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Gibt es genug Diabetologen in Deutschland?

Menschen mit Diabetes werden hierzulande nicht nur von Hausärzten sondern auch von Diabetologen behandelt. Doch gibt es genug solcher Spezialisten? Wie es um die Versorgung von Menschen mit Diabetes steht, zeigen unsere interaktiven Karten. Plus: Was getan werden muss, damit es auch in Zukunft genug spezialisierte Ärzte gibt

von Tina Haase, aktualisiert am 28.01.2021

 

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Aktuell haben in Deutschland rund acht Millionen Menschen Typ-2-Diabetes. Das schätzen Experten im Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2021. Sie gehen davon aus, dass hierzulande jährlich 500.000 Menschen neu die Stoffwechselkrankheit bekommen. Nach neuesten Berechnungen erwarten die Wissenschaftler bis 2040 einen Anstieg auf bis zu zwölf Millionen Erkrankte. Unter Typ-1-Diabetes leiden derzeit rund 370.000 Menschen. Auch hier steigen die Zahlen. Und es gibt andere Diabetesformen, die seltener vorkommen.

Aber wie sieht die Versorgung der Patienten aus? Und ist für genügend Arzt-Nachwuchs gesorgt – bei den steigenden Zahlen der Betroffenen? Der Diabetes Ratgeber wertete die verfügbaren Daten von Diabetologen in Deutschland aus, die Ende 2020 bei der Stiftung Gesundheit gelistet waren.

Das Ergebnis der Momentaufnahme: Es gibt hierzulande rund 6000 Dia­betologen, die Erwachsene behandeln. Das zeigt die Karte oben. Zur Versorgungslage von Kindern mit Diabetes geht es hier. Diabetologen sind in der Regel Fachärzte, etwa Internisten oder Allgemeinmediziner, die eine ein- bis zweijährige Weiterbildung absolviert haben. Auch Endokrinologen behandeln Menschen mit Diabetes. Der Großteil der Diabetologen und Endokrinologen arbeitet in Kliniken. Ungefähr 2000 dieser spezialisierten Ärzte finden sich in den rund 1100 Diabetes-Schwerpunktpraxen, ergab die Auswertung der Daten der Stiftung Gesundheit.

Hausärzte sind der erste Ansprechpartner

Viele Millionen Diabetes-Erkrankte und nur 6000 Diabetologen: Wie kann das sein? Die Versorgung der Menschen mit Diabetes erfolgt auf drei Ebenen: bei Hausärzten, in Diabetes-Schwerpunktpraxen und in Kliniken. In Krankenhäusern werden Patienten mit schweren Komplikationen behandelt. Hausärzte versorgen 80 bis 90 Prozent der Patienten permanent. Erfreulich: Viele von ihnen haben Weiterbildungen im Bereich Diabetes absolviert und bieten für Typ-2-Diabetiker Therapie- und Schulungsprogramme an, fand der Diabetes Ratgeber im Rahmen der Datenrecherche bei der Stiftung Gesundheit heraus.

Behandlung in der Schwerpunktpraxis

10 bis 20 Prozent der Erwachsenen mit Diabetes benötigen eine ständige oder vorübergehende Behandlung in einer Schwerpunktpraxis oder Krankenhausambulanz. Menschen mit Typ-1-Diabetes oder einem schwer einstellbaren Typ-2-Diabetes werden hier betreut. Aber zum Beispiel auch Patienten mit einer seltenen Diabetesform, die auf Spezialisten angewiesen sind.

Ist unter diesen Umständen deutschlandweit eine wohnortnahe Versorgung gewährleistet? Die Karte zum Thema "Diabetologen in Schwerpunktpraxen" (siehe unten) zeigt, dass es regional erhebliche Unterschiede gibt. Der Weg zum nächsten Spezialisten kann in ländlichen Gebieten durchaus ein bis zwei Stunden dauern. Privatdozent Dr. Erhard G. Siegel, Ärztlicher Direktor des Diabeteszentrums im St. Josefskrankenhauses Heidelberg, hat die Versorgungsstrukturen untersucht. Er hat sogar "teilweise auch deutliche Versorgungsdefizite festgestellt" (Quelle: Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2021).

Neben Hausärzten und Diabetologen sind auch Nichtmediziner mit der Versorgung von Menschen mit Diabetes betraut. So übernehmen nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) derzeit gut 5000 Diabetesberaterinnen und -berater wesentliche Teile der Therapie und Schulung. Sie arbeiten in Kliniken, Schwerpunktpraxen und teilweise in Hausarztpraxen. Auch Diabetes-, Wundassistentinnen und Diabetespflegefachkräfte sorgen für eine umfassende Betreuung der Menschen mit Diabetes in Krankenhäusern und Praxen.

 

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Hohes Durchschnittsalter der Diabetologen

Das Durchschnittsalter der Diabetologen in Deutschland liegt bei 60 Jahren, ergab die Datenrecherche. Die genaue Altersverteilung der Ärzte zeigt das Diagramm unten. Viele Diabetologen gehen in den nächsten Jahren in Rente. Doch ist für genug Nachwuchs gesorgt? Keineswegs. "Parallel zur deutlichen Zunahme der Zahl der Erkrankten, die durch Diabetologen und Endokrinologen zu betreuen sind, hat sich die Zahl der entsprechenden Lehrstühle an Universitäten in den letzten drei Jahrzehnten fast halbiert", warnt die Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft Professorin Monika Kellerer.

 

 

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Ernst zu nehmende Nachwuchssorgen

Diese Entwicklung wurde unter anderem durch das 2003 eingeführte Vergütungssystem beschleunigt. Die Behandlung von Menschen mit Diabetes benötigt Zeit, Ärzte müssen viel erklären. Doch das Vergütungssystem "benachteiligt diese sogenannte sprechende Medizin", sagt Monika Kellerer, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Innere Medizin I am Marienhospital in Stuttgart. "Wir brauchen den Erhalt und Ausbau der diabetologischen Lehrstühle", so die Diabetologin. "Wer soll sonst den ärztlichen Nachwuchs in Zukunft ausbilden, wer die Patienten betreuen und klinische Studien durchführen?" Monika Kellerer fordert Politik und Entscheidungsträger auf, die Weichen dafür zu stellen, dass auch in Zukunft genug Spezialisten für Versorgung und Forschung in der Diabetologie zur Verfügung stehen. Sonst ist ein Engpass an Diabetologen zu erwarten.

 

 

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