Jung, schlank, Typ 2

Typ-2-Diabetes trifft nur Übergewichtige? Keinesfalls. Es gibt auch dünne Menschen wie Christina W., die erkranken. Und das ist gar nicht mal so selten

von Tina Haase, 11.01.2019

Christina W. aus München ist 1,74 Meter groß und wiegt nicht mal 60 Kilo. Sie treibt gern Sport und ist kein Fan von süßen oder fettigen Speisen. Gesünder als sie kann man kaum leben. Und doch hat die 40-Jährige eine Vorstufe von Typ-2-Diabetes. Ist das überhaupt möglich? Normalgewichtige Menschen, so die verbreitete Meinung, können doch gar keinen Typ-2-Diabetes bekommen. Aber so einfach ist es nicht.

"Es gibt Schlanke mit Typ-2-Diabetes und Übergewichtige, die keinen Diabetes haben", sagt Professor Dr. Andreas Fritsche, Diabetologe, Ernährungs- und Präventionsmediziner an der Universitätsklinik Tübingen. Nach einer 2015 veröffentlichten Erhebung sind in Deutschland 85 Prozent der Diabetiker übergewichtig oder fettleibig. Doch 15 Prozent haben ein normales Gewicht oder sind sogar sehr schlank — so wie Christina.

"Übergewicht ist ein großer Risikofaktor für Typ-2-Diabetes. Aber nicht der einzige", sagt Professorin Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger, Internistin, Endokrinologin und Diabetologin in München. "Eine große Rolle spielt das Erbgut, das jeder so mitbringt." Leiden etwa Mutter oder Vater an Typ 2, hat das Kind ein erhöhtes Risiko, auch zu erkranken.

Aus Christinas Familie ist allerdings niemand davon betroffen. Bis vor acht Jahren wusste sie nicht viel über Diabetes. Doch während ihrer Schwangerschaft bildete sich ungewöhnlich viel Fruchtwasser, das Baby in ihrem Bauch war sehr groß. Die Ärzte machten einen Glukosetoleranztest: Christina musste eine konzentrierte Zuckerlösung trinken. Zwei Stunden danach war ihr Blutzucker noch zu stark erhöht. Weitere Tests folgten. Das Ergebnis: Schwangerschaftsdiabetes.

Ein Schreck für die werdende Mutter. Sie aß nun noch gesünder und machte täglich einen Spaziergang, um den Blut­zucker zu senken. Doch die Werte blieben zu hoch. Um sich und ihr Baby nicht in Gefahr zu bringen, musste Christina ein paar Wochen lang — bis zur Geburt ihrer Tochter — Insulin spritzen.

"Eine Schwangerschaft ist eine Belastungssituation für den Stoffwechsel. Meist bessern sich die Zuckerwerte danach wieder", sagt Andreas Fritsche. Jedoch haben Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes ein hohes Risiko, später Typ-2-Diabetes zu bekommen. Deshalb geht Christina regelmäßig zum Arzt.

Fehlsteuerung im Körper

Ob bei dünnen oder dicken Menschen: Typ-2-Diabetes entwickelt sich meistens unbemerkt und schleichend. Durch eine Fehlsteuerung sprechen die Zellen im Körper immer schlechter auf das Insulin an, das die Bauchspeicheldrüse ausschüttet. Ärzte nennen das Insulinresistenz. Der Blut­­zucker erhöht sich. Um ihn zu senken, produziert die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin. Mit der Zeit wird sie müde und gibt weniger Insulin ab. Nun ist im Medizinerdeutsch von Insulinmangel die Rede. Der Blutzucker steigt jetzt noch mehr. Unbehandelt kann das zu gefährlichen Stoffwechselentgleisungen und Organschäden führen.

Übergewicht und Bewegungsmangel verschlechtern zudem die Wirkung des Insulins. So verwundert es nicht, dass viele Menschen mit Gewichtsproblemen Diabetes bekommen — manchmal auch schon in jungen Jahren.

"Wäre Frau W. übergewichtig, hätte sie vermutlich schon einen behandlungsbedürftigen Diabetes", sagt ihre Diabetologin Petra-Maria Schumm-Draeger. Einige Jahre nach der Schwangerschaft stellte sie einen Prädiabetes bei Christina fest: Der Blutzucker-Langzeitwert ist erhöht, liegt aber noch unter dem Grenz­wert für die Diagnose Typ 2. Andere Diabetes-Formen konnte die Ärztin ausschließen.

Christina tut alles, um ihren Blutzucker in Schach zu halten. Sie besucht Spinning- und Kraft-Ausdauer-Kurse im Fitnessstudio. Auch auf ihre Ernährung achtet sie, kocht viel mit Gemüse, Fisch und Olivenöl. Abends verzichtet sie auf Kohlenhydrate. Sie trinkt meist Wasser, ungesüßten Kaffee und Tee.

Um zu beobachten, wie ihr Zu­cker auf bestimmte Lebensmittel reagiert, trägt Christina gerade ­einen Sensor am Arm, der kontinuierlich den Zucker im Gewebe misst. "Bei Kakao geht die Kurve nach oben", sagt sie. "Schade, den mag ich gern."

Moderne Medikamente helfen

"Ein gesunder Lebensstil lohnt sich", sagt Andreas Fritsche. So können auch Patienten mit starker Veranlagung für Diabetes die Krankheit hinauszögern. Entwickelt sich ein Typ-2-Diabetes, können moderne Medikamente zum Einsatz kommen. Führen diese nicht zu den gewünschten Blut­zuckerwerten, ist es Zeit für Insulin.

Christina macht das Beste aus ihrer Situation. Neben ihrer Arbeit als Bildredakteurin bildet sie sich gerade zum Personal Trainer weiter. Sie will Menschen helfen, bewegter durchs Leben zu gehen und gesünder zu essen. "Dann habe ich noch mehr Zeit, mich mit dem Thema zu beschäftigen", sagt sie. "Und andere haben auch etwas davon."