Wenn Katzen an Diabetes erkranken

Auch Stubentiger können zuckerkrank werden. Zwar gibt es gute Therapien, doch sie stellen für Mensch und Tier eine Herausforderung dar

von Sabine Lotz, 22.10.2015
Kater Nils

Diabetiker auf Samtpfoten: Kater Nils leidet an der Zuckerkrankheit


Dass Nils Diabetes hatte, fiel erst auf, als er nicht mehr fressen wollte. Welche Leckerei Jürgen F. seinem elfjährigen Kater auch anbot, Nils leckte nur kurz daran und wandte sich dann ab.

Appetitverlust ist bei Katzendiabetes ein Zeichen, dass die Krankheit schon fortgeschritten ist. Denn anfangs fressen betroffene Tiere eher mehr als weniger, außerdem trinken und urinieren sie weit mehr als früher. Doch bei frei herumlaufenden Katzen wie Nils haben die Halter wenig Chancen, solche Zeichen eines beginnenden Diabetes mitzukriegen.

Süßlicher Geruch aus dem Maul

Merken sie dann, zum Beispiel am fehlenden Appetit, dass mit ihrem Tier etwas nicht stimmt, ist das durch den Insulinmangel verursachte Zuckerdefizit in den Zellen manchmal schon so ausgeprägt, dass sich der Körper mit sogenannten Ketonkörpern als Energielieferanten behelfen muss. Eine Notlösung, die nur kurzfris­tig funktioniert und sich unter anderem durch einen süßlichen, azetonartigen Geruch aus dem Maul bemerkbar macht. Als Nils auch am dritten Tag nichts fressen mochte, abnahm und schlapp wirkte, brachte Jürgen F. ihn zur Tierärztin. Die gab Nils Aufbauspritzen, untersuchte seinen Urin und nahm Blut ab. Wenige Tage später lag das Ergebnis vor: Nils hatte Diabetes und musste sofort mit Insulin behandelt werden.

Meist Typ-2-Diabetes bei Katzen

Bei zuckerkranken Katzen lautet die Dia­gnose in den meisten Fällen Diabetes vom Typ 2. Das heißt, Ursache der Zuckerkrankheit ist, dass die Bauchspeicheldrüse das zuckersenkende Hormon Insulin zwar noch produziert, der Körper aber nicht mehr ausreichend darauf anspricht.

Bei Menschen mit einem solchen Dia­betes-Typ genügt es für ein weitgehend beschwerdefreies Leben oft, wenn sie ihre Ernährung umstellen, abnehmen, sich viel bewegen und ein Antidiabetikum schlucken. Bei Katzen jedoch sind Insulin­spritzen die beste Behandlung.

Blutzucker regelmäßig untersuchen

Auch Kater Nils bekommt Insulin gespritzt. Wie die meisten seiner Leidensgenossen pro Tag zwei Injektionen, die ihm sein Herrchen routiniert verabreicht. "Für die ersten Spritzen musste ich mich noch überwinden, aber inzwischen macht mir das nichts mehr aus", sagt Jürgen F. "Für mich zählt nur noch, dass ich Nils damit helfe." Zuckerkontrollen überlässt er allerdings der Tierärztin: "Wenn ich es versuche, bekomme ich kaum ein Tröpfchen heraus."

Regelmäßige Blutuntersuchungen sind für eine optimale Diabetestherapie wichtig, denn sie spiegeln wider, wie gut der tierische Patient eingestellt ist. Einer der wichtigsten Werte, die gemessen werden, ist Fruktosamin. Ein Blutzucker-Langzeitwert, mit dessen Hilfe der Tierarzt (ähnlich wie beim HbA1c-Wert zuckerkranker Menschen) vergangene Blutzuckerschwankungen nachverfolgen kann.

Eine einmalige Bestimmung des Nüchtern-Blutzuckers reicht dagegen für die Diagnose nicht aus. Denn Katzen sind beim Tierarzt oft so aufgeregt, dass ihr Blutzucker dadurch steigen und diabetesverdächtige Werte erreichen kann – auch bei gesunden Tieren. Tierärzte verlassen sich deshalb bei Katzen nur auf erhöhte Nüchtern-Blutzuckerwerte, wenn diese über Tage oder gar Wochen hinweg zu hoch sind. 

Unterzuckerungen vorbeugen

Schließlich braucht der Tierdoktor ab und zu ein sogenanntes Blutzuckerprofil seiner vierbeinigen Patienten. Dafür muss Herrchen oder Frauchen immer mal wieder einen Tag lang alle zwei bis vier Stunden einen Blutstropfen aus dem Katzenohr entnehmen und auf einen Teststreifen geben. An der resultierenden Tageskurve sieht der Tierarzt, ob die bisherige Insulindosis gut war oder geändert werden muss. Allerdings stellt man bei Katzen, speziell bei Freiläufern, den Diabetes etwas großzügiger ein als bei Menschen. Dr. Brigitte Ballauf, Fachtierärztin für Innere Medizin in München: "Um zu vermeiden, dass das Tier beim Herumstreifen unterzuckert und kollabiert, sollte das Insulin vorsichtig dosiert werden."

Haustiere haben heute einen höheren Stellenwert

Kater Nils ist kein Einzelfall. Schätzungsweise ein bis zwei Prozent der in Deutschland lebenden 11,5 Millionen Stubentiger erkranken an Diabetes. Dass diese Zahl immer weiter zunimmt, wie es oft heißt, stimmt nach Ansicht von Dr. Brigitte Ballauf nicht: "Zwar sind relativ viele Katzen übergewichtig und tragen ein erhöhtes Diabetesrisiko, aber die Fallzahlen steigen vor allem deshalb, weil man die Krankheit heute leichter und frühzeitiger entdeckt."

Geschuldet ist dies laut Ballauf zum einen den modernen Diagnosemöglichkeiten. Zum anderen gehen ihrer Erfahrung nach Tierhalter heute schneller zum Arzt. Dr. Brigitte Ballauf: "Haustiere haben heute einen anderen Stellenwert als früher. Die Halter sind eher bereit, sich um ihr krankes Tier zu kümmern, seinetwegen auf Reisen zu verzichten, Geld in die Behandlung zu investieren, Spritzen und Medizin zu verabreichen." Noch vor zehn, 20 Jahren seien kranke Tiere viel schneller eingeschläfert worden als heute, so die Veterinärin.

Je früher der Katzen-Diabetes entdeckt und behandelt wird, desto größer sind die Chancen einer sogenannten Remission. Das heißt, der Körper produziert allmählich wieder mehr Insulin, und die Krankheit bildet sich so weit zurück, dass immer weniger oder keine Insulingaben mehr nötig sind. Wie Dr. Astrid Wehner von der Uni-Tierklinik München auf der Internetseite www.hundkatzepferd.com schreibt, ist eine solche Remission bei bis zu 80 Prozent der Dia­beteskatzen möglich.

Insulin oder Tabletten?

Leider lassen sich nicht alle zuckerkranken Samtpfoten gleich von Anfang an gut behandeln. Manche Katzen beispielsweise neigen dazu, nach Injektionen in die Haut Krebsgeschwüre zu bilden. Solchen Tieren verabreicht man statt Insulinspritzen blutzuckersenkende Tabletten, aufgelöst und ins Futter gemischt. Bei anderen Diabeteskatzen muss man erst herumprobieren, bis man die Insulinsorte findet, auf die sie am besten ansprechen.

So war es auch bei Kater Nils. Die beiden ersten Insuline, die die Tierärztin ihm verordnete, ließen seinen Zuckerspiegel nur vorüber­gehend sinken. Erst als sich Jürgen F. an eine Tierklinik wandte, konnte Nils nachhaltig geholfen werden. Die Klinikärzte stellten Nils auf eine Insulinvariante mit Langzeitwirkung ein und verordneten ihm vorübergehend ein Ergänzungsfutter. Wäre Nils kein Freiläufer, hätte man ihm vermutlich außerdem ein spezielles Futter verordnet, wie es – im Idealfall – alle zuckerkranken Katzen bekommen sollten. Die darin enthaltenen Kohlenhydrate gelangen nicht so rasch ins Blut, wie es bei "normaler" Kost der Fall ist.

Spezialfutter ist teuer

Das Spezialfutter ist teurer als andere Katzennahrung und nur beim Tierarzt bzw. per Rezept beim Hersteller erhältlich. Besonders empfiehlt es sich für übergewichtige Katzen und Tiere, die statt Spritzen Tabletten bekommen. Allerdings verfängt diese "Futtertherapie" nur bei Stubentigern. Draußenkatzen wie Nils fressen, was und wie viel sie wollen – da ist man als Halter machtlos.

Doch Nils scheint das gut zu verkraften. Dass sein Kater wieder fit ist, merkt Jürgen F. daran, dass er ihn kaum noch zu Gesicht bekommt. Nils treibt sich, so wie früher, wieder viel im Freien herum – und hat dank der Behandlung nun die besten Chancen, ein hohes Katzenalter zu erreichen.

Diabetes bei anderen Tieren

 

Nach Katzen sind Hunde diejenigen Haustiere, die am häufigsten Diabetes bekommen. Bis zu ein Prozent unserer rund sieben Millionen Hunde haben "Zucker" – kleine Hunderassen wie Pudel und Dackel öfter als große, Hündinnen häufiger als Rüden. Letzteres liegt am weiblichen Geschlechtshormon Progesteron, das verhindert, dass die Zellen Zucker aus dem Blut aufnehmen. Besonders viel Proges­teron kreist nach der Läufigkeit im Blut. Folge: Die Bauchspeicheldrüse versucht, mit einer vermehrten Insulinproduktion die Wirkung des Progesterons auszuhebeln. Einen Diabetes entwickelt das Tier nur, wenn die Insulinoffensive nicht wirkt und sich die Bauchspeicheldrüsen-Zellen verausgabt haben.

 

Kastration kann schützen

Am besten lässt man es nicht so weit kommen. Wird die Hündin sofort nach der Diagnose kastriert, sinkt der Progesteronspiegel, und der Diabetes kann verschwinden. Wartet man bis nach der Trächtigkeit bzw. bis zur nächsten Läufigkeit, ist der Diabetes meist chronisch und sehr schwer einzustellen. Um eine Kas­tration kommt man trotzdem nicht herum. Sie ist nötig, um künftige Progesteron­einflüsse auszuschließen.


Bewegung – und Diät
Außerdem wichtig für eine optimale Behandlung: ein normales Körpergewicht. Nicht zu hoch und nicht zu niedrig, dann wirkt das Insulin am besten. Untergewichtige Hunde, eher die Seltenheit, sollten aufgepäppelt werden, übergewichtige (fast die Hälfte aller Hunde) sollten abnehmen. Am bes­ten mit viel Bewegung und der Beschränkung auf zwei Mahlzeiten täglich. Außerdem empfehlenswert: spezielles Diabetes-Hundefutter, erhältlich über den Tierarzt bzw. in Tiernahrungsläden.

 

Bei Diabetes-Hunden auf die Augen achten
Ein wichtiges Thema bei Zuckerhunden sind die Augen. Da Hunde mit Diabetes zu schmerzhaften Entzündungen im Augeninneren neigen, sollten ihre Augen regelmäßig ärztlich begutachtet werden. Fast alle dia­betischen Hunde erblinden innerhalb der ersten beiden Jahre nach der Diag­nose. Schuld ist der diabetische Katarakt, eine Form des grauen Stars. Dabei speichern die Augenlinsen Zuckerkristalle und trüben ein. Zwar kann man versuchen, die Linse durch eine künstliche zu ersetzen – aber diese Operation glückt bei Hunden leider nicht immer. 

 

Diabetes kommt bei allen Säugetieren vor
Übrigens kann jedes Säugetier, von der Maus bis zum Wal, zuckerkrank werden. Relativ häufig sind neben Katzen und Hunden Meerschweinchen betroffen. Ebenso Hamster und auch Kaninchen (Letztere bekommen auffallend oft nach Kortisonbehandlungen "Zucker").

 

Von einer interessanten Form von Typ-2-Diabetes berichtet Dr. Petra Litzlbauer von der Haas-Link-Tierklinik in Germering: "Bären sind nur während ihres Winterschlafs unempfindlich gegen Insulin. Das führt dazu, dass der Körper die angefressenen Fettpolster abbaut. Nach dem Aufwachen verschwindet die Insulinresistenz wieder, und der Stoffwechsel des nunmehr schlanken Bären kommt normal in Gang."


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