Auslandsjahr trotz Diabetes

In anderen Ländern zur Schule gehen oder studieren: Das ist auch mit Diabetes möglich. Junge Menschen erzählen von ihren Erlebnissen

von Dr. Sabine Haaß, 06.11.2015

Besser hätte sie es nicht treffen können. "Ein Jahr in Edinburgh zu leben, war einfach toll", schwärmt Stephanie H. "Und um meine Diabetestherapie musste ich mir keine Gedanken machen: Im schottischen Gesundheitssystem waren Arztbesuche, Insulin und Teststreifen kostenlos wie zu Hause."

Von einem Auslandsaufenthalt als Schüler oder Student träumen viele junge Menschen. Schätzungen zufolge verbrachten rund 18.000 Jugendliche das Schuljahr 2014/2015 als Gastschüler im Ausland. Spitzenreiter unter den Zielländern waren die USA, gefolgt von Kanada, Neuseeland, Großbritannien und Australien.

Diabetes bei Bewerbung kein Hindernis

Unter den meist 15- bis 18-jährigen Jugendlichen, die sich für ein Auslandsjahr interessieren, sind regelmäßig auch einige, die Diabetes haben. "Diabetes ist kein Hinderungsgrund", sagt Trautlinde Bohlen von MAP Sprachreisen, einem von vielen Anbietern, die sich auf die Vermittlung von Auslandsjahren spezialisiert haben. Gastfamilien zu finden sei in der Regel kein Problem – das bestätigt auch Miriam Lamm vom Verein Youth for Understanding (YFU). "Viele Familien haben Erfahrung im Umgang mit der Krankheit – zum Beispiel weil ein Mitglied selbst betroffen ist oder die Familie früher schon einmal Austauschschüler mit Diabetes aufgenommen hat", sagt Miriam Lamm.

Allerdings kann die Suche nach einer Gastfamilie dann etwas länger dauern. Das sollte man berücksichtigen – und sich frühzeitig für ein Austauschprogramm bewerben. "Dabei ist es natürlich wichtig, den Diabetes anzugeben. Außerdem sollte man bestätigen, dass man bei der Therapie nicht auf Unterstützung angewiesen ist", rät Susanne Vahl vom gemeinnützigen Schüleraustausch-Vermittler AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.

Über 100 spezialisierte Vermittler für Auslandsaufenthalte

Bei der Entscheidung für einen Vermittler – es gibt mehr als 100 davon – haben Interessenten die Qual der Wahl. Gemeinnützige Vereine finanzieren sich über öffentliche Mittel und Spenden und können daher günstiger als kommerzielle Vermittler sein. Bei diesen ist es dafür meist möglich, nicht nur das Zielland selbst zu wählen, sondern auch Region, Stadt oder sogar eine bestimmte Schule vor Ort. Das kostet um einiges mehr, kann aber, etwa bei Anbietern wie GLS Sprachenzentrum oder Stepin, die Chancen für eine erfolgreiche Vermittlung erhöhen – gerade wenn zum Beispiel Diabetes im Spiel ist.

Informationen über Programme und Tarife findet man auf den Internet­seiten der verschiedenen Vermittler. Zahlreiche Voll- oder Teilstipendien, die die Vermittler selbst, private Unternehmen oder auch der Bundestag bereitstellen, können helfen, die Kosten aufzubringen.

Private Auslandskrankenversicherung kann nötig sein

Ein Problem für Jugendliche mit chronischen Krankheiten wie Diabetes ist die Krankenversicherung im Ausland – insbesondere bei Aufenthalten in außereuropäischen Ländern wie etwa USA oder Australien. Diese Länder haben kein Sozialversicherungsabkommen mit Deutschland. Das heißt: Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen nicht, wenn im Ausland medizinische Behandlungen nötig werden. Deshalb braucht man für Reisen in Nicht-EU-Länder eine private Auslandskrankenversicherung. Sie ist bei Schüleraustausch-Anbietern zwar in den Leistungen inbegriffen. Allerdings mit einem "Pferdefuß", der sich im Kleingedruckten verbirgt.

Diabetestherapie wird nicht bezahlt

Kosten für die Behandlung von Krankheiten, die schon vor Beginn des Auslandsaufenthaltes bekannt waren, werden nämlich nicht übernommen. Wer also zum Beispiel Insulin, Blutzuckerteststreifen oder Zubehör für seine Insulinpumpe benötigt, muss dafür, ebenso wie für die nötigen Arztbesuche, selbst bezahlen. "Eine Ausnahme sind Notfälle, etwa schwere Unterzuckerungen oder Keto­azidosen, die ärztlich behandelt werden müssen", sagt Professor Thomas Danne, Chefarzt des Diabeteszentrums am Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Wer eine Versicherung findet, die bereit ist, für die Diabetestherapie im Ausland aufzukommen, muss mit einem hohen Zuschlag rechnen.

Für Schüler und Studenten, die privat krankenversichert sind, gilt der Versicherungsschutz in der Regel für maximal drei Monate auch weltweit. Ob sich dieser Zeitraum ausweiten lässt und die Kosten für die Diabetestherapie übernommen werden, muss man mit ­seinem Versicherer klären. Selbst wenn der ­einwilligt, muss man dafür mit einem Preisaufschlag rechnen. Wer sich für ein EU-Land entscheidet, hat es versicherungstechnisch leichter: Hier werden die Kos­ten für Medikamente und Behandlung beim Arzt oder in öffentlichen Kliniken weiterhin von der deutschen Krankenkasse übernommen. Dafür benötigt man lediglich die Europäische Krankenversicherungskarte oder einen Auslandskrankenschein.

Wird man vor Ort zur Barzahlung aufgefordert, reicht man die Rechnung bei seiner Kasse ein und bekommt die Kos­ten erstattet. Allerdings nur bis zu der Höhe, die der Grundversorgung im Gastland entspricht, und auch nur für medizinisch notwendige Leistungen, die nicht bis zur Rückkehr nach Hause aufgeschoben werden können. Der Versicherungsschutz erstreckt sich auch auf die Diabetestherapie. Um eventuelle Mehrkosten, Zahnarztbehandlungen oder einen Rücktransport abzudecken, empfiehlt sich auch bei Aufenthalten in EU-Ländern zusätzlich der Abschluss einer privaten Auslandskrankenversicherung.

Kosten für Diabetes-Behandlung mit der Kasse verhandeln

Viele Schüler und Studenten lösen das Versicherungsproblem dadurch, dass sie alles mitnehmen, was sie im Gastland für die Diabetestherapie brauchen. "Eigentlich darf der Arzt Rezepte für Insulin, Teststreifen, Insulinpumpen-Zubehör und sonstige Hilfsmittel nur für ein Quartal ausstellen", sagt Dr. Jens Kröger, Diabetologe in Hamburg. "Ob eine Ausnahme bewilligt wird, hängt von der einzelnen Krankenkasse ab." Kröger rät seinen Patienten, in jedem Fall mit ihrer Kasse darüber zu verhandeln.

Ist die Kasse einverstanden, kann der Arzt den Diabetesbedarf für ein Jahr vorab verordnen. Dia­betologe Dr. Richard Daikeler aus Sinsheim nennt noch eine weitere Möglichkeit: "Wer bei den Eltern mitversichert ist oder seine Versichertenkarte zu Hause lässt, kann sich die Rezepte auch ins Gastland schicken lassen und dort einlösen." Bezahlen muss man Insulin oder Teststreifen dann aber selbst.

Fazit: Gute Vorbereitung ist das A und O. Auch wenn man natürlich nicht alles vorher klären kann. Vor Stephanie H.s Wintersemester in Moskau warnte man sie, im Studentenwohnheim gebe es keinen Kühlschrank. Sie solle ihr Insulin auf der Fensterbank lagern. "Da wäre es aber garantiert gefroren!", sagt Stephanie H. "Also nahm ich eben Kühltaschen mit. Und fand dann doch einen ­eigenen Kühlschrank im Zimmer vor …"


Nachrichten zum Thema Diabetes

Handy

Aktuelle Nachrichten zum Thema Diabetes