Was bringt Früherkennung bei Typ 1?

Wissenschaftler erproben derzeit Methoden, mit denen sich das Risiko für einen Typ-1-Diabetes bei Babys erkennen lassen soll. Manche Experten sehen das mit Skepsis

von Tina Haase, aktualisiert am 22.05.2020

Ein Piks in die Ferse des Neugebo­renen – und  ein paar Tröpfchen Blut ge­­nü­gen: Nach der Ana­lyse im Labor wissen die Eltern, ob ihr Baby Risikogene für Typ-1-Diabe­tes hat. Zukunftsmedizin? In fünf europäischen Ländern ist das bereits Realität.

Test auf Risikogene

Seit 2017 wurden in Deutschland, Belgien, Polen, Schweden und Großbritannien mehr als 100.000 Säuglinge auf Diabetes-Risikogene ge­testet. Der Gentest ist Teil der sogenannten Freder1k-Studie, die in Deutschland die Technische Universität Dresden und die Universität Leipzig in Kooperation mit dem Helmholtz Zentrum München und der Medizinischen Hochschule Hannover vornehmen.

"Wir wollen Familien ersparen, vom Typ-1-Diabetes und möglichen schwer­wiegenden Komplikationen überrascht zu werden", sagt Studienleiter Professor Ezio Bonifacio aus Dresden. "Allerdings lässt sich die Krankheit mit dem Test nicht verhindern", erklärt Professor Andreas Neu, Kinderdiabetologe am Universitätsklinikum Tübingen. Wie sinnvoll ist also der Test?

Drei Prozent sind genetisch vorbelastet

Die Fakten: Immer mehr Kinder erkranken in Deutschland an Typ-1-Diabetes. Etwa 32.500 Kinder und Jugendliche bis 19 Jah­re sind derzeit betroffen. Schätzungen zufolge wird sich die Zahl der Neuerkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren bis 2026 verdoppeln. Die Gründe dafür sind unklar.

Mit dem Gen-Screening finden die Wissenschaftler zunächst heraus, ob Kinder eine erbliche Veranlagung für Diabetes haben. Etwa drei Prozent aller Babys tragen solche Risikogene. Um zu erfahren, ob sie auch tatsächlich erkranken werden, erfolgen zusätzliche Bluttests.

Antikörper lange vor Krankheitsausbruch nachweisbar

Nur fünf Prozent der "Risikokinder" bzw. zehn Prozent mit erstgradigem Verwandten entwickeln Diabetes. Also werden sie im Alter von sechs Monaten, zwei und vier Jahren auch auf spezielle Antikörper getestet. "Sind mindestens zwei vorhanden, ist das ein sicheres Zeichen für einen frühen Diabetes", sagt Ezio Bonifacio. Diese Veränderungen im Blut sind schon nachweisbar, auch wenn die Kinder noch keine Symptome zeigten und sich ganz gesund fühlten.

Eltern und Kinder werden jetzt nicht allein gelassen. In Schulungen erfahren sie, dass sich der Diabetes oft schlagartig bemerkbar macht und was die Warnsignale sind: starker Durst, häufiges Wasserlassen, Gewichtsverlust, Schlappheit. Wird die Diagnose Typ-1-Diabetes dann nicht rasch genug gestellt, kann es zu schweren Stoffwechselentgleisungen kommen.

Diese drei Studien zur Diabetes-Früherkennung laufen derzeit:

Fr1da-plus: In Bayern können Kinder von 2 bis 5 und von 9 bis 10 Jahren auf diabetestypische Antikörper (Typ-1-Diabetes im Frühstadium) getestet werden.  

Fr1dolin: In Niedersachsen können Kinder zwischen 2 und 6 Jahren auf diabetestypische Antikörper und Hyper­cholesterinämie (Fettstoffwechselstörung) getestet werden.

Freder1k: Neugeborene bis 4 Monate in Bayern, Niedersachsen und Sachsen können auf Risikogene für Typ-1-Diabetes getestet werden. Neugeborene, bei denen mindestens ein Elternteil oder Geschwisterkind bereits an Typ-1-Diabetes erkrankt ist, können unabhängig vom Wohnort untersucht werden.
Zugleich laufen Studien zu einer Art Diabetes-Impfung: Kinder mit erhöhtem Diabetesrisiko schlucken täglich Insulinpulver. "Der Körper soll sich langsam daran gewöhnen, dass Insulin nicht bekämpft werden muss", so Professorin ­­Anette-Gabriele Ziegler. Es wird noch Jahre dauern, bis feststeht, ob dies etwas nützt.

Wie sinnvoll ist die Früherkennung?

Ezio Bonifacio hofft, dass sich das durch Aufklärung der Eltern und engmaschige Betreuung vermeiden lässt. Und tatsächlich: Die Fr1da-Studie des Helmholtz Zentrums, an der bereits mehr als 100.000 Kinder teilgenommen haben, gibt Hinweise darauf, dass das funktionieren könnte. "Bisher erlitt keiner der Studienteilnehmer eine Stoffwechselentgleisung, weil Eltern und Ärzte früh genug reagierten", sagt Professorin Anette-Ga­briele Ziegler, die diese Studie leitet.

Diabetologe Andreas Neu sieht das Screening dennoch kritisch: Die Früh­erkennung einer Krankheit sei nur sinnvoll, wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind: "Erstens muss die Krankheit eine gewisse Häufigkeit haben, zweitens muss es einen sicheren Test geben und drittens eine Möglichkeit, therapeutisch einzugreifen."

Die Gnade des Nichtwissens

Punkt eins ist erfüllt: Drei von tausend Kindern werden eines Tages erkranken. Die zweite Voraussetzung ist nur zum Teil gegeben. Klar ist: Wer Diabetesgene und die typischen Antikörper hat, entwickelt auch Diabetes. Aber wann, ob mit zwei, vier, 17 Jahren oder im Erwachsenenalter, ist ungewiss. "Würden Eltern und Kinder nicht viele Jahre unbeschwerter leben, wenn sie nichts von dem Krankheitsrisiko  wüssten?", fragt Neu.

Ziegler dagegen sagt, dass es keine schweren psychischen Belastungen bei Eltern und Kindern gebe. "Im Gegenteil: Sie sind dankbar, dass sie so früh Bescheid wussten", so die Expertin. Bliebe noch Punkt drei: Bislang ist Diabetes nicht heilbar. Auch die medizinischen Fachgesellschaften raten unter anderem deshalb in ihrer aktuellen Leitlinie von einem generellen Screening ab.

Aufklärung über Symptome

Kinderdiabetologe Martin Holder vom Olgahospital des Klinikums Stuttgart setzt derweil auf Aufklärung: Gemeinsam mit dem Gesundheitsamt Stuttgart hat er eine Kampagne entwickelt, die Eltern, Erzieher und Lehrer über Diabetes-Warnzeichen informiert. Letztlich, so Holder, müssten Eltern selbst entscheiden, ob ein Diabetes-Test für ihre Kinder infrage kommt.