Neu im Job mit Diabetes

Für Menschen mit Diabetes stellt sich die Frage: Wie gehe ich mit meiner Krankheit um? Zwei Berufseinsteiger und eine Psychologin geben Antworten

von Sabine Lotz, Angela Boschert, 26.06.2019

"Mit Diabetes kann ich alles schaffen: Auch Dienst in der Notaufnahme"

"Meinen Diabetes Typ 1 habe ich seit 14 Jahren. Ich gehe schon immer offen damit um. Ich trage zum Beispiel meinen Glukosesensor am Arm und die Insulinpumpe am Gürtel. Dass mich der Diabetes bei meinem Beruf behindern könnte: Daran hatte ich gar nicht gedacht. Doch im Vorstellungsgespräch bei der Krankenpflegeschule erhielt ich zunächst einen kleinen Vortrag, der Pflegerinnenberuf sei doch zu schwer für mich, zu stressig. Dennoch bekam ich die Ausbildungsstelle im Raum Stuttgart.

Gleich von Anfang an war ich voll eingespannt: Einsätze überall im Klinikum, auch in der Notaufnahme. Anfangs hatte ich Sorge wegen der Nachtdienste. Mit meinen Kollegen vereinbarte ich deshalb, dass ich immer Obstsaft dabeihabe und bei Unterzucker kurz den Raum verlasse und davon trinke. Dafür hatten alle Verständnis.

Um auch bei Hochbetrieb einen Unterzucker rechtzeitig zu bemerken, habe ich immer mein Handy dabei. Es kommuniziert über Bluetooth mit dem Glukosesensor und warnt mich, sobald der Zucker die eingestellten Grenzwerte überschreitet. Gibt es Alarm, kann ich schnell checken, was los ist. Dann trinke ich zum Beispiel einige Schlucke Saft und bin weiterhin einsatzfähig.

Vielleicht liegt es an meiner Ausbildungsstelle in einem medizinischen Beruf: Alle meine Kollegen waren interessiert und stellten viele Fragen. Ob ich Typ 1 oder Typ 2 sei, ob ich damit überhaupt arbeiten könne, ob ich häufiger Pausen brauche. Und sogar, ob ich Zucker essen dürfe. Die Ärzte im Klinikum fragten, wie der Alltag und die Arbeit mit einem Glukosesensor läuft.

Dass mich jemand wegen des Dia­betes schlecht behandelte oder mir etwas nicht zutraute: Das habe ich während meiner Ausbildung nie erlebt. Seit Oktober vergangenen Jahres bin ich fest angestellt in der Notaufnahme unserer Klinik, und ich bin überzeugt: Mit Diabetes kann man alles schaffen, wenn man gut auf sich aufpasst. Und den Kollegen das Gefühl gibt, dass die Krankheit kein großes Problem ist."

"In stressigen Situationen rutsche ich öfter mal in den Unterzucker"

"Den Diabetes Typ 1 habe ich schon seit zehn Jahren. Ich kann nichts dafür, muss mich aber um ihn kümmern. Schon bei der Bewerbung um eine Banklehre gab ich deshalb an, dass ich Diabetes Typ 1 habe. ‚Endlich mal ein Arbeitnehmer, der ehrlich ist‘, sagte mein künftiger Chef. So konnten wir offen darüber reden, was der Diabetes am Arbeits­platz bedeutet. Und ich konnte klarmachen, dass er mich bei meiner Tätigkeit nicht einschränkt.

Meine Kollegen habe ich möglichst schnell über den Diabetes informiert. Dennoch hatte ich Sorgen, sie würden ärgerlich. In stressigen Situationen kann es mir passieren, dass ich in den Unterzucker rutsche. Aber die Kollegen waren verständnisvoll. Sie wussten, dass ich mich dann setzen und schnell etwas Süßes essen muss. Mich ärgert ja selbst, dass ich bei einer Unterzuckerung nicht zeigen kann, was ich draufhabe.

Viele Kollegen interessierte, wie das Leben mit Diabetes ist, wie Blutzuckermessen und Insulingeben abläuft. Meine Erfahrung: Ehrlichkeit siegt, Offenheit hilft. Übrigens auch in meinem neuen Job als Programmierer, wo ich ebenfalls von Anfang an wegen des Diabetes offen war."

 

Interview: "Die Kollegen nicht überfordern"

Ein neuer Job: Soll ich den Diabetes verheimlichen?

Das ist eine persönliche Entscheidung. Viele empfinden es als weniger anstrengend, über den Diabetes zu sprechen, als ihn zu verschweigen. Denn Blutzucker und Arbeit hat man besser im Griff, wenn man nicht ständig nach Gelegenheiten suchen muss, um heimlich zu messen oder zu spritzen.

Wann ist ein guter Zeitpunkt, um die Kollegen zu informieren?

Vielleicht nicht unbedingt am ersten Tag und nicht ausgerechnet während der ersten wichtigen Teamsitzung. Wer da plötzlich mit Messgerät und Pen hantiert, stört vielleicht nicht nur, sondern überfordert die Kollegen auch. Besser ist es, die Diabetes-Utensilien dann auszupacken, wenn alle halbwegs entspannt sind, weil gerade Pause ist. Und dann erklärt man ruhig, was man da tut.

Wie reagieren die Kollegen in der Regel?

Die meisten sind freundlich und verständnisvoll. Kommen Bemerkungen, dann höchstens in Richtung: "Davon merkt man ja gar nichts" oder "Mein Schwager hat das auch". Manche Kollegen reagieren allerdings empfindlich auf Blut. Darauf sollte man Rücksicht nehmen.

In der Arbeit messen und spritzen — eine gute Idee?

Auch mit viel Routine: Diabetesmanagement braucht Zeit. Offiziell haben Dia­­betiker zwar kein Recht auf Sonderpausen, aber kaum ein Arbeitgeber wird einem Menschen mit Diabetes verbieten, während der Arbeitszeit seinen Blutzucker zu messen und Insulin zu spritzen. Manchmal muss man sich im neuen Job mehr bewegen oder hat mehr Stress. Das kann häufigeres Messen nötig machen. Das würde ich auch offen beim Chef ansprechen.

Wie bereitet man die Kollegen auf Notfälle vor?

Am besten bringt man das Thema Unterzuckerungen in kleiner Runde zur Sprache. Dabei ist es wichtig, den Kollegen zu vermitteln, dass man gut auf sich aufpasst und nicht sie, sondern man selbst die Verantwortung hat. Erst dann sollte man erklären, woran man eine Unterzuckerung erkennt und wie die Kollegen am besten reagieren.