Menschen mit Diabetes leiden an verengten Beingefäßen. Was bei der arteriellen Verschlusskrankheit (AVK) hilft
von Daniela Pichleritsch, 20.09.2017

Arterielle Verschlusskrankheit (AVK): Gehtraining und Risikofaktoren behandeln

F1online/Image Source/David Jakle

Gestern fuhr ihm schon nach 300 Metern ein stechender Schmerz in die Wade. Doch heute ist ein guter Tag. 500 Meter hat Joachim K. (80) bereits hinter sich gebracht, ohne dass ihm die Beine wehtaten. Flott marschiert er durch einen Park in Berlin-Zehlendorf. In der Hand hält er einen kleinen Taktgeber, der die Schrittfrequenz vorgibt. Schön regelmäßig soll Joachim K. ausschreiten. "Befehl vom Chef", schmunzelt der Typ-2-Diabetiker.

Der "Chef": Das ist Sporttherapeut Dr. Frank-Timo Lange. Der Sportwissenschaftler vom Gesundheitszentrum Berlin-Zehlendorf leitet die Gefäßsportgruppe, zu der auch Joachim K. gehört. Einmal pro Woche treffen sich die sechs bis zwölf Teilnehmer. Los geht’s mit einer halben Stunde Gymnastik in der Turnhalle. Anschließend startet das Gehtraining. Im Freien, bei Wind und Wetter. Das Ziel: immer längere Gehstrecken zu bewältigen, ohne dass die Beine schmerzen.

Die Pein kommt beim Laufen

Verengen sich die Beinarterien – meist infolge einer Gefäßverkalkung durch Diabetes, Rauchen oder Bluthochdruck –, gelangt weniger Blut zu den Muskeln. Je nach Ausmaß der Verengung kann das zu unterschiedlichen Symptomen führen. Anfangs spürt man oft gar nichts, später treten nach einer gewissen Gehstrecke Schmerzen auf. Der Grund: Die verengten Gefäße können den gesteigerten Energiebedarf der Muskeln nicht mehr decken. Typischerweise lassen die Schmerzen nach, wenn man stehen bleibt und verschnauft. Unbehandelt kann die arterielle Verschlusskrankheit (AVK), wie Ärzte die Durchblutungsstörung nennen, zu schweren Komplikationen bis hin zur Amputation führen.

Die Basisbehandlung der AVK besteht zum einen darin, alles zu unterlassen, was den Gefäßen schadet (Rauchen!), und für optimale Blutdruck-, Cholesterin- und Blutzuckerwerte zu sorgen. Denn dieses Trio aus Druck, Fett und Zucker ist Gift für die Arterien – nicht nur in den Beinen. "Die zweite Säule der Therapie ist das Gehtraining, vor allem wenn die Gefäßverengung noch nicht so weit fortgeschritten ist, dass sofort ein Eingriff nötig ist", erklärt Lange.

Operation bei verengten Beinvenen

Manchmal ist ein Gehtraining allerdings nicht möglich. Treten zum Beispiel schon in Ruhe Schmerzen auf oder besteht ein schlecht heilendes Fußgeschwür, weist das darauf hin, dass die Verengung schon weit fortgeschritten ist. Dann ist ein Eingriff nötig. Der Gefäßspezialist weitet das verengte Gefäß zum Beispiel mit einem Ballonkatheter von innen auf, oder er legt eine Umleitung ("Bypass") – je nach Ort und Ausmaß der Engstelle. "Solche Eingriffe ließen sich durch rechtzeitig begonnenes Gehtraining und eine konsequente Therapie der Risikofaktoren in bis zu acht von zehn Fällen verhindern", sagt  Dr. Clemens Fahrig, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Angiologie am Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Berlin.

Bei diabetesbedingten Nervenschäden benötigt man für das Gehtraining zudem optimal passende Schuhe, mitunter sogar sogenannte Diabetes-Schutzschuhe. Und zwar deshalb, weil sich ansonsten Druckstellen bis hin zu Wundgeschwüren bilden könnten, was es unbedingt zu vermeiden gilt.

Bei Diabetes einmal im Jahr zum Gefäßcheck

Gehen. Pause machen. Weitergehen. Um seine Belastbarkeit immer weiter zu verbessern, läuft Joachim K. seit mittlerweile zwölf Jahren – seit er die Diagnose AVK bekam. In der Gruppe, alleine und zwischendurch auch auf dem Laufband. Die Kosten für das Gehtraining bezahlt seine Krankenkasse. Er selbst muss nur einen kleinen Zuschuss leisten.

Bei Joachim K. hat sich das Training gelohnt: "Ich bin der Operation buchstäblich davongelaufen", sagt er. Joachim K. hatte allerdings auch Glück, dass seine AVK rechtzeitig erkannt wurde. Denn das ist bei Diabetes längst nicht immer der Fall. Weil Diabetes die Nerven schädigen kann, bleiben die warnenden Schmerzen nicht selten aus.

Gut fürs Herz, gut für die Beine

"Auch wenn sie keine Schmerzen haben, sollten Diabetiker deshalb mindestens einmal jährlich ihre Beingefäße untersuchen lassen", rät Dr. Holger Lawall, Gefäßspezialist und Diabetologe aus Ettlingen. Außerdem sollten nach der Diagnose einer AVK andere wichtige Gefäße untersucht werden – etwa die Bauchschlag­ader und die Halsarterien, die zum Gehirn führen, sowie die Herzkranzgefäße.

"Die Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall ist bei Patienten mit AVK drastisch erhöht", sagt Internist Clemens Fahrig. Doch die gute Nachricht: Was unseren Beinen guttut, nützt auch dem Herzen und dem Gehirn. Gute Blutzucker-, Cholesterin- und Blutdruckwerte, der Verzicht auf Zigaretten und regelmäßige Bewegung sind eben die beste Investition in ein langes Leben.

So diagnostiziert der Arzt Durchblutungsstörungen der Beine

Pulse tasten

Der Arzt tastet die Pulse am Fuß, am Knie und in der Leiste. Ein schwacher oder fehlender Puls weist auf Engstellen hin.

Knöchel-Arm-Index

Der Vergleich der Blutdruckwerte an Arm und Knöchel liefert Hinweise auf eine Durchblutungsstörung der Beine.

Sauerstoffpartialdruck

Die Messung zeigt, wie viel Sauerstoff in den Füßen ankommt. Sie hilft dem Arzt, den Schweregrad einer Durchblutungsstörung ab­zuschätzen.

Farbduplex-Sonografie

Wo und wie stark sind die Gefäße verengt? Das prüft der Arzt per Ultraschall. Der Befund hilft zum Beispiel dabei, die am besten geeignete Therapie zu ermitteln.


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