Wie Achtsamkeit bei Diabetes hilft

Manchmal wächst Patienten der Diabetes über den Kopf. Durch ein Achtsamkeitstraining lernen sie, ausgeglichener zu leben

von Sabine Lotz, 03.09.2015

Hören, Riechen, Fühlen: Mit Achtsamkeit auf das Hier und Jetzt konzentrieren


Viel bewegen, gesund essen, auf Kohlenhydrate achten, Schulungen machen, Blutzucker checken, Medikamente einnehmen, vielleicht sogar Insulin spritzen. Die Krankheit Diabetes fordert viel Raum im Leben des Patienten. Manch einen überfordert das, stresst ihn regelrecht.

"Manche meiner Patienten sind kurz vor dem Burn-out, die Krankheit wächst ihnen über den Kopf", sagt Eva Küstner, die als Fachpsychologin im Diabetes-Zentrum des Sana-Klinikums Offenbach arbeitet. Ihrer Erfahrung nach fällt das Leben mit Diabetes vor allem denjenigen schwer, deren Alltag auch ohne die Krankheit belastet ist: "Wer im Job, in der Partnerschaft oder mit sich selbst Stress hat, dem setzen die Anforderungen des Diabetes besonders zu." Hinzu kommt die Angst vor möglichen Folgeerkrankungen, vor Unterzuckerungen, zudem Selbstvorwürfe, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Nach dem Motto: "Hätte ich nur früher gesünder gelebt!"

Die Krankheit akzeptieren

Was kann helfen, mit der Krankheit besser zurecht zu kommen? "Das Zauberwort heißt Akzeptanz", sagt Eva Küstner. "Wer den Diabetes als Teil des Lebens akzeptieren kann, gerät durch seine Anforderungen nicht so leicht unter Stress." Und wer das nicht kann? "Der kann es bis zu einem gewissen Grad lernen, indem er versucht, sich eine achtsame Lebenseinstellung anzueignen", ist die Diabetes-Fachpsychologin überzeugt.

Achtsamkeit – dieser Begriff ist zur Zeit häufig zu lesen. Er steht für eine akzeptierende, nicht wertende Einstellung zum Leben und zum gegenwärtigen Augenblick. Wer achtsam ist, grübelt weniger über Fehler der Vergangenheit nach, über etwaige Bedrohungen der Zukunft oder mögliche Ursachen von Krankheiten. Er lebt vor allem im Hier und Jetzt, nimmt an, wie es ihm momentan geht, ohne dies emotional zu bewerten. Achtsamkeit kann Menschen auf diesem Weg zufriedener machen, ihnen Lebensfreude zurückgeben und ihnen zeigen, dass beides weniger von äußeren Bedingungen als vielmehr vom eigenen Inneren abhängt.

Stressreduktion in Kursen lernen

Sich voll auf das Jetzt zu konzentrieren, ist nicht leicht. Schnell schweift man gedanklich ab, verliert die Motivation. Deshalb empfiehlt es sich, einen Kurs zu besuchen und zu lernen, was hinter dem Prinzip der Achtsamkeit steckt und wie man die Methode richtig einsetzt. Ihre Wurzeln hat die achtsame Lebenseinstellung in den fernöstlichen Religionen. Inzwischen hat sie aber auch in der modernen Medizin Einzug gehalten. Großen Anteil daran hatte der US-amerikanische Wissenschaftler Jon Kabat-Zinn, der spezielle Schulungen in achtsamkeitsbasierter Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR) entwickelte. Solche MBSR-Kurse werden auch hierzulande angeboten. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten zum Teil. Studien belegen, dass Achtsamkeit etwa Depressionen und chronische Schmerzen lindern kann.

Daneben gibt es unzählige Ratgeber-Bücher, die einen Einblick in das Prinzip der Achtsamkeit bieten. Mittels Apps können Interessierte sich sogar kleine Mitteilungen schicken lassen, die daran erinnern sollen, mehr Achtsamkeit in den Alltag zu bringen. Nötig sind solche Hilfsmittel für eine achtsamere Lebenseinstellung nicht unbedingt. Wem das alles zu aufwendig ist, dem empfiehlt Eva Küstner "einfach immer wieder mal fünf Minuten lang ruhig dazusitzen und sich dabei zu spüren. Wie sitze ich? Wie stehen meine Füße? Wie fühlt sich mein Rücken an? Atme ich ein, atme ich aus? Einfach spüren, dass man lebt!"

Achtsamkeit ist nicht an einen Ort gebunden

Und was machen Menschen, deren Lebensumstände vermeintlich selbst fünf Minuten Pause nicht erlauben? Weil ihre Familie sie nie in Ruhe lässt. Weil es im Zuhause keinen Rückzugsort für sie gibt. "Dann muss man sich seine Auszeit woanders holen", sagt die Psychologin. In der warmen Jahreszeit kann das auf einer Parkbank sein, im Winter in einer leeren Kirche. "Auch im Schwimmbad, beim Bahnenziehen, kann man wunderbar bei sich sein", sagt Küstner. Achtsamkeit ist nicht an einen bestimmten Ort oder an bestimmte Handlungen gebunden – sondern ist vor allem Kopfsache.

"Solche regelmäßigen Auszeiten können einen wirksamen Schutz vor einem Burn-out bedeuten", so die Diabetes-Fachpsychologin. Doch nicht nur zur Entspannung können Diabetespatienten das Prinzip der Achtsamkeit nutzen. Wer sie konsequent, am besten täglich, anwendet, lässt die Einstellung immer weiter ins Leben hineinfließen, zum Beispiel auch in das Essverhalten.

Bewusst essen hilft beim Abnehmen

Achtsam essen heißt, jeden Bissen von Anfang bis Ende zu erleben: wahrzunehmen, was auf dem Teller liegt, fühlen, was im Mund ist, die verschiedenen Zutaten zu schmecken, bewusst zu kauen. Tabu ist dagegen, sich beim Essen mit etwas anderem zu beschäftigen – also nebenbei lesen, fernsehen oder im Internet surfen.

Diese bewusste Essweise hat oft die schönen Nebeneffekte, dass man seine Speisen bewusster auswählt, langsamer isst und insgesamt weniger zu sich nimmt. Achtsamkeit kann so das Abnehmen unterstützen. Das trägt wiederum dazu bei, die Blutzuckerwerte bei Typ-2-Diabetespatienten zu bessern – was wiederum Stress ersparen kann.


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