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Angst vor einer Unterzuckerung?

Manche Diabetiker haben regelrecht Panik vor Unterzuckerungen. Was hilft? Das erzählen uns vier Betroffene

von Daniela Pichleritsch, 06.09.2019
Frau mit Katze auf dem Arm

Lea mit Katze Malia: Über ihren Weg aus der Hypo-Angst schreibt sie auf ihrem Blog


Ein schlimmes Erlebnis im Unterzucker; das Gefühl, plötzlich keine Kontrolle mehr über den eigenen Körper zu haben; Geschichten von anderen, die Dramatisches bei Unterzucke­rungen erlebten: Es gibt viele Anlässe, warum Menschen einen übergroßen Respekt vor solchen Hypoglykämien (Hypos) entwickeln. Und das Gefühl haben, aus der Angst nicht mehr herauszufinden. Vier Betroffene berichten, wie sie damit umgehen. Experten raten, was jetzt hilft.

"Sich erden hilft bei Panik"

Lea R. (24): Typ-1-Diabetes seit acht Jahren: "Gute Zuckerwerte haben mich früher beunruhigt. Schließlich ist es von da nicht weit in eine Unterzuckerung. Die wollte ich unbedingt vermeiden. Daher habe ich stündlich Blutzucker gemessen und bei einem Wert unter 100 mg/dl (5,6 mmol/l) etwas gegessen, um den Zuckerspiegel anzuheben. Klar wusste ich, dass mir erhöhte Werte auf Dauer schaden. Doch die Angst vor Hypos war übermächtig! Die Probleme begannen, als ich als Austauschschülerin in den USA war — und dort die Diagnose Diabetes erhielt. Weil ich anfänglich falsch behandelt wurde, entwickelte ich eine Angststörung mit Panikattacken. Dabei zitterte ich und bekam Herzrasen. Wie bei Unterzuckerungen! Ich wusste nie, ob sich gerade eine Hypo oder eine Panikattacke anbahnt. Die Zuckertiefs schürten meine Panik. Ich hatte das Gefühl, die Kontrolle über meinen Körper verloren zu haben. Zurück in Deutschland, ging ich zu einer Psychotherapeutin. Bei ihr lernte ich mit Panikattacken umzugehen. Das hat mir auch geholfen, Hypos gelassener durchzustehen. Falls dabei doch Panik aufkommt, setze ich mich gerade hin, stelle die Beine fest auf den Boden, atme tief ein und aus. Und sage mir: Nimm schnell Traubenzucker, dann geht es dir bald wieder gut."

Das sagt Psychologe Dr. Arne ­Schäfer vom Diabetes Zentrum ­Mergentheim:

"Leas Verhalten ist typisch für Menschen mit großer Angst vor Unterzuckerungen: Sie messen sehr oft ihren Blutzucker und fühlen sich nur bei erhöhten Werten sicher. Manchmal geht die Angst so weit, dass die Betroffenen alles meiden, was eventuell zu einer Hypo führt, etwa Sport. Lea hat sich zum Glück Hilfe gesucht. Das rate ich allen Betroffenen. Oft helfen Schulungen und Gespräche mit dem Arzt oder der Diabetesberaterin. ­Verhaltenstherapeuten ­unterstützen dabei, die Angst abzubauen, etwa nicht ständig zu messen. Diabeteserfahrene Psycho­­therapeuten findet man unter www.diabetes-psychologie.de. Wichtig ist es, sich einen gesunden Respekt vor Unterzuckerungen zu bewahren."

Mädchen im Gewächshaus

"Eine Insulinpumpe sorgte für mehr Entspannung"

Stefani L., Mutter von Mira:(14, Typ-1-Diabetes seit sechs Jahren): "Kurz nach der Diagnose spielte Miras Blutzucker völlig verrückt, und wir lebten mit der ständigen Angst vor Blutzuckerentgleisungen. Meine größte Sorge war, dass Mira nachts unterzuckert, ohne es zu merken. Meine Tochter schlief deshalb neben mir, und ich weckte sie alle zwei Stunden zur Zuckerkon­trolle. Nach ein paar Wochen waren wir mit den Nerven fertig. Miras Diabetologe riet mir, nicht mehr ständig nachts zu messen. Er meinte, Mira könne bei einem Tief im Schlaf nichts Schlimmes passieren. Also zwang ich mich, weniger oft zu messen. Aber wirklich entspannt war ich nicht. Dann erhielt Mira ein System, das Alarm schlägt, wenn sich eine Hypo anbahnt. Perfekt! Doch leider vertrug sie das Pflaster nicht. Und inzwischen merkte sie Unterzuckerungen nicht mehr gut. Als die Kasse uns endlich eine Insulinpumpe genehmigte, stabilisierten sich die Werte, und Mira wurde wieder sensibler für Hypos. Bei nächtlichen Unterzuckerungen wacht sie mittlerweile auf, trinkt den Saft, der an ihrem Bett steht. Und ich bin ruhiger."

Das sagt Psychologe Dr. Schäfer:

"Viele Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes fürchten, jede Unterzuckerung richte im Körper riesengroßen Schaden an. Davor möchten sie ihr Kind natürlich schützen. Doch ständiges nächtliches Messen bedeutet Schlafmangel — darunter leidet die ganze Familie. Die Eltern kann es sehr entlasten, ihre Sorgen dem Diabetesteam des Kindes anzuvertrauen. Dieses hilft, die Gefahr, die von Hypos ausgeht, realistisch einzuschätzen. Und kann Tipps geben, wie es gelingt, Sicherheit für das Kind zu schaffen, ohne es allzu stark einzuschränken oder zu ängstigen. Dabei kann eine Insulinpumpe helfen. Weil Mira jetzt seltener unterzuckert, spürt sie die Tiefs wieder besser. Miras Mutter gewann Vertrauen in die Therapie. Sicherheit geben auch Pumpen, die mit einem Sensor arbeiten. Er misst den Zuckerspiegel unter der Haut. Sie lassen sich so programmieren, dass bei drohendem Unterzucker ein Alarm ertönt und die Insulinabgabe vorübergehend gestoppt wird. Auch ohne Pumpe kann ein Messsystem mit Alarmfunktion die Angst vor Hypos verringern. Manche Systeme bieten eine Fernüberwachung per Handy. Das kann Eltern beruhigen, manchmal aber dazu führen, dass sie die Werte des Kindes noch besorgter beobachten."

"Moderne Technik warnt mich vor Zuckertiefs!"

Harald J. (70):Diabetes Typ 3c seit 21 Jahren: "Ich habe Diabetes, weil mir wegen eines Tumors die Bauchspeicheldrüse entfernt werden musste. Bei meinem Job als Rettungsassistent ist mir einmal eine dramatische Unterzuckerung passiert. Kaum hatte ich mein Essensinsulin gespritzt, mussten wir los. Vor lauter Aufregung hatte ich vergessen zu essen und verlor im Rettungswagen das Bewusstsein. Zum Glück war ich nur Beifahrer. Mein Kollege wusste, was zu tun ist, und spritzte mir sofort Glukagon, um den Blutzucker anzuheben.Obwohl alles glimpflich ablief, hatte ich lange Zeit große Angst vor Unterzuckerungen. Jetzt trage ich ein Messsystem, das mich warnt, wenn sich ein Zuckertief anbahnt. Eine tolle Technik, die mich sehr beruhigt."

Mann im Garten

Das sagt Diabetologin Dr. Silvia Zschau aus München:

"Wer eine schwere Unterzuckerung mit Bewusstlosigkeit mitgemacht hat, fürchtet sich davor, dies noch einmal zu erleben. Es ist also normal, dass es dauert, die Angst zu bewältigen. Sicherheit bieten können Systeme, die den Zuckerspiegel per Sensor ständig überwachen. Sie zeigen die Werte an und mit Pfeilen, ob der Zucker steigt oder fällt. Wird ein einstellbarer Grenzwert unterschritten, ertönt ein Alarm. Einige Systeme warnen schon, wenn wegen des raschen Zuckerabfalls bald ein Unterzucker droht. Wichtig ist, dass die Nutzer lernen, die Werte und Pfeile richtig zu interpretieren."

40 % der Menschen mit Diabetes in Deutschland machen sich große Sorgen wegen Unterzuckerungen. Das ergab eine internationale Befragung

Quelle: DAWN2-Studie

"Ich spüre Hypos nicht — das macht mir Angst"

Cornelia S. (50),Typ-2-Diabetes seit 20 Jahren: "Meine letzte Unterzuckerung war schlimm. Ich hatte wie üblich das Insulin fürs Abendessen gespritzt. Auf einmal wurde mir schwindelig, ich schwitzte stark. Das Messgerät zeigte einen Wert um die 40 mg/dl (2,2 mmol/l). Sofort brachte mir mein Mann einen Saft. Fast einen Liter trank ich. Doch der Blutzucker stieg nur sehr langsam. Als er wieder im grünen Bereich lag, war ich total erschöpft. Nachts hatte ich immer wieder Schweißausbrüche. Am nächsten Morgen war ich sehr müde. Angst macht mir auch, dass ich Unterzuckerungen seit ein paar Wochen oft erst bemerke, wenn der Zuckerspiegel schon sehr weit abgerutscht ist. Wenigstens ist nachts mein Mann da, der mir notfalls helfen kann."

Das sagt Diabetologin Dr. Zschau:

"Nicht zu wissen, warum man unterzuckert, ist beängstigend. Wichtig wäre herauszufinden, warum der Zucker plötzlich fällt: Vielleicht hat Frau Szuster nach dem Spritzen zu lange mit dem Essen gewartet? Die nächtlichen Schweißausbrüche weisen darauf hin, dass sie erneut unterzuckerte. Passiert dies oft, was sich durch nächtliches Blutzuckermessen oder mit einem permanent messenden Sensor herausfinden lässt, sollte die Therapie optimiert werden. Weil Frau Szuster die Tiefs nicht gut spürt, würde ich ihr ein Unterzucker-Wahrnehmungstraining empfehlen. Etwa in einer Schwerpunktpraxis."

Das Wichtigste in Kürze

Unterzuckern können vor allem Diabetiker, die Insulin spritzen oder Sulfonylharnstoffe einnehmen. Manche Betroffene haben große Angst vor Zuckertiefs. Dagegen helfen Schulungen, Gespräche mit dem Diabetesteam oder Diabetes-Technik. Etwa ein Messsystem, das bei drohenden Zuckertiefs Alarm schlägt. Bei anhaltenden großen Ängsten ist eine Psychotherapie sinnvoll


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