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Mein Arzt und ich

Warum gute Kommunikation zwischen Patient und Arzt so wichtig ist – und was beide tun können, damit sie sich besser verstehen

von Dr. Sabine Haaß, 04.03.2019
Mein Arzt und ich

Fachbegriffe, Medikamente, Laborwerte: Manche Patienten fühlen sich beim Arztbesuch überfordert und eingeschüchtert


Die Arzthelferin holt Sie ins Sprechzimmer. Der Doktor nickt Ihnen zu. Ein paar Fragen seinerseits zu Ihren Beschwerden, Sie antworten. Dann erklärt er Ihnen etwas, reicht Ihnen ein Rezept — und schwups sind Sie wieder draußen. So richtig verstanden haben Sie nicht, warum Sie dieses Medikament unbedingt brauchen. Außerdem wollten Sie ihm doch von den Kopfschmerzen erzählen, die Sie ab und zu plagen. Alles vergessen in der Aufregung…

Eine Situation, wie sie so oder ähnlich wohl schon viele Patienten erlebt haben: Bei einer Umfrage für das "Healthcare-Barometer 2018" zeigten sich zwei Drittel von 1000 Bundesbürgern unzufrieden mit dem Arztbesuch. Die Hauptgründe: Ärzte hätten zu wenig Zeit und würden sie als Patienten nicht ernst nehmen. Durchschnittlich sieben Minuten und 36 Sekunden dauert der Besuch im Sprechzimmer eines deutschen Hausarztes, so eine internationale Vergleichsstudie der Universität Cambridge. Und jeder vierte gesetzlich Krankenversicherte kann einer Untersuchung der AOK zufolge mit den Informationen seines Arztes nichts anfangen oder versteht nicht, wie er verschriebene Medikamente einnehmen soll.

Mein Arzt und ich

Dabei spielen das Arzt-Patienten-Verhältnis und die Kommunikation zwischen beiden eine große Rolle für den Erfolg einer Behandlung und damit für die Gesundheit des Patienten. Wer sich beim Arzt zu schnell abgespeist, nicht für voll genommen oder überfordert fühlt, reagiert nicht nur verunsichert oder frustriert. Er neigt auch eher dazu, verordnete Arzneimittel nicht anzuwenden oder den Rat des Arztes in den Wind zu schlagen.

Auch der Arzt braucht Infos

Umgekehrt ist der Arzt darauf angewiesen, von seinem Patienten so viele Informationen zu erhalten, dass er eine geeignete Therapie empfehlen kann. Bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes, die lebenslang behandelt werden müssen, ist eine vertrauensvolle Beziehung besonders wichtig. Patienten, die über ihre Diabetesmedikamente gut Bescheid wissen, haben bessere Blutzuckerwerte. Und wer jahrelang regelmäßig zum selben Arzt geht, lebt länger und muss seltener ins Krankenhaus.

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Woran hapert es, wenn die Kommunikation zwischen Arzt und Patient zu wünschen übrig lässt? Die Fehler nur beim Doktor zu suchen greift zu kurz: "Kommunikation ist keine Einbahnstraße", betont Professorin Dr. Marie-Luise Dierks, Leiterin der Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule Hannover. Zu einem Gespräch gehören immer zwei. "Auch Patienten können viel zum gegenseitigen Verständnis beitragen", sagt Dierks. Dafür sorgt die Patientenuniversität: Sie vermittelt in Vorträgen und Kursen, aber auch auf ihrer Webseite nicht nur aktuelle medizinische Kenntnisse, sondern auch Kompetenz im Umgang mit unserem Gesundheitssystem. Zum Beispiel, wie man sich auf einen Praxistermin vorbereitet und erfolgreich mit dem Arzt kommuniziert.

Dazu gehört auch das Wissen um die eigenen Rechte. Der Arzt ist verpflichtet, Patienten über die Vor- und Nachteile einer Behandlung, Alternativen und Erfolgsaussichten aufzuklären und zum Schluss ihre Zustimmung einzuholen. Denn "in der Medizin findet mittlerweile ein Umdenken statt", sagt Professor Dr. Norbert Schmacke, Arzt und Versorgungsforscher an der Universität Bremen: "weg vom folgsamen Patienten, der tut, was ihm der Arzt sagt, hin zum gut informierten, der gemeinsam mit dem Arzt über seine Therapie entscheidet".

Den Patienten ausreden lassen

Im Alltag funktioniert das jedoch nicht immer, räumt Schmacke ein. Nach wie vor gibt es Ärzte, die sich hinter ihrem Schreibtisch verbarrikadieren, Patienten nur anhand von Symptomen wahrnehmen und sie beim Schildern ihrer Beschwerden früh — nach durchschnittlich 15 Sekunden — unterbrechen. Nicht gerade vertrauensbildend, findet Dr. Thomas Kühlein, Professor für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Erlangen und Hausarzt mit Leib und Seele. "Patienten sind häufig schüchtern", sagt er. "Der Arzt sollte sie erst mal ausreden lassen. Und immer fragen, wie es ihnen geht, auch wenn nur die Besprechung der Laborwerte ansteht." Inzwischen sind Techniken für das Patientengespräch Teil der ärztlichen Ausbildung. Wenn Ärzte gut zuhören, geschickt nachfragen und verständlich erklären, lässt sich sogar Gesprächszeit einsparen.

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Ein Patient sollte außerdem von seinem Arzt erwarten können, so Kühlein, dass er höflich behandelt wird, alles gut erklärt bekommt, dass er dem Arzt auch widersprechen darf, ohne dass dieser beleidigt reagiert. Und dass sich der Arzt am Ende rückversichert, ob ihn sein Patient richtig verstanden hat. Im Gegenzug darf der Mediziner ebenso mit Höflichkeit und mit pünktlichem Erscheinen rechnen. "Hilfreich für das Gespräch ist es, wenn Patienten sich darauf vorbereiten: zum Beispiel auf einem Zettel ihre Beschwerden und dringende Fragen notieren", rät Marie-Luise Dierks.

Sie empfiehlt Patienten, die mit Beschwerden zum Arzt gehen, Antworten auf folgende wesentliche Fragen einzuholen: Was ist mein Hauptproblem? Was muss jetzt gemacht werden? Und warum ist es wichtig, dass das jetzt gemacht wird? Was passiert, wenn ich nichts unternehme? Was würden Sie tun, wenn Sie selbst betroffen wären? Und: Was kann ich zur Besserung beitragen? "Wenn ich als Patient verstanden habe, warum eine Therapie nötig ist, halte ich mich auch eher daran", sagt Dierks. "Immer nachfragen! Es ist Aufgabe des Arztes, Ihnen zu helfen."

So sind Sie gut vorbereitet auf den Arztbesuch

Nehmen Sie Berichte, Laborwerte, ­Röntgenbilder und sonstige Befunde von anderen Ärzten mit.

Schreiben Sie auf, welche Medika­mente Sie wann und wie oft einnehmen, einschließlich rezeptfreier Arzneimittel.

Notieren Sie sich die wichtigsten Punkte für das Gespräch:

  • Welche Beschwerden haben Sie? Seit wann? Sind sie schlimmer geworden?
  • Ist etwas vorgefallen, was für den Arzt wichtig sein könnte?
  • Vermuten Sie, dass Sie ein Medikament nicht vertragen oder dass es nicht wirkt?

Wenn Sie sich unsicher sind: Bitten Sie einen Vertrauten, Sie zu begleiten.

Das Internet kann sinnvoll ergänzen

Viele Menschen nutzen das Internet, um sich schon vor dem Gespräch über ihre Beschwerden schlauzumachen. Das sollte der Arzt akzeptieren — solange sie nicht mit einem Stapel Ausdrucke und einer vorgefassten Meinung kommen. "Sprechen Sie den Arzt offen auf die Informationen an, die Sie gefunden haben, gerade wenn Ihnen dieses Wissen Sorgen bereitet", rät Expertin Dierks. "Und fragen Sie ihn nach zuverlässigen Webseiten zum Nachlesen." Wer eine chronische Krankheit wie Diabetes hat und darüber im Bilde sein will, profitiert von der Teilnahme an einem Disease-Management-Programm seiner Krankenkasse. "Diese Patienten erhalten gute Informationsbroschüren von der Kasse und haben Anspruch auf Schulungen", sagt Norbert Schmacke. "Damit sind sie von ihren Kenntnissen her in der Lage, auf Augenhöhe mit ihrem Arzt zu reden."

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Und wenn es trotz aller Bemühungen nicht klappt mit dem guten Draht zum Arzt? "Dann suchen Sie sich besser einen neuen", sagt ­Dierks. Dabei hilft die Weiße Liste (www.weisse-liste.de); Kriterien für die Auswahl einer Praxis finden Sie auf den Checklisten der Patientenuniversität (www.patien­­ten-universitaet.de). Zögern Sie den Wechsel nicht hinaus — Ihrer Gesundheit zuliebe!


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