Leben nach dem Herzinfarkt

Von Menschen, die einen Herzinfarkt überlebt haben, lässt sich viel lernen. Wenn man Diabetes hat, ist es besonders wichtig, ihm vorzubeugen. Die besten Tipps

von Alexandra von Knobloch, Rieke Winter , 10.10.2018
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Zufallsdiagnose: Bei Wilfried H. wurde nach dem Herzinfarkt Typ-2-Diabetes festgestellt


Danach läuft vieles besser: Plötzlich gehen sie regelmäßig zum Arzt, achten auf mehr Bewegung, bessere Ernährung: Patienten, die einen Herzinfarkt überlebt haben. Auch die Männer und Frauen in diesem Beitrag haben einen Infarkt überstanden und zum Anlass genommen, in ihrem Leben die Weichen neu zu stellen.

Von diesen Menschen lässt sich lernen. Denn sie machen sehr viel richtig. Allerdings, so appellieren Ärzte, sollten Menschen mit Diabetes sofort nach der Diagnose des Diabetes gut auf sich achten — und nicht erst, wenn die Blutgefäße so angegriffen sind, dass man durch einen Infarkt in Lebensgefahr gerät.

Aus gutem Grund: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Menschen mit Diabetes. Herzinfarkte treten bei ihnen zwei- bis dreimal so oft auf wie bei Menschen ohne Dia­betes. Das Risiko steigt bereits bei Vorstufen: wenn der Zuckerstoffwechsel gestört ist, aber noch kein Diabetes vorliegt.

Risikofaktor Diabetes

Professor Dr. Wolfgang Motz findet dafür dramatische Worte: "Dia­betes ist ein Brandbeschleuniger." Der Kardiologe leitet das Herz- und Diabeteszentrum "Klinikum Karls­burg" in Mecklenburg-Vorpommern. Er weiß: Über die typischen Infarktrisiken — Bluthochdruck, schlechte Blutfettwerte und Zigarettenkonsum — sind viele Diabetiker heute unterrichtet. Wie sehr der Dia­betes das Herz bedrohe, finde aber zu selten Beachtung.

Sowohl Typ-1- als auch Typ-2-Dia­betes steigern nicht nur das Risiko für einen Infarkt durch einen Gefäßverschluss in den Herzkranzgefäßen. "Die Chancen zu überleben stehen mit Diabetes schlechter", erklärt Professor Dr. Diethelm Tschöpe, Klinikdirektor der Dia­betologie am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: "Das Risiko lässt sich wirksam eindämmen, wenn man rechtzeitig und richtig dagegen vorgeht", betont Tschöpe, zusätzlich Vorsitzender der Stiftung "Der herzkranke Diabetiker" in der Deutschen Diabetes Stiftung.

Sich selbst schützen

Mit diesen Schritten schützen Sie sich selbst: Wichtig ist zunächst, das individuelle Gefäßrisiko zu bestimmen. Dafür spielen das Alter und die familiäre Vorgeschichte ebenso eine Rolle wie Gewicht, Blutdruck, Cholesterinwerte, Rauchen, Essgewohnheiten und körperliche Aktivität. Vor allem Typ-2-Diabe­tiker haben zum Zeitpunkt der Diagnose oft schon Folgekrankheiten. Diese sollte man so gut wie möglich behandeln. "Was zählt, ist, das gesamte Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirksam zu senken", sagt ­Tschöpe. Die optimale Zuckerkontrolle wird dabei zu einem Baustein unter mehreren, individuell abzustimmenden Therapiemaßnahmen.

Was eine sorgfältige, alle Risiken berücksichtigende Diabetes-Therapie bewirken kann, belegt die Statistik: So ist für einen älteren Typ-1-Patienten das Herzinfarkt-Risiko deutlich niedriger, wenn der Diabetes die Jahrzehnte zuvor gut behandelt wurde. Und auch bei Typ-2-Diabetes gilt: Patienten können bis ins hohe Alter herzgesund bleiben, wenn sie die Weichen für die Therapie richtig stellen. "Besonders kritisch scheint die Risikolage zwischen 40 und 60 Jahren", sagt Professor Dr. Michael Roden, Direktor des Deutschen Diabetes-Zentrums in Düsseldorf. Sich früh genug beim Arzt durchchecken zu lassen und konsequent etwas für die Gesundheit zu tun, zahlt sich später in jedem Fall aus.

Doch selbst wenn bereits eine Herzkrankheit vorliegt, lässt sich noch Etliches tun.

Gut für sich sorgen

Lassen Sie sich regelmäßig vom Arzt untersuchen, damit Probleme rechtzeitig erkannt werden. Zu Ihrer Herzgesundheit können Sie aber auch selbst viel beitragen. Dazu gehört, sich ausreichend zu bewegen, sich gesund zu ernähren, Übergewicht abzubauen und unbedingt mit dem Rauchen aufzuhören. Sehr wichtig ist es, die verordneten Medikamente regelmäßig zu nehmen: Denn ein gut eingestellter Blutdruck senkt das Risiko für einen Herzinfarkt. Cholesterinsenker sorgen für gute Blutfettwerte und dafür, dass sich weniger Plaques in den Blutgefäßen absetzen (siehe Grafik unten).

Außerdem sollten Sie die Vorläuferzeichen und Warnsymptome für einen Infarkt kennen und schon beim leisesten Verdacht den Notarzt (112) rufen.

Symptome nicht ignorieren!

In vielen Fällen signalisiert der Körper schon länger vor einem akuten Herzinfarkt, dass etwas nicht stimmt. Meist geht dem Infarkt nämlich eine koronare Herzkrankheit (KHK) voraus. KHK bezeichnet die Verkalkung der Herzkranzgefäße, die den Herzmuskel versorgen (siehe Grafik unten). Ein Warnzeichen dafür können Schmerzen in der Brust sein, die nach Anstrengung, aber auch in Ruhe auftreten. Dies sollten Sie unbedingt abklären lassen.

Typische Symptome eines akuten Infarkts sind Schmerzen oder ein Druckgefühl in der Brust, Atemnot, Kaltschweißigkeit, oft auch große Angst und Übelkeit. Doch gerade Diabetiker, alte Menschen und Frauen haben die typischen Brustschmerzen häufiger nicht. Ihnen ist vielleicht nur übel, sie schwitzen und fühlen sich auf einmal schwach.

In jedem Fall gilt: Besteht auch nur der geringste Verdacht auf einen Herzinfarkt, müssen Sie den Notarzt rufen (112). "Hören Sie auf Ihren Körper", warnt Kardiologe Motz.

Das passiert bei einem Herzinfarkt

Arteriosklerose, die Gefäßverkalkung, gilt als Hauptursache für einen Herzinfarkt (um zu sehen, wie sie entsteht, bitte auf die Start-Taste unten links klicken). Ist ein Gefäß verstopft (siehe erstes Bild), werden die Bereiche des Herzens, die das Gefäß ­versorgt, nicht mehr ausreichend durch­blutet. Ohne Behandlung stirbt das betroffe­ne Muskelgewebe ab.

Sportgerät

Wilfried H. (68 Jahre): "Ich musste dreimal wiederbelebt werden"

"Es war im August 2006, ein Fußball­turnier für Männer über 50. Ich wollte mich nach einer kurzen Pause zu den anderen auf die Bank setzen. Dann wurde es dunkel. Ich bin einfach umgekippt. Zum Glück war in einer gegnerischen Mannschaft ein Arzt. Der hat mich eine Viertelstunde lang wieder­belebt, bis der Krankenwagen da war. ­Unterwegs hat mich der Notarzt noch zweimal zurückgeholt.

Ich bekam drei Stents eingesetzt, danach ging es zur Reha. Doch bei einer Nach­untersuchung stellten die Ärzte fest, dass ein weiterer Eingriff nötig war. Ich wurde in die Herzklinik nach Bad Oeynhausen überwiesen. Dort wurden mir Bypässe gelegt — und ich erfuhr, dass ich Typ-2-Dia­betes habe. Ich komme damit gut zurecht, nehme Tabletten, die den Blutzucker senken. Klar bin ich ein wenig eingeschränkt. Fußball spiele ich immer noch, aber nicht mehr leistungsorientiert, sondern nur noch als Hobby. Und ich bin viel ruhiger geworden. So schnell bringt mich nichts mehr auf die Palme. Wenn man innerhalb eines halben Jahres 112 Tage in Kliniken verbringt, denkt man über vieles nach und fragt sich: Was kann ich anders machen?"

Wohnzimmer

Adelheid B. (57 Jahre): "Meine Arme waren wie abgestorben"

"Ich hatte mich gerade aufs Sofa gesetzt. Nach einem Tag im Wald wollte ich den Abend ausklingen lassen. Aber plötzlich waren meine Arme wie abgestorben. Dazu Druck auf der Brust, brennende Kälte im Hals, Benommenheit, Übelkeit und dauernd dieser trockene Mund. Mir ging es schlecht. Doch an einen Herzinfarkt dachte ich nicht. Ich legte mich hin, wachte wieder auf — und fühlte mich immer noch schlecht. Um halb vier morgens fuhr mich mein Mann in die Notaufnahme. Dort stellten die Ärzte fest, dass ich einen Herzinfarkt hatte. Ich brauchte drei Bypässe, damit der Blutkreislauf um mein Herz wieder funktionierte. Klar hätte ich den Infarkt früher bemerken können. Doch ich hatte nicht damit gerechnet, weil ich vier Tage zuvor erst beim Kardiologen war — ich leide unter Vorhoffflimmern. Nach dem Infarkt wusste ich: Ich muss besser auf mich aufpassen. In der Reha nahm ich fünf Kilo ab, danach fünf weitere. Unter der Woche koche ich jetzt kalorienärmer. Und ich bewege mich mehr: Spazieren gehen, Muskeln aufbauen, Radeln mit dem E-Bike und Gartenarbeit. Ich komme eigentlich jeden Tag an die frische Luft."

 

Fitnessstudio

Thomas M. (64 Jahre): "Meinen ersten Infarkt hatte ich beim Rasenmähen"

"Den ersten Herzinfarkt bekam ich 2011 beim Rasenmähen. Ich hatte starke Schmerzen in der Brust, die in den linken Arm aus­strahlten. Ich war schon immer hart im Nehmen und habe mich erst am nächsten Morgen ins Krankenhaus fahren lassen. Dort wurden ein Infarkt und ein Typ-2-Diabetes festgestellt, gegen den ich zunächst Tabletten erhielt. 2014 hatte ich einen zweiten Infarkt. Damals haben die Ärzte mir einen Defibrillator und einen Herzschrittmacher eingesetzt. Anfang dieses Jahres hat es mir dann gereicht. Ich habe angefangen, Sport zu machen: fünfmal pro Woche Ausdauer- und Muskeltraining im Fitnessstudio. Außerdem esse ich gesünder und verzichte zum Beispiel auf Industriezucker: keine Süßigkeiten, kein Kuchen, keine gezuckerten Getränke. Für mich funktioniert das sehr gut. Mein ­Blutdruck und mein Puls sind super, mein Blutzucker ist deutlich niedriger. Insulin spritze ich heute wesentlich weniger. Ich kann wirklich nur jedem raten, Sport zu treiben und auf die Ernährung zu achten."

Entspannter aus der Klinik

Seit Oktober 2017 gibt es ein neues Entlassmanagement für Klinikpatienten. Seitdem, sagt Dr. Martina Gerhardt, Apothekerin aus Berlin, "­übernehmen die Kliniken die Organisation der Anschlussversorgung, falls der Patient zustimmt". Erstmals dürfen Klinikärzte nun etwa auch Medikamente verordnen, um die Therapie bis zum Termin beim eigenen Arzt sicherzustellen. "Die Rezepte müssen innerhalb von drei Werktagen nach der Entlassung in der Apotheke vorgelegt werden", erklärt Gerhardt. Patienten erhalten die ­kleinste­ verfügbare Arzneimittel­packung bzw. Hilfs- oder Verbandmittel für maximal eine Woche. "Ist jemand schlecht zu Fuß, liefern die Apotheken auch." Ein Anruf genügt.

 


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