Mit Diabetes in die Schule

Das letzte Kindergartenjahr läuft, dann kommt Ihr Kind in die Schule. Doch wer kümmert sich dort um den Diabetes? ­Kinderdiabetologin Dr. Jutta Wendenburg ­gibt Rat

von Dr. Sabine Haaß, 02.11.2018
Mädchen malt an der Tafel

Die Einschulung bringt viel Neues mit sich – nicht nur für die Diabetesbetreuung


Was empfehlen Sie Eltern eines Kindes mit Typ-1-­Diabetes, wenn im nächsten Jahr die Einschulung ansteht?

Gleich bei der Anmeldung in der Grundschule sollten Eltern die Schulleitung über den Diabetes informieren. Im Gespräch sollten sie erklären, wie die Therapie des Kindes aussieht und welche Unterstützung dabei nötig ist. Sobald feststeht, wer die Klasse unterrichtet, sollten sie auch mit dem Lehrer reden.

Was kommt da auf den Lehrer zu?

Kinder im Grundschulalter können oft schon gut mit Blutzuckermessgerät und Insulinpumpe umgehen. Trotzdem brauchen sie Hilfe, schon allein beim Ablesen der Zahlen, aber auch beim Interpretieren der Werte und beim Eingeben der Kohlen­hydrate für Mahlzeiten in die Pumpe. Natürlich sollte der Lehrer auch die Anzeichen einer Unterzuckerung kennen und wissen, wie er im Notfall reagieren muss.

Wie groß ist die Hilfsbereitschaft der Lehrer Ihrer Erfahrung nach?

Die Wunschlösung ist immer, dass Lehrer die Diabetes­betreuung übernehmen. Viele tun das auch gern. Aber oft gibt es weitere Kinder mit besonderen Bedürfnissen, etwa mit Asthma oder ADHS, in der Klasse, dann kann die Belastung für den Lehrer zu groß sein. Wenn Lehrer helfen, geschieht das immer auf freiwilliger Basis — sie sind nicht dazu verpflichtet.

Was ist wichtig, um den Lehrern die Zustimmung zu erleichtern?

Zunächst brauchen sie eine etwa zweistündige Schulung. Das nötige Wissen zum Diabetes, zur individuellen Therapie des Kindes und zur Hilfe bei Unter­zuckerung vermittelt in der Regel eine Diabetesberaterin aus der behandelnden Klinik oder Praxis, am besten zusammen mit den Eltern in der Schule.

Kinderzeichnung

Wer bezahlt die Schulung?

Das ist noch immer nicht bundesweit geregelt. Weil Kliniken die Kosten für Schulungen vor Ort nicht mit den Kassen abrechnen können, werden sie meist aus Spendengeldern finanziert. Inzwischen finden in verschiedenen Bundesländern Diabetes-Fortbildungen für Lehrer statt, die etwa der Staat oder die Krankenkassen bezahlen. Diese Gruppenveranstaltungen bieten zwar erste Informationen, ersetzen aber nicht die auf ein einzelnes Kind zugeschnittene Schulung vor Ort.

Was ist sonst noch hilfreich?

Die Eltern sollten konkrete Absprachen zu Blutzuckerkontrolle, Insulingabe und Notfallhilfe mit dem Lehrer treffen und schriftlich in einer Art Vertrag festhalten. Viele Lehrer haben Angst, etwas falsch zu machen und dafür haften zu müssen. Tatsächlich sind sie über die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung auch für den Fall eines Therapie­fehlers abgesichert und von der Haftung befreit. Mutter oder Vater sollten außerdem stets telefonisch erreichbar sein, im Notfall und auch für Nachfragen.

Und wenn Lehrer die Be­treuung trotzdem ablehnen?

Dann haben die Eltern zwei Möglichkeiten. Sie können bei der Krankenkasse einen Pflegedienst beantragen, der zum Messen und Insulingeben in die Schule kommt. Der Pflegedienst erscheint natürlich nur zu festen Zeiten und kann zum Beispiel nicht abwarten, ob ein Kind die Mahlzeit, für die er Insulin gegeben hat, auch aufisst.

Was ist die zweite Möglichkeit?

Wenn es mit dem Pflegedienst nicht klappt oder mehr Aufmerksamkeit nötig ist, können Eltern beim Sozial­amt eine Integra­tions- oder Eingliederungshilfe beantragen, die ihr Kind während der Schulzeit begleitet.

Das ist wohl nicht einfach…

Leider sind die Zuständig­keiten nicht klar festgelegt. Daher werden Eltern häufig von einem Leistungs­träger an den anderen verwiesen und müssen um die Kostenübernahme für Pflegedienst oder Eingliederungshilfe kämpfen. Seit 1. Januar 2018 soll eine Änderung des Bundesteilhabe­gesetzes Abhilfe schaffen: Laut § 14 SGB IX ist jetzt ein Reha-Träger verantwortlich für die Koordination der Leistungen. Das heißt: Krankenkasse und Sozialamt müssen sich untereinander einigen, wer zuständig ist und wer welche Leistung übernimmt.

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Was bedeutet das für Eltern?

Sie sollten ihren Antrag parallel an ­Krankenkasse und Sozialamt richten mit dem Vermerk, dass der Antrag nachrichtlich auch an die jeweils andere Stelle geht, und der Bitte an beide, sich im Hinblick auf § 14 SGB IX zu einigen. Bewilligt das Sozialamt eine Eingliederungshilfe, die sich um den Diabetes kümmert, kann es sich zum Beispiel die Kosten für den Pflegedienst, der damit entfällt, von der Kasse holen. Im Antrag sollten Eltern den gesamten Hilfebedarf ihres Kindes auf­listen. Beilegen sollten sie das ärztliche Rezept für den Pflegedienst und dazu noch ein Begleitschreiben des Diabetologen. So können die Sachbearbeiter im Sozialamt besser nachvollziehen, was ein Kind mit Diabetes braucht.

Wird sich die Lage durch die neue Regelung bessern?

Wir Kinderdiabetologen hoffen es. Ich habe zumindest den Eindruck, dass Schulbegleiter in letzter Zeit eher bewilligt werden.

Dr. Jutta Wendenburg ist Kinderdiabetologin in Jena. Sie engagiert sich gemeinsam mit Kollegen in der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Diabetologie (AGPD) der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) für die Belange von Schulkindern mit Typ 1


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