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Wo bleibt die Diabetesstrategie?

­Corona zeigt, wie ­entschlossen die ­Politik ­einer Pandemie begegnen kann. Wir wollten wissen, ob sie das bei der ­Diabetes-Pandemie auch tut. Und wie sie sich den Kampf ­gegen Übergewicht ­vorstellt

von Andrea Mayer-Halm, 06.08.2021
Und wer denkt an mich?

Übergewicht ist der größte Risikofaktor für Typ-2-Diabetes. Doch die Politik geht das Problem bisher nur halbherzig an


Zwölf Millionen. So viele Einwohner zählt zum Beispiel die brasilianische Metropolregion von Rio de Janeiro. Das ist eine Riesenmasse an Menschen, und ändert sich nichts, gibt es in Deutschland bald genauso viele Menschen mit Diabetes, wie der Großraum Rio Einwohner hat.

Täglich erkranken bei uns rund 1500 Menschen an Diabetes. Bis 2040 ­wären es insgesamt zwölf Millionen — fünf Millionen Menschen mehr als heute. Die eingeschränkt sind, schlimmstenfalls erblinden, Gliedmaßen ­verlieren, früh sterben. Und deren Therapie Unsummen kostet. Ein Hauptgrund: Übergewicht.

Zum Vergleich: Im ­März 2020, als der erste Corona-Lockdown das Leben stillstehen ließ, lag die tägliche durchschnittliche Fallzahl der Infizierten in Deutschland bei gut 2200. Während aber alle über die ­Corona-Pandemie ­sprechen, spricht kaum jemand über die ­Diabetes-Pandemie. Wir fragen nach: Was ist in den letzten Jahren passiert, um das Diabetes-Problem einzudämmen? Was müsste ­passieren? Und was wird passieren?

Was ist passiert?

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt: Diesen Eindruck erweckte die Regierung aus CDU, CSU und SPD, als sie 2017 an den Start ging. Sie nahm sich eine "Nationale ­Diabetesstrategie" vor. Experten von Fach- und Patientenverbänden fordern diese schon ­lange, um Diabetes zu bekämpfen. Ressort­übergreifend wollte sich die Politik darum kümmern: Diabetes hat ja auch etwas mit Bildung und Forschung zu tun, mit Ernährung und am Ende vielleicht sogar mit Steuern: wenn beispielsweise die Packung Äpfel günstiger sein soll als die ­Tafel Schokolade.

Danach aber passierte: nichts. Im September 2020 rangen sich die Bundestagsfraktionen von  CDU/CSU und SPD dazu durch, die Regierung aufzufordern, mehr gegen die eng verwandten Themen Übergewicht und Diabetes zu tun. Dass dies auch noch mitten in der Corona-Pandemie und nur ­wenige Monate vor Wahlkampfbeginn geschah — egal. Die "Nationale ­Diabetesstrategie" war geboren. Und ­erntete viel Kritik.

Tatsächlich liest sie sich an vielen Stellen wie eine Auflistung darüber, was nicht schon alles getan worden ist. Die "Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie" zum Beispiel. Danach sollen Hersteller etwa den Zucker in Softdrinks um 15 Prozent reduzieren — freiwillig. Dass etwa Krankenkassen auf viel höhere und verbindliche Ziele drängen, wird zumindest erwähnt. Die Regierung soll das bitte mal prüfen. Fragt sich nur: Wann? Die aktuelle Regierung wird das wohl nicht mehr tun.

Fast mit noch mehr Tamtam wurde der "Nutri-Score", also die Lebensmittelampel, eingeführt. Die zeigt im Supermarkt an, wie gesund ein Lebensmittel ist. ­Experten begrüßen das sehr. Aber auch hier: alles freiwillig.

Auf den letzten Drücker folgte  in diesem Juni noch ein strukturiertes Behandlungsprogramm für Menschen mit starkem Übergewicht (DMP Adipositas). Doch eigentlich kam nur der Beschluss zur Einführung. Das heißt: Jetzt beginnt die Arbeit — Ende offen. Bemerkenswert, weil das DMP ein wichtiger Punkt der Strategie war. Übergewicht ist der größte Risikofaktor für Typ-2-Diabetes.

Was muss passieren?

Vor allem darf es künftig nicht mehr bei reinen Gesten bleiben. Davon spricht etwa Professorin Monika ­Kellerer von der ­Deutschen ­Diabetes Gesellschaft (DDG). Sie fordert insbesondere verbindliche Vorgaben für die Lebens­mittelindustrie.

Das beherrschende Thema dabei ist der Zucker: Die DDG fordert etwa, den Gehalt in Softdrinks zu ­halbieren. ­Kellerer könnte sich eine Besteuerung wie in Großbritannien ­vorstellen. Der Effekt dort: Hersteller geben heute weniger Zucker in ihre Getränke, um Steuern zu vermeiden.

Diabetes zu verhindern ist das eine.  Menschen mit Diabetes (besser) zu versorgen das andere. "Die Schere zwischen immer mehr Diabetesfällen in deutschen Kliniken und immer weniger qualifizierten Fachkräften geht weiter auseinander", so Kellerer. Manche Patienten benötigten spezielle Betreuung, an der oft gespart werde.

Zudem ­müsse bei Studierenden das Interesse für Diabetologie gestärkt werden: "Wenn es aber immer weniger diabetologische Abteilungen und Klinikkapazitäten gibt, dann kommen sie immer weniger damit in Berührung."

Was wird passieren?

Es gibt zwei Wege, um das im Vorfeld der diesjährigen Bundestagswahl herauszufinden. Erstens: Ein Blick in die Wahlprogramme (CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP). Ergebnis: Diabetes selbst spielt dort kaum eine Rolle, meist nur indirekt (etwa gesündere Ernährung in Schule/Kita). Konkret wird Diabetes bei den Grünen im Zusammenhang mit Schadstoffen als Dia­betes-Risiko genannt. Die Union will die Diabetesstrategie weiter vorantreiben.

Zweiter Weg: Gesundheitspolitiker direkt fragen. Dietrich Monstadt (CDU) zum Beispiel, selbst Diabetiker: Er wäre im Zweifel sogar für Steuern und Vorgaben. Seine Partei (noch) nicht. Sabine Dittmar (SPD) will bei den Ursachen von Diabetes "substanziell" vorankommen. Professor Dr. Andrew Ullmann (FDP) setzt auf Aufklärung und Eigenverantwortung. Dr. ­Kirsten Kappert-Gonther ­(Grüne) ist für verbindliche Vorgaben und Verbote.

Bisher bleibt es also bei den Absichtserklärungen. Bleibt nur zu hoffen, dass die neuen Regierungsparteien die Bekämpfung der Diabetes-Pandemie im Koalitionsvertrag aufnehmen und dann auch umsetzen.