Welches Mess-System passt zu Ihnen?

Streifen, Sensor, Implantat: Wir beurteilen für Sie alle Methoden zur Kontrolle des Zuckerspiegels

von Daniela Pichleritsch, 19.04.2019

1. Punktgenaue Werte: Die Blutzuckermessung

Wie es funktioniert:

Mit einer Stechhilfe pikst man seitlich in die Fingerkuppe. Den gewonnenen Bluts­tropfen trägt man auf einen in ein Messgerät eingelegten Teststreifen auf. Nach Sekunden zeigt das Gerät das Ergebnis.

Für wen es sich eignet:

Jeder, der seine Zuckerwerte selbst kon­trolliert, sollte die Blutzuckermessung beherrschen. Als alleinige Methode eignet sie sich besonders, wenn man nur gelegentlich messen muss, keine starken Schwankungen hat und Unterzuckerungen gut spürt.

Mögliche Probleme:

Die Blutzuckermessung erfasst nur einzelne Werte. Hochs und Tiefs dazwischen bleiben unentdeckt. Häufiges Messen strapaziert die Fingerkuppen. Eine fehlerhafte Handhabung verfälscht das Ergebnis.

Wann die Krankenkassen zahlen:

Ohne Insulintherapie nur ausnahmsweise, etwa bei Verdacht auf häufige Zuckertiefs. Sonst ermittelt der Arzt die zu verordnende Teststreifenmenge anhand der Empfehlungen seiner Kassenärztlichen Vereinigung.

2. Zuckerwerte nonstop: Die kontinuierliche Glukoseüberwachung (CGM)

Wie es funktioniert:

CGM bedeutet Continuous Glucose Monitoring (englisch für kontinuierliche Glukoseüberwachung). Dabei misst ein in der Regel am Bauch eingestochener, wenige Millimeter langer dünner Sensorfaden ständig den Zuckergehalt im Unterhautfettgewebe. Je nach System setzt man sich etwa alle sechs bis zehn Tage einen neuen Sensor. Ein daraufgesteckter Transmitter (Sender) funkt die Werte an ein Empfangsgerät, etwa ein Smartphone. Dieses zeigt den aktuellen Wert, den Zuckerverlauf und mithilfe von Trendpfeilen, ob und wie stark der Zucker gerade fällt oder steigt.

Werden individuell festgelegte untere und obere Grenzwerte überschritten, ertönt ein Alarm. "Einige Systeme warnen schon früher. Etwa wenn aufgrund des raschen Zuckerabfalls bald ein Unterzucker droht", sagt Diabetologe Dr. Bernhard Gehr von der Fachklinik Bad Heilbrunn. So lässt sich rechtzeitig gegensteuern. Die Zuckerkurve zeigt alle Hochs und Tiefs im Tagesverlauf. Die Therapie lässt sich besser anpassen.

Für wen es sich eignet:

Für Diabetiker, bei denen der Zucker stark schwankt oder die Unterzucker-Symptome nicht rechtzeitig spüren. Auch Diabetikerinnen mit Kinderwunsch profitieren. Vor und während der Schwangerschaft sind gute Zuckerwerte besonders wichtig. "Hilfreich ist ein CGM-System auch bei Kindern", sagt Dr. Torben Biester vom Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover.

Mögliche Probleme:

Vor allem wenn sich der Blutzucker rasch ändert, können die im Gewebe gemessenen Werte denen im Blut hinterherhinken. "CGM-Nutzer müssen daher in einer Schulung lernen, wie man die Werte und Trendpfeile richtig interpretiert und wann man per Fingerpiks nachmessen sollte — Letzteres hängt auch vom System ab", sagt Gehr. Die Möglichkeit, jederzeit die Werte zu sehen, kann zu Überreaktionen führen. Etwa, dass man einen hohen Wert zu früh mit Insulin korrigiert und sich so in eine Unterzuckerung spritzt. Die meisten CGM-Systeme müssen mindestens zweimal täglich per Blutzuckermessung kalibriert werden. Vergisst man dies, stimmen die Werte nicht.

Wann die Krankenkassen zahlen:

Nur bei intensivierter Insulin- oder Pumpentherapie, wenn man seine Therapieziele anders nicht erreicht. Mitunter verlangt die Kasse ein Gutachten des Diabetologen und ausführliche Blutzuckerprotokolle.

3. Werte per Scanner: Das Flash Glucose Monitoring (FGM)

Wie es funktioniert:

Ein FGM-System (Flash Glucose Monitoring) arbeitet ähnlich wie ein CGM-System. Um die aktuellen Zuckerdaten zu sehen, muss man aber ein Lesegerät (Scanner) oder Handy an den Sensor halten. Das Nachfolgemodell des bislang einzigen FGM-Systems hat zuschaltbare Alarme bei zu hohen und zu tiefen Werten. Der Sensor hält zwei Wochen und kann auch beim Duschen, Schwimmen (bis zu 30 Minuten) und in der Sauna getragen werden. Das Lesegerät dient gleichzeitig als normales Blutzuckermessgerät.

Für wen es sich eignet:

Vor allem für Diabetiker, die ihre Insulintherapie selbst steuern und dazu mehrfach täglich Zucker messen müssen. Insbesondere wenn ihre Werte stark schwanken, sie aber Zuckertiefs gut spüren. Hilfreich ist ein FGM-System auch für Menschen, die am Arbeitsplatz nicht jederzeit blutig messen können.

Mögliche Probleme:

Wie bei CGM-Systemen können die Gewebszuckerwerte von den Blutzuckerwerten abweichen. Nutzer sollten daher im Umgang mit den Werten geschult werden. Das System ist werkskalibriert. "Manchmal passt die Kalibrierung nicht gut zum Anwender, sodass das System nicht genau genug misst. Ob das der Fall ist, lässt sich durch Vergleichsmessungen mit einem Blutzuckermessgerät herausfinden", sagt Dr. Guido Freckmann vom Institut für Diabetes-Technologie in Ulm. Manche Nutzer entwickeln eine Allergie auf Sensor-Bestandteile.

Wann die Krankenkassen zahlen:

Viele Kassen übernehmen die Kosten für das FGM-System bei einer intensivierten Insulin- oder Pumpentherapie. Meist genügt ein ärztliches Rezept.

4. Zuckerwächter für sechs Monate: Das Langzeit-CGM

Wie es funktioniert:

Ein Arzt setzt in lokaler Betäubung eine Sensor-Kapsel am Oberarm unter die Haut, wo sie 180 Tage verbleibt. Ein Transmitter auf der Haut funkt die Werte an ein Smartphone. Dieses gibt ein Warnsignal ab, wenn der Blutzucker zu stark steigt oder fällt. Zudem vibriert der Transmitter. Der Nutzer muss diesen täglich laden, das Pflaster wechseln und das System zweimal täglich kalibrieren.

Für wen es sich eignet:

Für alle, die ein CGM brauchen, aber den Sensor nicht alle sechs bis zehn Tage wechseln möchten. "Oder für Menschen, die etwa die Pflaster anderer Systeme nicht vertragen", sagt Diabetologe Dr. Dietrich Tews aus Gelnhausen. "Weil sich der Sender zwischendurch entfernen lässt, kann man länger ins Wasser und auch in die Sauna. Letzteres verträgt kein CGM-Sender. Die meisten eignen sich auch nicht für längeren Wasserkontakt."

Mögliche Probleme:

Bislang bieten nur rund 250 Praxen und Kliniken die Implantation an. Mögliche Risiken: Infektionen, Schmerzen, Blutergüsse an der Implantationsstelle. Durch den Schnitt bilden sich mehr oder weniger sichtbare Narben. Mitunter funktio­niert der Sensor nicht 180 Tage.

Wann die Krankenkassen zahlen:

Das hängt von Kasse, Bundesland, Sachbearbeiter und vom Verhandlungsgeschick ab. Einige Kassen zahlen das System noch nicht.

Das berichten zwei Betroffene

Katharina K. (29), Typ-1-Diabetes:

"Seit ich ein CGM-System trage, kann ich ohne Angst vor Unterzuckerungen ins Bett gehen. Bahnt sich ein Zuckertief an, piepst der Empfänger so lange, bis ich aufwache. Früher habe ich nächtliche Hypos verschlafen. Oft musste meine Mutter den Notarzt rufen. Um das zu vermeiden, habe ich meine Werte extra hoch gehalten. Nun versuche ich den Weltrekord ‚Typ-1-Dia­­betiker mit dem besten HbA1c-Wert‘ zu knacken."

Thomas B. (50), Typ-1-Diabetes:

"Zwei Jahre lang habe ich meinen Zuckerspiegel mit einem Sensor am Arm überwacht und mir die Werte mit einem Scanner anzeigen lassen. Nun messe ich wieder per Fingerpiks, weil ich eine Allergie auf das Sensorpflaster entwickelt habe und es mich gestresst hat, ständig das Auf und Ab meiner Werte zu sehen. Bei der manuellen Messung freue ich mich über jeden guten Wert. Außerdem bekomme ich ein besseres Gespür, ob ich zu hoch oder zu tief liege. Einfach nachschauen geht ja nicht."