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Rückkehr zum Spritz-Ess-Abstand?

Schnelle Analoginsuline sollten den Spritz-Ess-Abstand unnötig machen. Doch die Erfahrung zeigt, dass die Werte mit einer Wartezeit oft besser sind

von Daniela Pichleritsch, 30.07.2020

Das ­Mahlzeiteninsulin spritzen und sofort frühstücken: "Guter Plan, klappt bei mir aber nicht", sagt Tom Fischer (29). Der Typ-1-Diabetiker wartet nach der Insulininjektion einige Minuten, bevor er seinen Haferbrei mit Früchten löffelt. Sonst schießt sein Blutzucker nach oben. Und braucht zwei Stunden, um sich wieder zu normalisieren. "Obwohl ich ein Turbo-Insulin verwende, für das angeblich kein Spritz-Ess-Abstand nötig ist", sagt der Bankkaufmann.

Geduldsprobe vor dem Essen

Der Spritz-Ess-Abstand, kurz SEA, ist die Zeitspanne zwischen Insulin­­injektion und Mahlzeitenbeginn. Er spielt eine Rolle für alle Menschen mit Typ-1-Diabetes und für jene mit Typ 2, die ein Mahlzeiteninsulin spritzen. Bis vor rund 25 Jahren rieten Ärzte grundsätzlich dazu, einen Spritz-Ess-Abstand einzuhalten. Um den Insulinbedarf für die Mahlzeit abzudecken, gab es damals nur Normalinsulin. Bis das seinen Weg aus dem Fettgewebe ins Blut gefunden hatte und die Wirkung einsetzte, dauerte es eine Weile. Das bedeutete: sich nach dem Spritzen etwa eine halbe Stunde gedulden, bevor man essen durfte. Durch diesen Vorsprung gelangt das Insulin ins Blut, bevor die Kohlenhydrate den Blutzucker in die Höhe jagen.

1996 kam das erste schnell wirkende Analoginsulin auf den Markt — und mit ihm sollte das Warten ein Ende haben. Diese Insuline, so das Versprechen der Hersteller, gelangten so rasch ins Blut, dass sie direkt zum oder kurz nach dem Essen gespritzt werden könnten. Auch Studien deuteten da­rauf hin, dass der Spritz-Ess-Abstand mit den neuen Insulinen unnötig war.

Kurz erklärt im Video: Wie spritze ich richtig Insulin?

Entgleisungen erkennen

"In den letzten Jahren hat sich zunehmend herausgestellt, dass dies nicht immer stimmt", sagt der Münchner Dia­betologe Dr. Helmut Pillin. Mittlerweile tragen viele Menschen mit Diabetes Typ 1 und auch manche mit Typ 2 ein System zur kontinuierlichen Zuckermessung (CGM oder FGM). Dabei misst ein Sensor ständig den Zuckergehalt im Unterhautfettgewebe. Der Nutzer kann sich die Daten etwa als Verlaufskurve anzeigen lassen. So bleibt keine Entgleisung unbemerkt. "Dank der neuen Systeme wissen wir, dass auch bei schnell wirkenden Analoginsulinen oft ein Spritz-Ess-Abstand sinnvoll ist", sagt Pillin. Das gelte auch für das bislang schnellste aller Insuline, das 2017 auf den Markt kam.

Zuckergipfel verhindern

Auch Tom Fischer kam seinen Zuckergipfeln nach dem Frühstück erst auf die Schliche, nachdem er sich ein System zur kontinuierlichen Zuckermessung zugelegt hatte: "Als ich das erste Mal meine Zuckerkurve auf der Anzeige gesehen habe, bin ich erschrocken — das sah aus wie der Himalaja. Dabei war ich so stolz auf meine guten Werte, aber die waren nur Momentaufnahmen vor dem Essen", sagt er. Erst versuchte er die Dosis des Mahlzeiten­insulins zu erhöhen. "Dadurch bin ich aber vor dem Mittagessen in den Unterzucker gerutscht", sagt Fischer.

Seit er einen Spritz-Ess-Abstand von 15 Minuten einhält, kann sich seine Zuckerkurve sehen lassen: Der Wert steigt nach der Mahlzeit höchstens auf 180 mg/dl (10 mmol/l) — nicht wie vorher auf bis zu 250 mg/dl (13,9 mmol/l). Zum Vergleich: Auch Stoffwechselgesunde haben nach dem Essen leicht erhöhte Werte, meist unter 140 mg/dl (7,8 mmol/l). Je nach Mahlzeit können die Werte auch für kurze Zeit auf über 160 mg/dl (8,9 mmol/l) steigen. Das haben Studien mit der kontinuierlichen Glukosemessung gezeigt.

Gefäße schützen

Auf gute Werte nach dem Essen (postprandial) zu achten lohnt sich. Viele Studien liefern Hinweise darauf, dass nicht nur dauerhaft zu hohe Zuckerspiegel den Gefäßen zusetzen können, sondern auch kurzfristige Zuckerspitzen. Studien fanden zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen erhöhten postprandialen Werten und Netzhautschäden sowie Herzkrankheiten.

Bei Diabetes liegen die Werte ein bis zwei Stunden nach der Mahlzeit idealerweise bei maximal 160 bis 180 mg/dl (8,9 bis 10,0 mmol/l). "Die anzustrebenden Werte vereinbart man aber immer individuell mit dem Arzt", sagt Dr. Bernhard Lippmann-­Grob, leitender Oberarzt an der Diabetes-Klinik Bad Mergentheim. "Sind die Werte oft zu hoch, hilft das Diabetesteam dabei herauszufinden, ob es an einer zu niedrigen Insulindosis liegt oder an einem zu kurzen SEA." Eine Auswertung mehrerer Studien ergab, dass sich die Werte nach dem Essen deutlich bessern, wenn man bei schnell wirkenden Analoginsulinen einen Spritz-Ess-Abstand von 15 bis 20 Minuten einhält (Drück-Ess-Abstand bei Insulinpumpen).

Um etwa 30 % niedriger sind die Werte nach dem Essen, wenn man bei schnell wirkenden Analog­insulinen einen Spritz-Ess-Abstand von 15 bis 20 Minuten einhält

Quelle: Diabetic Medicine 2017

Den perfekten Zeitpunkt finden

"Den optimalen Abstand sollte jeder für sich herausfinden — am besten nähert man sich ihm langsam, etwa in Fünf-Minuten-Schritten", sagt Dia­­betesberaterin Wiebke Kurzawa aus Wolfratshausen. Viele brauchen vor dem Frühstück einen längeren SEA. "Morgens wirkt Insulin oft am schlechtesten", so Kurzawa.

Der Spritz-Ess-Abstand hängt auch von der Mahlzeit ab. So ist bei einer Brezel ohne Butter ein längerer SEA nötig als bei einer Pizza. Fett verzögert die Aufnahme der Kohlenhydrate. In diesem Fall kann es sogar sinnvoll sein, einen Teil des Insulins nach dem Essen zu spritzen. Zudem gilt: Je höher der aktuelle Blutzucker, umso länger der SEA. "Wenn die Werte morgens zu hoch sind, gedulde ich mich nach der Injektion auch mal eine halbe Stunde, bevor ich frühstücke", sagt Tom Fischer. "Das ist mir lieber, als später mit entgleisten Werten ein Kundengespräch zu führen."


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