Diabetes und Demenz: Doppelte Last

Eine Demenz ist das Schreckgespenst des Alters. Wenn Menschen mit Diabetes daran erkranken, bedeutet das für Betroffene und Angehörige eine enorme Belastung
von Daniela Pichleritsch, aktualisiert am 02.10.2015

Wo wohne ich? Eine Demenz-Patientin hat ihre Adresse auf die Hand notiert

W&B/Stephan Höck

Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat Klaus K. Typ-1-Dia­betes. Rund 100 .000 Insulin-Injektionen hat er sich im Laufe der Jahrzehnte gesetzt, mindestens fünfmal am Tag, gewissenhaft und regelmäßig. Das Abschätzen der Dosis, das Hantieren mit Insulinpen und Blutzucker-Messgerät: alles Routine. Nichts, was den gelernten Konstrukteur vor besondere Herausforderungen gestellt hätte.

Heute jedoch macht der 77-Jährige einen ratlosen Eindruck, als seine Frau Ute ihn bittet, den Pullover hochzuschieben, damit sie ihm die Spritze geben kann. "Was willst du?", fragt er. Seine Stimme klingt ungehalten, verwirrt. Er versteht nicht, weshalb der Piks in den Bauch notwendig ist. Er hat vergessen, dass er Dia­betes hat. Und mit dem Pen in seiner Hand wüsste er nichts mehr anzufangen. Denn K. leidet an Demenz. Vor gut sechs Jahren haben Ärzte die Krankheit bei ihm diagnostiziert.

Diabetiker erkranken häufiger an einer Demenz

Bundesweit sind mehr als 1,4 Millionen Menschen von einer Demenz betroffen. In der Altersgruppe der 65- bis 70-Jährigen ist es nur etwa jeder Hundertste, von den über 90-Jährigen hat dagegen bereits jeder Dritte eine Demenz unterschiedlichen Grades. Der Name "Demenz" stammt aus dem Lateinischen: "de mens" bedeutet "weg (de) vom Geist (mens)". Was treffend den Verlust geistiger, aber auch emotionaler und sozialer Fähigkeiten beschreibt, der für die Krankheit typisch ist und im Laufe der Jahre immer weiter fortschreitet.

Menschen mit Diabetes erkranken häufiger an Demenz als Stoffwechselgesunde. Das gilt besonders für die häufigste Form, die sogenannte Alzheimer-Krankheit. Bei der Alzheimer-Krankheit gehen im Laufe der Zeit immer mehr Nervenzellen und Nervenzellkontakte im Gehirn zugrunde. Die Folge sind Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, aber auch Probleme mit der Sprache, Störungen des Denk- und Urteilsvermögens und Veränderungen der Persönlichkeit.

Fördern Unterzuckerungen den Gedächtnisschwund?

Als zweithäufigste Demenz­-Ursache gelten Durchblutungsstörungen im Gehirn, oft infolge von Dia­betes, Bluthochdruck und hohen Cholesterinspiegeln. Nicht selten leiden Demenz-Patienten gleichzeitig an Alzheimer und Durchblutungsstörungen.

Warum Diabetes die Wahrscheinlichkeit erhöht, im Alter an Demenz zu erkranken, ist nicht völlig geklärt. "Es gibt Hinweise, dass schwere Unterzuckerungen eine Rolle spielen", sagt der Geriater und Diabetologe Dr. Dr. Andrej Zeyfang vom Stuttgarter Agaplesion Bethesda Krankenhaus. Eindeutig bewiesen sei der Zusammenhang allerdings nicht, Studien lieferten bislang zum Teil widersprüchliche Ergebnisse.

Aktiver Lebensstil kann schützen

Zwar gibt es verschiedene Wirkstoffe, die die Symptome einer Demenz zumindest in der Anfangszeit abschwächen können. Das Fortschreiten der Krankheit vermögen sie aber nicht zu stoppen. Zudem ist ihr Erfolg im Einzelfall kaum absehbar – und oft machen den Betroffenen erhebliche Nebenwirkungen zu schaffen.

Das heißt nicht, dass Demenz ein Schicksal sein muss, dem man sich hilflos zu fügen hat. Vor Kurzem haben finnische Wissenschaftler nämlich in einer aufwendigen Studie mit mehr als 1000 Teilnehmern erstmals bewiesen, dass eine konsequente Änderung des Lebens­stils nicht nur für unsere Gesundheit wichtig ist, sondern auch die geistige Leistungsfähigkeit verbessert.

Die Teilnehmer der Studie waren mindestens 60 Jahre alt und hatten ein erhöhtes Demenz-Risiko – etwa weil sie an Krankheiten wie Bluthochdruck oder Dia­betes litten. Die Hälfte der Teilnehmer absolvierte mehrmals wöchentlich ein betreutes Bewegungsprogramm, wurde regelmäßig zu ihrer Ernährung beraten und machte Übungen zum Gehirntraining am Computer. Nach zwei Jahren schnitten sie bei Tests zur geistigen Leistungsfähigkeit um 25 Prozent besser ab als die übrigen Teilnehmer. Die Leiterin der Studie, Professorin Miia Kivipelto, wagt daher die Prognose, dass eine Lebensstiländerung auch in fortgeschrittenem Alter das Auftreten einer Demenz möglicherweise um bis zu fünf Jahre hinausschieben kann.

Dement – oder nur vergesslich?

Anfangs macht sich eine Demenz meist durch ein nachlassendes Kurzzeitgedächtnis bemerkbar. Man vergisst zum Beispiel immer öfter Namen oder Termine oder sucht im Gespräch nach Wörtern. Zum Arzt, am besten einem Facharzt für Neurologie, sollte man spätestens dann, wenn die Vergesslichkeit im Alltag Probleme macht: etwa weil man ständig Termine vergisst oder Dinge an ungewöhnliche Plätze verlegt, zum Beispiel die Hausschlüssel in den Kühlschrank. Der Arzt kann mit gezielten Tests herausfinden, ob hinter zunehmenden Gedächtnis­lücken tatsächlich eine beginnende Demenz steckt oder ob diese andere Ursachen haben, die behandelt werden können. Etwa eine Depression oder eine Unterfunktion der Schilddrüse.

Auch gibt es Hinweise, dass die regelmäßige Einnahme bestimmter Medikamente, insbesondere von Schlafmitteln aus der Gruppe der Benzodiazepine, die Wahrscheinlichkeit erhöht, eine Demenz zu bekommen. Wer es sich zur Gewohnheit gemacht hat, solche Mittel zu nehmen, sollte rechtzeitig mit seinem Arzt über andere Methoden sprechen, Schlafstörungen in den Griff zu bekommen.   

Unterzucker als Hinweis auf Demenz

Bei Klaus K. führte eine schwere Unterzuckerung dazu, dass vor sechs Jahren die Demenz erkannt wurde. Der 77-Jährige hatte seinen Diabetes immerhin mehr als fünf Jahrzehnte gut im Griff gehabt. Bis er plötzlich eine so schwere Unterzuckerung bekam, dass seine Frau den Notarzt rufen musste. Der Grund für die Unterzuckerung war, dass Klaus K. seine Pens verwechselt und statt des lang wirkenden eine viel zu hohe Dosis schnell wirkendes Insulin gespritzt hatte. Etwas, das ihm zuvor noch nie passiert war.

"Wenn ein älterer Mensch mit Dia­betes erstmals oder gehäuft Unter­­zuckerungen bekommt, sollte man immer prüfen, ob sich eine Demenz anbahnt", sagt Dr. Anna Trocha, Diabetologin und stellvertretende Leiterin des Klinischen Diabeteszentrums am Elisabeth-Krankenhaus in Essen. "Denn das kann ein Hinweis sein, dass die geistigen Fähigkeiten, die für eine Insulintherapie erforderlich sind, nachlassen." Trocha bietet daher jedem Diabetiker über 60, der mit einer Blutzuckerentgleisung in die Klinik kommt, einen Test zur Früherkennung einer Demenz an.

Diabetestherapie anpassen

Die Diagnose einer Demenz hat auch Konsequenzen für die Therapie des Diabetes. Einerseits ist es wichtig, Unterzuckerungen zu vermeiden. Wer eine Demenz hat, kann sinkende Werte oft nicht rechtzeitig erkennen und in richtiger Weise gegensteuern. Schwere Unterzuckerungen erhöhen aber nicht nur das Risiko für Unfälle, sie gefährden, vor allem bei älteren Menschen, auch das Herz. Zudem können sie den geistigen Abbau womöglich beschleunigen.

Andererseits sollte der Blutzucker nicht ständig überhöht sein. Bei hohen Werten ab etwa 180 mg/dl (10 mmol/l) steigt die Urinproduktion, weil der Körper versucht, überschüssigen Zucker auszuscheiden. Wenn man nicht genug trinkt, trocknet der Körper aus, es kann zu Kreislauf­problemen und in der Folge auch zu einer Verschlechterung der Demenz-Symptome kommen. "Bei älteren Menschen, ganz besonders bei Demenz-Patienten, sollten die Blutzucker-Zielwerte daher immer individuell mit dem behandelnden Arzt vereinbart werden", rät Altersmediziner Andrej Zeyfang.

In der Regel geht es bei Diabetespatienten mit Demenz weniger um das Vermeiden von Spätfolgen schlechter Zucker­werte, sondern vielmehr darum, akute Stoffwechselentgleisungen und deren Komplikationen zu verhindern. Bei der Anpassung der Diabetestherapie spielt natürlich auch die Lebenssituation eine wichtige Rolle. Etwa ob der Partner bei der Insulintherapie helfen kann oder ob diese Aufgabe von einem ambulanten Pflegedienst übernommen werden muss.

Medikamente sorgfältig wählen

"Zur Behandlung eines Typ-2-Diabetes sollten bei Demenz grundsätzlich keine Tabletten verwendet werden, die das Unterzuckerrisiko erhöhen", sagt Expertin Trocha. Am ehesten geeignet seien daher beispielsweise Metformin oder Tabletten aus der Gruppe der Gliptine. Trocha rät allerdings auch, bei der Diabetestherapie so lange wie möglich das vertraute Schema beizubehalten. Denn selbst gut gemeinte Therapievereinfachungen können einen Demenz-Kranken überfordern und zu Fehlern führen. Wichtig sei es außerdem, jemandem, der sich viele Jahre selbst um seinen Diabetes gekümmert hat, die Verantwortung für die Therapie nicht von einem Tag auf den anderen zu entziehen. Anfangs reiche es zum Beispiel oft, wenn ein Angehöriger oder eine Pflege­kraft den Betroffenen an seine Insulin-Injektion erinnert und aufpasst, dass er sich das richtige Insulin und die korrekte Dosis spritzt.

Gewichtsverlust vermeiden

Viele Menschen, die an Demenz erkranken, verlieren Gewicht – was ungünstig ist: Studien zeigen, dass die Lebenserwartung von Demenz-Patienten sinkt, wenn sie Gewicht abbauen. "Das Ziel sollte daher sein, nicht abzunehmen, sondern sein Gewicht zu halten", sagt Trocha. Der Grund für den Gewichtsverlust ist einerseits ein Nachlassen des Appetits und des Geschmacks­empfindens, oft schon früh im Verlauf einer Demenz-Erkrankung. "Dafür steigt häufig das Verlangen nach Süßem", weiß Trocha – vermutlich weil Süßes noch am besten geschmeckt wird. Dem solle man ruhig nachgeben, auch wenn der Blutzucker vorübergehend steigt.

In späteren Stadien werden Demenz-Patienten zudem oft sehr unruhig und entwickeln einen starken Bewegungsdrang – was eine Gewichtsabnahme ebenfalls verstärken kann. Dann kann es helfen, häufig kleine, mundgerechte Zwischenmahlzeiten anzubieten.

Wird Alzheimer behandelbar?

Auch wenn Wissenschaftler weltweit auf Hochtouren an neuen Therapien forschen: Der ersehnte Durchbruch zeichnet sich noch nicht ab. Große Hoffnungen werden derzeit vor allem in sogenannte "monoklonale Antikörper" gesetzt, die in den vergangenen Jahren bereits die Behandlung anderer chronischer Krankheiten, etwa Gelenkrheuma oder verschiedene Krebserkrankungen, deutlich verbessern konnten. Zwar lieferten klinische Studien erste Hinweise, dass sie auch bei einer Alzheimer-Demenz wirksam sind – doch wie groß dieser Nutzen tatsächlich ist und ob die Wirkstoffe auch gut vertragen werden, muss erst noch bewiesen werden.

Ideal wäre es, da sind sich die Forscher einig, wenn es gelänge, Alzheimer-gefährdete Menschen rechtzeitig zu identifizieren und mit einer gezielten Behandlung zu verhindern, dass sich in ihrem Gehirn die schädlichen Veränderungen bilden, die letztendlich zum Verlust der geistigen Fähigkeiten führen. Bis dahin bleibt eine gesunde Lebensweise der zuverlässigste Weg, sein Gehirn jung zu halten – und das Auftreten einer Demenz, solange es geht, zu verzögern.

Hier gibt es weitere Informationen für Demenz-Patienten:

  • Pflegestützpunkte und Beratungsangebote findet man in der Datenbank des Zentrums für Qualität in der Pflege unter www.bdb.zqp.de.
  • Zu Leistungen aus der Pflegeversicherung informiert das Bundesgesundheitsministerium unter www.bmg.bund.de, "Themen", "Pflege".
  • Eine Übersicht an Hilfsangeboten gibt es auf www.wegweiser-demenz.de, einer Internetseite des Bundesfamilienministeriums.
  • Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. berät und nennt Adressen von Gedächtnissprechstunden, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Der Verein bietet zudem Ratgeber (zum Teil kostenpflichtig). Tel. 030/259 37 95 14 oder 018 03/171017 (9 Cent pro Minute aus dem Festnetz), Mo bis Do  9 bis 18 Uhr, Fr 9 bis 15 Uhr, Internet: www.deutsche-alzheimer.de
  • Die Alzheimer Forschung Initiative e. V. bietet kostenlose Ratgeber. Bestellung telefonisch unter 08 00/ 200 40 01 (gebührenfrei) oder im Internet: www.alzheimer-forschung.de, "Aufklärung und Ratgeber".

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